"Die halbe Stadtmauer wurde schon niedergerissen, zwei Kirchen dem Erdboden gleichgemacht und einiges mehr. Ich glaube das reicht!" Stadtheimatpfleger Peter Genth (1938-1991) war inmitten einer Auseinandersetzung um den Erhalt des Bayerischen Hofs, was sich im Mai 1973 auch als Leserbriefduell mit einer Stadtratsmehrheit in der Lokalzeitung manifestierte. Was war geschehen und warum ist das Teil einer Geschichte über die Sanierung der Münnerstädter Altstadt? Seit 1972 hat die Gebietsreform in Bayern das Stadtgebiet um zehn Dörfer erweitert. Im Stadtrat saßen jetzt 20 Mandatsträger (nur Männer) und die Mehrheit wohnte in den neuen Gemeindeteilen. Mit Ferdinand Betzer (1933-2013), CSU, damals 39 Jahre alt, war ein Bürgermeister ins Amt gekommen, der, wenn schon keine Vision, dennoch klare Ziele hatte. Einiges davon konnte er in seiner 24-jährigen Amtszeit erreichen, nämlich Verkehrsentlastung und der Start ins Sanierungszeitalter.

Erster Stresstest

Verhältnismäßig schnell erreichte er einen Beschluss zur Ausweisung eines Sanierungsgebietes in der Altstadt, verbunden mit dem Ensembleschutz für den ganzen Bereich innerhalb der Mauern. Doch bereits der erste Stresstest drohte schiefzugehen. Bis in die höheren Behördenebenen herrschte in den 60er Jahren die Meinung vor, dass die Bundesstraße 19, die den Ort durchschnitt, verbreitert werden müsse. So wurde der damalige Nordeingang der Stadt durch Grundstücksankäufe erweitert und die Gebäude, wie das alte Brauhaus abgerissen. Die Vorgänger-Eigentümer der Metzgerei Glasauer wurden angehalten, ihr Haus um drei Meter von der Straßenkante weg zu bauen und der Bayerische Hof sollte weichen. Dieser verkehrsideologische Ansatz änderte sich erst zu Beginn der siebziger Jahre. In Münnerstadt dauerte das etwas länger. Zweimal hatte der Stadtrat in den zwanzig Jahren zuvor bereits eine umfassende Umgehung abgelehnt. So unterschrieben 1973 sechzehn Stadträte unter anderem den Satz: "Wäre es nicht ein Schildbürgerstreich, wenn der Stadtrat zwar das gesamte umliegende Stadtviertel einreißt, das gefährlichste Hindernis (Bayerische Hof, Red.) aber als einziges Gebäude erhalten bliebe". Das Gebiet "Marktplatz Nord" war als Sanierungsgebiet ausgewiesen worden, außer der Gaststätte, die sollte weg.

Münnerstadt war eine der ersten Gemeinden in Deutschland, der eine grundsätzliche Förderung im Rahmen des damals neuen Städtebauförderungs-Gesetzes zugesprochen wurde. Das hatte natürlich auch Verpflichtungen zur Folge, nämlich Sanierungsgebiete auszuweisen und die Reaktivierung in die Tat umzusetzen. Der Start war sehr holprig, denn die Mehrheit der Stadträte verstand unter Sanierung damals ausschließlich Abriss und modernen, zeitgemäßen Neubau. Die Denkmalpflege erreichte mit der Verkündigung eines umfangreichen Gesetzes am 1. Oktober 1973 endlich den lange von vielen eingeforderten, formalen Stellenwert in Bayern. Bis dahin war es mehr oder weniger kommunale Einstellungssache, wie man mit seiner Historie umging. Es hält sich noch immer der geflügelte Satz von der Modernisierungswut in Deutschland, "die nach dem Krieg mehr historische Bausubstanz vernichtete, als die Bomber der Alliierten es vermochten".

Für eine Sanierung eines historischen Gebäudes sprach sich hier vor Ort kaum jemand aus. War doch bereits um 1960 herum das Gasthaus zum Goldenen Löwen durch ein Wohn- und Geschäftshaus ersetzt worden. Geht doch! Der Bombentag am 1. April 1945 zerstörte neben der Marienkapelle auch das Gasthaus zum Adler samt Hausbrauerei, ein mächtiges Fachwerkgebäude. In diesem Bereich wurde nach dem Krieg nicht nur Schatzsuche betrieben, sondern große Wohn- und Geschäftshäuser errichtet, unter anderem ein Kino.

Wegweiser für Kulturstadt

Bürgermeister Betzer hatte damals den Abrissbeschluss zum Bayerischen Hof einfach ausgesessen. Das Rückgrat dazu besaß er, und er wurde inzwischen auch von anderen Behörden darin unterstützt.

Viele andere notwendige Entscheidungen in der jungen Großgemeinde überdeckten den Groll der Mandatsträger. 1975 begann eine Planungsgruppe aus dem württembergischen Ladenburg am Neckar Münnerstadt "aufzuarbeiten". Wie wir heute sehen können, war der 1976 "Rahmenplan zur Sanierung der Altstadt" der richtige Wegweiser für die Kunst- und Kulturstadt.

Heute werden die Akzente etwas anders gesetzt, jedoch liest sich die "Bibel" für die Altstadtplanung immer noch so, als wäre sie gestern für morgen geschrieben worden.

Peter Genth, einer der Motoren der ersten Sanierungsinitiative in den siebziger Jahren, schrieb in einem Beitrag zum Schulfernsehheft am Schluss etwas philosophisch, aber durchaus treffend und bis heute aktuell: "... unsere zweckmäßige Beton-Architektur hat ein wichtiges Bedürfnis unbefriedigt gelassen: der Mensch braucht das improvisierte, das Unvollkommene und den Kontrast des Nützlichen mit dem scheinbar Nutzlosen, das nur um seiner selbst willen besteht."