W ie ich gelegentlich zu bemerken nicht müde werde, fußt der Gedanke, wonach Begegnungen kleine Wunder darstellen, auf der Idee eines echten Lichtenfelsers. Hier gelebt, hier gestorben, hier begraben.

Mit dieser Einstellung gerät man an verkappte Nobelpreisträger, mit ihr gerät man aber auch an Absurditäten und am Ende glaubt man, besoffen durch eine Geschichte von Franz Kafka zu latschen.

Und wenn man beim Latschen noch so nüchtern ist. Beginnen wir also mit den äußeren Umständen. Die bot die letzte Kneipenmusiknacht in Lichtenfels und ich wackelte so in Richtung Oberes Tor. Es war kurz nach 23 Uhr und um diese Uhrzeit erwartet man ja nichts mehr, höchstens eine Schlägerei, einen Reifenstecher oder einen Einbrecher auf der Flucht.

Keinesfalls hätte ich mit dem gerechnet, was folgen sollte. Da geht man so in Gedanken und ohne Arg - man ist halt naiv. Aber so eine malerische nächtliche Kleinstadt hat eben ihre Tücken und auch bei uns scheint es nun schon so weit gekommen, dass man auf wirklich alles gefasst sein muss. So gesehen unterscheidet sich Lichtenfels nicht sehr von New York oder Rio de Janeiro.

Was jetzt folgte, sollte mir das Blut in den Krampfadern gefrieren lassen. Ich trottete also gemäßigten Schrittes und gebeugten Hauptes in Richtung Oberes Tor und fragte mich, bei wem ich noch was zu trinken schnorren könnte.

Da sah ich in der Ferne zwei Frauen stehen, die im Aushang einer Bank die Immobilienpreise studierten. Es war die Szenerie ganz normalen Bausparerbürgertums und nichts ließ auf das schließen, was nun kommen sollte. Ich näherte mich den Damen, grüßte höflich auf gleicher Höhe und hatte sie im nächsten Moment auch schon passiert. Da plötzlich grüßte die eine Dame zurück, sprach mich an und nestelte dabei in ihrer Jackentasche herum. Wir kennen uns nicht weiter, nur so vom Sehen und auch eher aus der Ferne.

Also jedenfalls sprach sie mich nun an, es war dunkel, es war Nacht und es war der 7. Dezember und der Vorabend von John Lennons 39. Todestag. "Grüß dich", sagte sie und kramte dabei in ihrer Jackentasche herum, derweil ihre Freundin mich unverwandten Blicks anstarrte.

Dann holte die Grüßende einen länglichen Gegenstand aus ihrer Tasche und stellte ihn mir vor: "Guck' mal, das ist Zwiebelcreme in der Tube. Gibt's jetzt bei der Norma." Dachte, ich erzähle das mal.