von unserem Redaktionsmitglied 
Matthias Einwag

Horsdorf — Fast jeder hat so seinen kleinen Spleen. Hans-Karl Hertel sammelt Holz. Bretter kann man jedoch nicht ablegen wie Briefmarken. Dafür sind sie zu sperrig. In einer Scheune hebt Hans-Karl Hertel die besonders markant geformten und gemaserten Bretter auf. Diese "Launen der Natur" sind als Brennholz zu schade, findet der 58-Jährige. Daraus lassen sich - mit etwas Phantasie - wunderbare Gegenstände herstellen, die nicht nur Hingucker sind, sondern eine Wohnung atmosphärisch gestalten können.
Bretter von rund 30 Baum arten hat Hans-Karl Hertel auf Lager. Ahorn, Apfel und Birne sind darunter, aber auch seltenere wie Weißdorn und Holunder. Die Formen, Farben und Strukturen des Holzes faszinieren ihn. Schon als kleiner Junge wurde diese Leidenschaft bei ihm geweckt, denn er fuhr, wann immer möglich, mit ins Holz. "Des is a Sucht, a Krankheit - schlimmer als Alkohol und Nikotin", scherzt Hans-Karl Hertel über seine Leidenschaft; und Freunde nennen ihn wegen seiner Passion auch gern mal den "Waldgeist".


Obstbäume am Staffelberg

Als Holzmesswart ist er am Obermain stets dann im Einsatz, wenn Waldbesitzer ihre Bestände eingeschätzt haben möchten. Und am Fuß des Staffelbergs besitzt Hertel umfangreiche Obstwiesen mit über 100 Bäumen aus mindestens 30 Sorten.
Die 14 Bretter, die Hans-Karl Hertel an diesem Herbsttag an ein Scheunentor gelehnt hat, sind für den Laien zunächst noch nichts Besonderes. Erst durch seine Erklärungen tut sich ein Kosmos auf: Geschliffen und geölt, sagt er, komme die Maserung ganz stark raus. Garde roben oder LED-Lampen paneele ließen sich daraus anfertigen, die als besondere Hingucker in jeder Wohnung wirken. So ein Stück schaffe eine warme Atmosphäre. Und zum Beweis führt Hans-Karl Hertel in seine gute Stube. Stolz zeigt er eine Garderobe, die aus einem imposant gemaserten Brett angefertigt wurde. Die Stube selbst ist möbliert mit einem Tisch aus massivem Birnenholz und Stühlen, von denen jeder ein Unikat ist: Sitzfläche, Sprossen, Lehne, Beine - jedes Teil ist aus einem anderen Holz, aus Ahorn, Buche, Eiche, Apfel, Zwetschge und Birne. Der Schreiner brauchte pro Stuhl rund zehn Stunden Arbeitszeit, schätzt Hans-Karl Hertel. Natürlich sind auch die Deckentäfelung und die Bodendielen aus hellem Ahorn-Holz.


Lampe aus Birnbaum

Krönung aber ist die Lampe aus einem Birnbaumbrett, in das LED-Strahler eingelassen sind. "Der Birnbaum für die Lampe stand am Fuß des Staffelbergs", sagt Hertel. Nur ein passender Schrank fehle noch, merkt der Hausherr an, doch er wäre kein "Waldgeist", hätte er nicht schon das Kirschbaumholz dafür auf Lager, den Plan im Kopf.
Stundenlang könnte sich Hans-Karl Hertel über Hölzer und deren Besonderheiten unterhalten. Etwa darüber, dass man beim Einschneiden eines Baumstammes immer Überraschungen erlebe - positiv wie negativ. In vielen Stämmen finde er faszinierende Maserungsstrukturen - andere aber böten einen morschen Kern, den selbst der Fachmann nicht unter der gesunden Rinde vermutet hätte.
"Das ist Leben, das wird nie langweilig", beschreibt er seine Neugier, die Reise ins Innere des Baumstamms. Astlöcher werden zu Augen, krumme und ungenormte Strukturen zu Fabelwesen, wenn der Fantasiebegabte die aufgesägten Stämme mit Muße betrachtet. Mit den Baumstämmen ist das ein wenig so wie mit dem sagenhaften Fisch, der im Staffelberg verborgen sein soll: Bevor sie nicht aufgeschnitten sind, weiß keiner, welcher Drache oder Eber sich in der Maserung der Jahresringe versteckt.