Matthias Einwag Sie sind Millionen Jahre alt und geben Hinweise zu früherem Leben auf unserem Planeten - die Fossilien. Bernd Ludwig ist seit seiner Kindheit von versteinerten Urzeittieren fasziniert. Der 76-Jährige ist Ammonitenjäger aus Leidenschaft. Seit über 60 Jahren geht er dieser Passion nach.

In den Kellerräumen und Schuppen seines Hauses bewahrt er Abertausende dieser Urzeit-Relikte auf. Nach und nach bearbeitet er die Schnecken, Saurier und Belemniten (Donnerkeile). Er präpariert riesengroße und winzige Schnecken aus Kalksteinblöcken oder Schieferplatten, in die sie eingeschlossen sind. Der schwerste Block, den er in seinem Fossiliengarten lagert, wiegt rund 34 Zentner. Die kleinsten Goldammoniten sind fingernagelgroß.

Lesefunde sind selten geworden

Man muss wissen, wo man fündig wird. Früher war das einfacher, da bildeten aufgelassene Steinbrüche noch wahre Fundgruben. Versteinerte Schnecken waren einst auf der Staffelberghochfläche zu finden - einfach so, wenn man im Herbst über die abgeernteten und umgepflügten Felder ging. Heute ist das anders. Lesefunde sind selten. "In Kaider gab's die größten Schnecken", erinnert sich Bernd Ludwig. Und im Löwental hinterm Staffelberg war vor Jahrzehnten eine wahre Goldader - dort waren zahllose Goldammoniten im weichen Ornatenton zu finden.

Ein Blick für die Geologie

Bernd Ludwig, der Designer und ehemaliger Berufsschulehrer für Porzellanmalerei ist, kommt es nicht allein aufs Sammeln an. Er möchte vielmehr "etwas Wesentliches daraus machen". Entgegen kam ihm sein geologisches Wissen: "Wo Schilfgras wächst im Umkreis des Staffelbergs, dort sind auch Goldschnecken zu finden", sagt er. Der Ornatenton lasse nämlich kein Wasser durch und konserviere die Versteinerungen in einer meist etwa 1,80 Metern tief gelegenen, fossilienführenden Schicht. "Man kriegt ein Gefühl dafür und sollte die Schicht kennen", ergänzt er. Um sich besser orientieren zu können, kaufte er einst geologische Landkarten, die ihm Hinweise gaben. Das Suchen und Finden macht ihm Freude - und anschließend das Bearbeiten.

Mit Meißel und Skalpell

Zunächst arbeitet Bernd Ludwig die filigranen Strukturen der Schnecken, Donnerkeile und Saurierwirbel aus dem Gestein heraus. Mit Meißel, Handschleifer, Diamantfeile und Skalpell befreit er versteinerte Schneckenkörper und Skelettteile von taubem Gestein. Viel Feinarbeit ist erforderlich, um die markanten Rippen der Schalentiere nicht zu beschädigen. Danach lässt er die freigelegten Schnecken mit Schellack oder Steinöl ein. So werden daraus kleine Skulpturen. Obwohl er seit fast 40 Jahren in der Staffelsteiner Bahnhofstraße einen Laden für Kunstgewerbe und Fossilien betreibt, trennt er sich nur ungern von seinen Ammoniten. Über die skulpturartigen Riesenschnecken seines Fossiliengartens schwärmt er: "Da ist ein Stück schöner als das andere - wieso soll ich die verkaufen?"

Viele Fundorte sind ausgebeutet

Der 34 Zentner schwere Block aus dem Schwarzen Jura mit seinen 180 Millionen Jahre alten Einschlüssen kommt aus der Schwäbischen Alb. Bernd Ludwig hatte ihn vor Jahrzehnten gefunden, als dort eine Autobahn gebaut wurde. Damals waren solche Funde noch möglich - heute entdecke man so etwas höchstens noch zufällig beim Erdaushub für den Hausbau. Und auch im Umkreis des Walberla in der Fränkischen Schweiz, wo Bernd Ludwig einst mit Erlaubnis des jeweiligen Landwirts graben durfte, sei heute alles ausgebeutet. Wer jetzt dort suche, finde kaum noch etwas.

Bernd Ludwig stapelt die vor Jahrzehnten geborgenen Schätze in Kisten, Regalen und auf Paletten. Ob er diese Versteinerungen noch alle herauspräparieren kann? Lebenszeit ist endlich. Angesichts der zahlreichen unbearbeiteten Stücke zweifelt er selbst daran. Er muss diese Arbeit ja nicht tun. Sie macht ihm Spaß und bringt Freude: "Ich mach das vor allem für mich."

Seltene Schnabelechse

Eine 180 Millionen Jahre alte Schnabelechse war sein spektakulärster Fund. Das seltene Fossil brachte ihm einen jahrelangen Rechtsstreit ein, weil man ihm unterstellte, er wolle die steingewordenen Knochen verhökern. "Ich wollte sie nicht verkaufen", sagt er, "sondern für mein Museum haben." Der Rechtsstreit endete mit einem Vergleich: Das Original befindet sich heute im Naturkundemuseum Stuttgart; in seinem kleinen Museum kann Bernd Ludwig eine originalgetreue Replik dieses Tiers zeigen, das ein Bindeglied zwischen Meeresechsen und Landsauriern ist.

In Keller und Garage lagert Bernd Ludwig stapelweise Eierkartons voller Goldammoniten. Er fand sie beim Kiesabbau im Maintal, beim Bau der ICE-Tunnel durch die Eierberge und im Ornatenton des Löwentals. Verloren gegangen ist lediglich ein besonders schönes Goldschnecklein, das er einst beim Familienausflug fand: "Unser Cockerspaniel erwischte es, rannte davon und verlor es im Gras - weg war der Goldschneck."