Damals? Das war doch diese Zeit, als der Sprit noch Pfennige kostete, oder? Damals war aber auch mal Sonntagsfahrverbot wegen der Ölkrise. War es jetzt besser, damals, oder eher schlechter? Manches war besser. Es musste nicht jedes Wort auf die Goldwaage gelegt werden. Erstens, regte sich nicht so leicht jemand auf wegen dieses oder jenes Ausdrucks. Zweitens verhallte Gesagtes unmittelbar, nachdem es gesagt war. Es wurde nicht von 1000 Smartphones mitgeschnitten, gepostet, kommentiert und wieder kommentiert und wieder und wieder und - ächz. Das war besser. Dafür musste bei einem Unfall einer zum nächsten Dorf fahren, eine Telefonzelle suchen, hoffen, dass sie nicht kaputt war, und den Notarzt rufen. Das war schlechter. Aber dafür wurden Unfallopfer auch nicht gefilmt und dann gepostet und kommentiert, und wieder... Im Grunde war rückblickend damals das Beste, dass wir alle weniger Angst hatten, uns weniger unfrei fühlten, irgendwie unbeschwerter lebten. Dabei war damals so vieles so viel schlechter. Das will heute kaum einer glauben. Walter Wüllenweber kann ein Lied davon singen. Als er vor zwei oder drei Jahren sein Buch "Die frohe Botschaft" veröffentlichte, langten sich selbst seine Kollegen an die Stirn und meinten, er sei wohl nicht ganz trallalla. Dabei konnte er alles belegen. Weltweit, so schrieb er als Bilanz, sind die Menschen heute gesünder, reicher, sicherer, gebildeter und freier als jemals zuvor. Also auch als damals. Hunger, Kinderarbeit, Armut, Tod in bewaffneten Konflikten - das alles ist weniger geworden seit damals. Nur ungerechter ist die Welt geworden, wenn es um die Verteilung des Reichtums geht. Das musste er zugeben. Als er sein Buch schrieb, besaßen die 42 reichsten Milliardäre so viel wie die ärmere Hälfte der Menschen auf der Welt. Gut, die Hälfte der Weltbevölkerung ist aber auch stärker gewachsen, als die Zahl der Milliardäre - absolut gesehen. Was Wüllenweber wundert, und nicht nur ihn, ist die Überzeugung von 80 Prozent der Deutschen (seit Veröffentlichung der "Frohen Botschaft" wohl noch ein paar mehr), dass Gewalt und Kriminalität zugenommen haben. Das stimmt nicht. Die Welt insgesamt gesehen lebt nach seinen Recherchen in der friedlichsten Epoche überhaupt, seit wir auf ihr existieren und uns gegenseitig auf die Köpfe hauen. Und die Deutschen im Besonderen leben gar in der sichersten Region dieser friedlicher gewordenen Welt. Was ist dann los mit uns? Warum suchen wir nichts so sehr wie etwas, wovor wir uns fürchten können? Es ist ein Phänomen, das alles andere als neu ist. Menschen nehmen Verbesserungen kaum wahr. Und wenn, dann halten sie sie nach kurzer Zeit einfach für selbstverständlich. Die Ozonschicht hat ein Loch? Ogottogott! Sie hat sich erholt (das hat sie wirklich)! Hm? Vieles ist super in Deutschland und der Welt. Aber es scheint fast so, als schlage nichts so sehr auf die Stimmung, als wenn alles gut ist. Wo doch gefühlt alles immer schlimmer wird. Aber was ist mit unserer Erinnerung? Damals, das war doch die Zeit, als die Flüsse im Müll und Abwasser zu ersticken drohten, die Luft schwanger war von Autoabgasen, die keinen Kat durchströmten, Kohleheizungen und Industrieemissionen, als jedes Dorf seine eigene Schutthalde betrieb, in der schlicht alles entsorgt wurde, was immer so an Müll anfiel. Damals waren Autos viel weniger sicher und es gab viel mehr Verkehrstote als heute. Seit damals haben wird so unglaublich viel verbessert, dass wir uns ruhig mal dafür auf die Schulter klopfen könnten. Machen wir aber nicht. Wir jammern, dass alles schlimmer wird. Und dann, dank Wüllenweber und einigen anderen Autoren, schien es schon so, als müssten wir einsehen, dass echt alles viel besser ist als früher. Da kam zum Unglück Corona. Wussten wir es doch! Es wird immer schlimmer. Alles.