Vor 200 Jahren, am 10. Dezember 1820, kamen der Höchstadter Naturforscher Johann Baptist Ritter von Spix und sein Erlanger Kollege Carl Friedrich Philipp von Martius nach einer dreieinhalbjährigen Expedition zur Erforschung Brasiliens wieder in München an. Nach Zwischenstationen im Gold- und Diamantengebiet, in den Hafenstädten Salvador da Bahia und Belém, ging es vom Mündungsgebiet des Amazonas stromaufwärts nach Manaus und nach Ega an der Einmündung des Yapurá. Ein Reisebericht des Höchstadter Spix-Vereins:

In Ega beschlossen die beiden, dass sie sich aus Zeitgründen trennen sollten und jeder eine eigene Erkundungsfahrt macht. Spix fuhr am 7. Dezember 1819 in einem kleinen, mit acht rudernden Indianern bemannten Kahn den Solimões hinauf, begleitet von einem noch kleineren Kanu, in dem sich der zum Jäger bestimmte Soldat und drei Indianer befanden. Er lernte einen Stamm kennen, die Uainumas, die er ausführlich beschrieb: "durchlöcherte Nasen und Ohren und ein um den Mund herum tätowiertes Oval". Auffällig ist, dass er hier zum ersten Mal von einer religiösen Vorstellung berichtet: von einem guten und einem bösen Wesen und von einem Leben nach dem Tod.

Auf der Weiterfahrt traf er noch auf mehrere Stämme, von denen er über die Mahauras schreibt: "Die Männer tragen in den Ohrläppchen und in beiden Lippen Hölzchen, sind aber nicht tätowiert. Sie verhüllen sich mit Bast und legen gefranste Baumwollbänder um Waden und Knöchel, die niemals abgenommen werden. Die Frauen gehen gänzlich nackt. Einem neu geborenen Knaben werden bereits nach drei Wochen die Lippen durchlöchert."

Er bemerkt aber auch: "Die außerordentliche Entvölkerung längs des ganzen Solimões hat ihren Grund hauptsächlich darin, dass die Indianer, aus ihren Wäldern und ihrem rohen Naturleben gezogen, der ungewohnten Lebensweise und den ihnen von den europäischen Ansiedlern mitgeteilten Krankheiten sehr leicht unterliegen."

Tabatinga, gelegen am Dreiländereck Brasilien, Peru und Kolumbien, war der westlichste Punkt seiner Reise. Von dort berichtet er von den Kulturen der verschiedenen Stämme und machte sich dadurch sehr um die Völkerkunde verdient. Die mitgebrachten Tanzmasken der Tikuna, der Juri und der Taboca sind weitgehend einmalig und werden im Museum "Fünf Kontinente" in München gezeigt. Ab Tabatinga aufwärts in Peru heißt der Solimões übrigens wieder Amazonas.

Auf dem schwarzen Fluss

Am 3. Februar 1820 kam Spix wieder nach Manaus zurück. Da Martius noch nicht zurück war, entschloss er sich, alleine den Unterlauf des Rio Negro zu befahren. Das Wasser des Rio Negro (Schwarzer Fluss) hat einen hohen Gehalt an Humin- und Fulvosäuren. In dem nährstoffarmen Wasser wachsen fast keine Pflanzen. Es gibt auch kaum Mückenlarven und daher praktisch keine Malaria. Die Spix'sche Forschertätigkeit beschränkte sich auf die Beschreibung des Waldes, der Bewohner und dem Anlegen von Wortlisten der verschiedenen Indianersprachen. Er kehrte am 26. Februar nach Manaus zurück, wo er am 11. März wieder mit Martius zusammentraf.

Martius war am 12. Dezember 1819 mit acht Schiffen und 56 Mann, darunter Kapitän Zany, der die Verkehrssprache der Indianer beherrschte und ein "erfahrener und mutvoller Freund war", den Yapurá hinauf gefahren. Er lernte die Völker der Marinhas und der Juri kennen, von deren Lebensweise er umfassend berichtet. Es mussten etliche Katarakte überwunden werden, beim denen die Boote und das Gepäck über Land zu tragen waren. Er erreichte am 28. Januar die Arara-Coara-Wasserfälle, tief im heutigen Kolumbien, die nicht zu überwinden waren und ihn zur Umkehr zwangen. Kapitän Zany war schon Tage zuvor schwer erkrankt und wurde, dem Tode nahe, in einer Siedlung der Miranhas zurückgelassen. Da auch Martius' Gesundheit stark angegriffen war, war dort ein längerer Aufenthalt erforderlich.

