A ls Marie das Wort Seuche von ihrem Vater hörte, kamen ihr sofort die Worte von ihreM Opa in den Kopf. Auch er hatte vor vielen Jahren beim Christbaum auf das Christkind gewartet und gehofft, dass durch das Christkind seine Brüder und seine Mutter gesund werden. Warum konnte das nicht auch dieses Jahr passieren mit diesem Coronavirus? Seit Monaten hatte sie Angst, dass sich ihre Mama oder ihr Papa, ihre Oma oder ihr Opa anstecken würden. Überall ist dieses Coronavirus, man sah es nicht und doch sprachen alle davon. Jetzt vor Weihnachten wäre genau der richtige Zeitpunkt, dass die vielen kranken Menschen, die sich mit dem Virus angesteckt haben, auch wieder gesund werden, so wie damals der Opa gehofft hat.

F ür Marie war es sicher: "Bestimmt kommt das Christkind an dieser Stelle vorbei, und ich werde es bitten, dieses Virus wegzunehmen." Da fiel ihr auf, dass ihr Opa gar nicht erzählt hatte, ob und wann das Christkind kam. Da sie ungeduldig war, wollte sie sofort zu ihrem Opa laufen und fragen, wie die Geschichte mit der Seuche vor 70 Jahren zu Ende ging. "Opa, Opa, ist die Seuche damals weggegangen, als du mit dem Christkind gesprochen hast?", fragte sie hastig ihren Opa. Sie war komplett außer Puste und ihr Atem ging schnell. Opa Leonhard war gerade dabei, seine Stube zu säubern, als seine Enkelin die Tür aufriss. L eonhard setzte sich in den Sessel. Vor seinem Auge kamen die Erinnerungen wieder hoch, wie er als kleiner Junge Sonntag für Sonntag in den Wald lief und bei dem geschmückten Baum stand und wartete. Seiner Enkelin erzählte er: "Nach einiger Zeit begann ich sogar, mit dem Christbaum zu reden. Das Christkind müsse doch endlich kommen. Doch es kam nicht. Ich wartete stundenlang und meine Füße waren schon kalt.

Und dann geschah etwas ganz Besonderes. Die Wolken zogen zur Seite, die Sonne kam heraus und umringt von Sonnenstrahlen hüpfte ein Eichhörnchen in Richtung des Christbaumes. Es setzte sich auf einen Zweig, und ich fand, neben all den Sternen und Holzfiguren an den anderen Zweigen schmückte das Eichhörnchen diesen Zweig besonders schön.

Es schien mich anzusehen, und ich kann nicht sagen warum, aber ich fing an, ihm meine Sorgen zu erzählen und meine Hoffnung auf ein Gespräch mit dem Christkind. Als ich fertig war und ich das Eichhörnchen nur noch schweigend ansah, hob es seinen Schwanz und hüpfte schnell in den Wald. H eute bin ich nicht mehr sicher, ob ich schlief oder wach war, doch als ich aufstand, da war etwas anders. Ich fühlte mich anders, viel leichter, als ob eine große Last von mir abgefallen wäre. Seltsam, ob das Gespräch mit den Eichhörnchen mir geholfen hatte? Ich ging nach Hause, und immer noch waren meine Brüder und meine Mutter krank, aber ich glaubte jetzt fest daran, dass alles gut wird. Ich habe keinem daheim erzählt, was mir passiert war, doch ich war mir so sicher, dass alles gut wird. Ich steckte meine ganze Familie mit meiner Hoffnung und Zuversicht an. Dabei hat mir die Begegnung im Wald geholfen, denn für mich war die Begegnung mit dem Eichhörnchen fast so, als ob das Christkind gekommen war."

Opa seufzte: "Tja, am Ende hatten wir die Seuche, den Keuchhusten, in unserer Familie und im ganzen Dorf besiegt. Wir wurden alle wieder gesund, doch es hatte noch etwas gedauert, noch bis ins neue Jahr rein, lange nach Weihnachten."

M arie sah ihren Opa an und konnte die Hoffnung von damals spüren. Opas Erklärung, dass er das Christkind in Form des Eichhörnchens traf, war für sie einleuchtend. Nicht immer passieren die Dinge so, wie wir sie erwarten, hatte er gesagt. "Schließlich ist das Jesuskind auch in einer Krippe auf die Welt gekommen und nicht in einem Königspalast", fiel Marie spontan ein.

E s war der erste Advent um sieben Uhr morgens, als Marie aufstand. Ihre Eltern waren noch im Bett. Sie zog sich an, packte eine Decke ein und schrieb ihrer Mutter ein paar Zeilen auf einen Zettel. "Ich bin beim Christbaum im Wald und rede mit dem Christkind. Ich bin gleich wieder zurück." Das reichte. Hastig zog sie ihre Jacke und Schuhe an, öffnete die Tür leise und schlüpfte hinaus. Marie kannte den Weg, sie ging ihn schnell und zielstrebig. Es war der Weg, den ihr Opa erst kürzlich ihr gezeigt hatte. Immer schneller lief sie. Wo war das nochmal?

Endlich erkannte sie den Holzhaufen, der kurz vor dem Christbaum am Wegesrand lagerte. Als sie ankam, blieb sie stehen und bestaunte den wunderschön geschmückten Christbaum. Sie setzte sich auf den kleinen Schlitten und legte sich die mitgebrachte Decke über ihre Beine. Mit der Zeit wurde ihr kalt und sie wurde müde. Sie schloss die Augen und dachte daran, dass ihr Opa an der gleichen Stelle vor vielen Jahren saß.

S ie wachte auf, da sie ein Rascheln hörte, und ihre Füße waren kalt. Doch was sie jetzt sah, ließ sie staunen, und tausend Glücksgefühle flossen durch ihren kleinen Körper. Direkt vor ihr stand nicht ein geschmückter Christbaum. Es waren nun zwei. Zwei Christbäume! Rechts neben dem ihr bekannten Baum war - wie durch ein Wunder - ein weiterer Baum geschmückt. Er hatte einige Sterne und Kugeln an den Zweigen und eine goldene Spitze auf dem höchsten Nadelzweig. Er war noch nicht so reichlich behangen wie sein großer Bruder, doch war er ganz klar ein zweiter Christbaum. "War der Baum schon geschmückt, als ich ankam? Weiß ich nicht mehr, keine Ahnung. Das ist die Handschrift des Christkinds", dachte Marie sofort. E s waren die Worte ihres Opas, die ihr in den Kopf kamen. "Nicht immer passieren die Dinge so, wie wir sie erwarten." Und nun steht hier ein zweiter Christbaum. Ohne, dass sie es bewusst tat, kniete sie sich auf den kleinen Schlitten nieder, der vor ihr stand. Sie faltete ihre Hände und fing an zu beten. "Liebes Christkind, wir brauchen dich, damit dieses Coronavirus endlich weggeht. Damit wir alle wieder zusammen spielen können, ohne Maske und ohne Abstand. Damit wir in der Schule im Pausenhof toben können und damit wir Gästen wieder die Hand geben können."

"Jetzt wird alles gut, da bin ich voller Hoffnung. Jetzt kann Weihnachten kommen."