von unserem Redaktionsmitglied 
Thomas Ahnert

Bayreuth — Jetzt, wo der "Siegfried" vorbei ist und nur noch die "Götterdämmerung" aussteht, die auch nicht sehr viel anders ist, kann man es ja sagen: "Die Walküre" ist, mit geradezu dramatischem Abstand, die beste Arbeit Frank Castorfs innerhalb seiner Bayreuther "Ring"-Tetralogie. Mit der weitgehenden Reduzierung des "Siegfried" auf Rezitative und Dialoge ist der relative Opernneuling vom Rosa-Luxemburg-Platz nicht wirklich klargekommen, und er hat die Flucht nach vorne in Aktionismus und banalen Zynismus angetreten.

Mount Rushmore im Ural

Alexandar Denic hat auch dieses Mal ein Bühnenbild auf die Drehscheibe gestellt, das von der Idee und vom Handwerklichen her durchaus eindrucksvoll ist, das aber diesen Aktionismus auch befördert. Auf der einen Seite findet sich der Mount Rushmore mit den vier riesigen, herausgemeißelten Köpfen. Allerdings ist der Berg nicht in den USA, sondern vielleicht im Ural oder Kaukasus, und es sind nicht die vier amerikanischen Präsidenten George Washington, Thomas Jefferson, Theodore Roosevelt und Abraham Lincoln, sondern Marx, der eher aussieht wie Engels, Lenin, Stalin und Mao Zedong. Sie werden eingefasst von zwei zum Gipfel hinaufführenden Holztreppenanlagen, auf denen vor allem die Sänger ihre Kondition beweisen können. Man kann sich natürlich fragen, warum ausgerechnet diese vier Gralshüter der Revolution - und um die geht es Castorf letztlich ja angeblich - wie Angst einjagende Basilisken den Nibelungenschatz in Fafners Höhle am Fuß des Berges bewachen. Aber man fragt sich auch, ob Castorf damit der Wagner'schen Mythologie der grauen Vorzeit die Mythologie des Kommunismus entgegensetzen will. Wenn ja, ist ihm die Erdung allerdings nicht gelungen.
Auf der Rückseite ist Denic ein kleiner Geniestreich gelungen. Da hat er auf wenigen Quadratmetern und mit wenigen Versatzstücken einen kleinen Teil des Alexanderplatzes an der Weltzeituhr aufgebaut. Und da wird die ganze Tristesse des Alltags und der Architektur der DDR geradezu körperlich spürbar - eine Steilvorlage für den Postdramatiker und Ostalgiker Frank Castorf, der seine Ostberliner Herkunft ja gerne in seinen Arbeiten instrumentalisiert.

Inszenieren gegen Wagner

Was fehlt, ist ein erkennbares Konzept. Als solches kann man ihm sein ständiges Inszenieren gegen Wagner nicht abnehmen, sondern nur als Attitüde. Die angekündigte "Ölspur" hat er - bis auf eine "Minol"-Leuchtreklame - verlassen. Stattdessen gibt es jede Menge Albernheiten wie Mimes Sklaven (statt des Wagner'schen Bären), der vor dessen Wohnwagen jede Menge Bücher für eine allerdings nicht vollzogene Bücherverbrennung aufhäuft. Da schmiedet Siegfried zwar Nothung, aber Fafner erschießt er mit einer Kalaschnikow, die er vorher ausbuddelt und zeitüberbrückend zusammenbaut. Dass Fafner mit perforierter Lunge noch fünf Minuten singen kann, ist erstaunlich. Da ist die schlafende Brünnhilde, die von Siegfried nur durch Zufall unter Plastikabfall auf einer Müllkippe vor Fafners Höhle gefunden wird. Wie sie von den Ölfeldern von Baku überhaupt dahin gekommen ist? Vermutlich wurde sie verlegt, als das Bühnenbild zur "Walküre" abgebaut wurde - eine Erklärung, die für Castorf viel zu vernünftig ist.
Bei allem Unfug gibt es aber auch ein paar überzeugende Ideen: Etwa dass der Waldvogel durch eine lange Präsenz nicht nur zum Boten für Siegfried wird, sondern auch zu einem guten Geist. Dass da eine sexuelle Konnotation mitschwingt, ist allerdings erstaunlich angesichts Siegfrieds Liebesunfähigkeit und Vermeidung gegenüber Brünnhilde. Daran sind schon manche Kollegen von Castorf gescheitert, die hat er sehr gut auf die Bühne gebracht - bis Brünnhilde und Siegfried an getrennten Tischen vor dem Café am Alex sitzen und dieser sich volllaufen lässt.
Man hilft sich, indem man lernt, die Regie zu vergessen und sich auf die Musik zu konzentrieren. Für den im letzten Jahr ausgesungenen Lance Ryan hat Stefan Vinke die Partie des Siegfried übernommen. Keine schlechte Wahl vom sängerischen wie vom spielerischen Zugriff her. Aber er muss noch erheblich an seiner übermotiviert undeutlichen Artikulation arbeiten. Probleme hatte damit erstaunlicherweise auch der höchst agile Albert Dohmen als Alberich. Catherine Foster sang mit ihrem warmen Timbre eine wunderbare Brünnhilde, rutschte allerdings gelegentlich etwas zu tief. Andreas Conrad gab einen souverän zänkischen Mime. Und der "Wanderer" Wolfgang Koch war der wahrhafte Göttervater Wotan. Es war einfach ein Genuss, ihn zu hören und zu sehen.
Der Hauptgewinner aber war das Orchester. Kirill Petrenko und seine Leute hatten wieder gezaubert, hatten die Klarheit mal wieder auf die Spitze getrieben und ebenso analytisch wie hoch emotional musiziert. Der Erkenntnis, dass man Wagner so differenziert und kraftvoll, so zupackend und geheimnisvoll musizieren kann, war der große Mehrwert des Abends.