Dort geschah es, dass der Häuptling von einem Beutezug zurückkam und eine Reihe von Gefangenen mitbrachte. Martius nahm fünf Jugendliche als Geschenk an, wohl aus eigener Beobachtung wissend, dass diese "ohne Fürsorge dem sicheren Tod entgegen gingen". Zwei von den Jugendlichen starben schon bald, zwei ließ er in Ega bzw. in Pará zurück. Ein Mädchen nahm er mit nach München. Auf einer weiteren Zwischenstation auf seinem Rückweg nach Manaus bekam er noch einen Jungen geschenkt, den er ebenfalls mit nach München nahm.

Die Kinder erhielten die Namen Miranha oder Isabella und Juri oder Johannes. Da sie von verschiedenen Stämmen waren, konnten sie sich nicht verständigen. Vermutlich war geplant, sie zu Missionaren heranzuziehen und sie später wieder in ihre Heimat zurück zu schicken. Sie überlebten jedoch in München nur wenige Monate. Juri starb am 11. Juni 1821 und Miranha am 22. Mai 1822, vermutlich an Infektionskrankheiten, für die sie keine Abwehrkörper hatten.

Am 11. März 1820 war Martius in Manaus wieder mit Spix zusammen. Hier waren schon Briefe eingetroffen, die eine baldige Abfahrt eines Konvois nach Lissabon meldeten. Es hieß also, sich zu sputen und die Samm-lungen zu verpacken. Spix, dessen Gesundheitszustand sich erneut verschlechtert hatte, reiste mit einem Großteil der Expedition flussabwärts, während Martius in einem Kanu einen kleinen Nebenfluss hinauf fuhr und über einen natürlichen Kanal zu einem Dorf gelangte, wo ein Pater die Mundurucu missionierte. Er erwarb Pfeile, Bogen und besonders schönen Federschmuck. Er traf dann wieder am Amazonas auf Spix, der, immer noch geschwächt, auf dem größeren Boot weiter fuhr, während Martius es sich nicht nehmen ließ, mit dem Kanu eine weitere Mission zu besuchen.

Am 16. April kamen sie glücklich mit ihren gesamten Schätzen in Belém an. Hier hieß es, alles für die Seereise zu verpacken. Die Einheimischen kamen in Scharen zum Hafen, "um den Reichtum des ihnen selbst so wenig bekannten Vaterlandes zu betrachten". Am 13. Juni segelten sie an Bord der "Nova Amazona" los. Die Passagiere litten unter "der Tyrannei eines Kapitäns, dessen Benehmen nur durch Geiz, Eigennutz und geflissentliche Nichtachtung aller sittlichen Verhältnisse geleitet schien". Die lebenden Tiere und Pflanzen litten unter Wasser- und Futtermangel, da der Kapitän eine ausreichende Versorgung verbot, obwohl die beiden eigens auf eigene Kosten Futter und Wasser an Bord gebracht hatten. Am 23. August 1820 erreichten sie geschwächt, aber glücklich Lissabon.

Eine umfangreiche Ausbeute

Die Hoffnung auf eine kurze Erholung wurde zerstört, denn am Tag nach ihrer Ankunft brach in Lissabon die Revolution aus. Nach vielen Schwierigkeiten gelang es ihnen, ihre Fracht aus dem Zoll zu bekommen und mit einem österreichischen Schiff nach Triest zu versenden. Auf dem Landweg über Madrid, Barcelona, Lyon und Straßburg trafen sie am 10. Dezember 1820 in München ein. Nach der Rückkehr wurden sie in verschiedene Akademische Gesellschaften aufgenommen, erhielten eine Leibrente und viele Ehrungen. Sie wurden geadelt und zum Ritter geschlagen.

Ihre wissenschaftliche Ausbeute bestand aus 6500 Pflanzen und Samenkörnern, 2700 Insekten, 85 Säugetieren, 350 Vögeln, 150 Amphibien und Reptilien und 116 Fischen. Die Tanzmasken, der Federschmuck, die Waffen und die Gebrauchsgegenstände sind im Museum "Fünf Kontinente" ausgestellt. Münzen, Mineralien, Versteinerungen und vieles mehr waren Teil der Ausbeute.

Spix starb am 13. Mai 1826 an einer Tropenkrankheit - viel zu früh, um die Ausbeute wissenschaftlich bearbeiten zu kön-nen. Es ist nicht vermessen, zu sagen, dass, hätte er genügend Zeit gehabt, er gleichrangig in die Reihe der großen Naturforscher wie Humboldt zu stellen wäre. Der Botaniker Martius lebte noch viele Jahre in München und lehrte als Professor. Er starb am 13. Dezember 1868. red