Dass der Franzose Jules Verne in seinen beiden Büchern "Von der Erde zum Mond" und "Reise um den Mond" viele Details der Apollo-Missionen 100 Jahre später vorhergesehen hat, ist ein bekanntes Kuriosum. Auf einem ganz anderen Niveau als der Jugendschriftsteller schrieb Ernest Morgan Forster (1879-1970), der hierzulande vor allem als der Verfasser der literarischen Vorlagen zu Filmen wie "Reise nach Indien", "Zimmer mit Aussicht" oder "Wiedersehen in Howards End" bekannt geworden ist. Der Chronist britischer Mittelschichts-Befindlichkeiten jedoch als Science-Fiction-Autor, als Schöpfer einer düsteren Dystopie gar?

Eintritt ist frei

Da muss man schon Spezialist sein, um das zu wissen - oder Fan der Uralt-Krachmusik-Spacerocker "Hawkwind" (was, die gibt's noch?). Denn die haben 2016 ein Konzeptalbum "The Machine Stops" veröffentlicht. Spezialist ist Christoph Wehr, der als Künstlerischer Leiter fürs Theater Wildwuchs, jene freie Truppe, die sich gerne sperriger Stoffe annimmt und formal viel riskiert, die kurze Geschichte bearbeitet hat. Herausgekommen ist eine Hörspielfassung von "Die Maschine steht still", vorgetragen von vier Sprecherinnen und Sprechern, untermalt von Piano-Girlanden sowie elektronischem Gluckern, Pochen und Fauchen, mit einem Videokunst-Bildschirm an der Front des Innenhofs des Palais Schrottenberg, in dem die bedrückende Vision zu sehen ist. Bei freiem Eintritt (Spenden in der derzeitigen Lage jederzeit willkommen) und parallel zu einer Version auf der Homepage des Theaters (www.wildwuchs-bamberg.de).

Was Forster 1909 vorausgesehen hat - man bedenke: Noch gab's kaum Autos, Telegrafen und ein rudimentäres Telefonnetz, an Fernsehen, Computer, künstliche Intelligenz war noch gar nicht zu denken -, ist im 21. Jahrhundert Realität geworden. In mancher Hinsicht mehr als uns lieb sein kann. Denn der Autor trieb nur auf die Spitze, was sich heute bereits abzeichnet. Die Menschen hocken in bienenwabenartigen unterirdischen Zellen, versorgt durch die "Maschine", verbunden durch diverse Kommunikationskanäle, die Erdoberfläche ist nur noch Schmutz und Asche, heißt es einmal. Die Mutter Vashti ist mit dem berührungslosen Leben zufrieden, ihr Sohn Kuno, am anderen Ende der Welt lebend, rebelliert. Er will mit ihr nicht über die Maschine kommunizieren, lockt seine Mutter in die eigene Wabe und erzählt von einem Ausflug in die reale Welt, der rüde unterbunden wird.

Verblüffende Parallelen

Im weiteren Verlauf mutiert die Maschine zu einem gottgleichen Wesen, die Menschheit versinkt "in wohlgefälliger Dekadenz". Bis das System in die Krise gerät, die Maschine ausfällt und "grauenerregende Stille" eintritt. Wer dächte dabei nicht ans Internet, an nicht enden wollende Kommunikation via Mails, sogenannten sozialen Medien, die Vereinzelung vor dem Rechner gerade in Corona-Zeiten? Verblüffend sind die Parallelen von Forsters Dystopie zur Jetztzeit. Die Maschine ist ein totalitärer Verblendungszusammenhang, man denkt an Huxleys "Brave New World" und vor allem Orwells "1984". Doch dessen Roman erschien 1949, 40 Jahre nach Forsters Story. Wer hat sich da von wem inspirieren lassen?

Neben Wehr agieren Therese Frosch, Marilena Lippmann und Frederic Heisig in wechselnden Rollen stehend hinter der Glasfront der Schrottenberg-Bar, einheitlich gekleidet wie "Kraftwerk"-Musiker.

Ganz besondere Akzente setzt Dominik Tremel an E-Piano und diversen elektronischen Gerätschaften. Sein Soundtrack zur beklemmenden Geschichte ist ein eigenes Kunstwerk; Videokunst schaffte Daniel Oppelt. Das alles ist wie immer beim Theater Wildwuchs hoch ambitioniert, nicht unanstrengend, jedoch mit viel Herzblut und Können umgesetzt und mit Gewinn zu sehen und zu hören.

Immerhin endet die Geschichte mit einem Hoffnungsschimmer: "Die Menschheit hat ihre Lektion gelernt." Wer's glaubt.