Karl-Heinz Hofmann Kronach —  Krebs und Covid-19-Infektion, wie wirkt sich das Coronavirus bei Krebserkrankungen aus? Weil es sich bei an Krebs erkrankten Menschen, laut Aussage von Experten, um einen Kreis von Menschen handelt, die durch das neuartige Virus als besonders gefährdet gelten, führte unsere Zeitung ein Gespräch mit der Onkologin und Vorsitzenden des gemeinnützigen Vereins "Gemeinsam gegen Krebs", Dr. Martina Stauch.

In ihrem Ambulanten Zentrum für Hämatologie/Onkologie/Gerinnung in Kronach herrscht Ausnahmezustand. Mit konkreten Zahlen kann sie leider nicht dienen, sagt sie zu Beginn des Gesprächs. "Derzeit steigen auch in Deutschland die Zahlen an Corona-Infizierten kontinuierlich, wie viele Patienten mit Krebserkrankungen zurzeit in Deutschland infiziert sind, ist mir nicht bekannt. Auch über den Verlauf der Infektion bei Patienten mit Tumoren liegen mir keinerlei aktuelle Daten vor", so Stauch. Sicher sei aber, dass Patienten mit aktiven Krebserkrankungen zur sogenannten Risikogruppe gehören, sagt die Onkologin. Besonders gefährdet seien Patienten mit einem geschwächten Immunsystem, wie man es bei akuten Leukämien und vor allem bei Lymphomen und einigen Hämoblastosen (bösartige Erkrankungen des blutbildenden Systems) finden könne. Eine verminderte Anzahl weißer Blutkörperchen, niedrige Immunglobuline (Antikörper) und Patienten mit aplastischen Anämien (Sonderform von Blutarmut) gehören ebenfalls zur Gruppe mit einem erhöhten Risiko. Das gilt unabhängig vom Erkrankungsalter. Bei älteren Patienten kämen dann häufig noch andere Risikofaktoren wie Diabetes mellitus, hoher Blutdruck und weitere chronische Erkrankungen hinzu.

Im Rahmen aktiver Tumortherapien sind die Risiken für eine zusätzliche Gefährdung laut Stauch unterschiedlich. Zu den aggressiveren Therapien, die mit einem erhöhten Infektionsrisiko einhergehen, gehören vor allem allogene Stammzelltransplantationen, die bei malignen hämatologischen Erkrankungen zum Einsatz kommen, Antikörpertherapien, die gezielt auf spezielle Lymphomzellen ausgerichtet sind und auch das Immunsystem selbst beeinflussen, zelluläre Therapien, die mit einer Verminderung der weißen Blutkörperchen einhergehen, und einige Formen der modernen Immuntherapien und Therapien mit sogenannten Tyrosinkinasehemmern (Wirkstoffe, die vor allem bei Tumorerkrankungen zum Einsatz kommen).

Stauch: "Für den Onkologen ist es somit zurzeit entscheidend, Nutzen und Risiko derartiger Therapien während der aktiven Corona-Pandemie genau abzuwägen und individuell mit dem Patienten zu besprechen. Es gilt als Motto, was unbedingt zwingend an Therapie erforderlich ist, sollte durchgeführt werden. Therapien, die man verschieben kann, werden verschoben. Im Rahmen der Gesamtbetreuung sind sowohl die ambulante Therapie in der Praxis als auch unsere Versorgung zu Hause gewährleistet."

Einen weiteren großen Anteil an der täglichen Betreuung nimmt die Beratung per Telefon ein, was einen erheblichen zusätzlichen Aufwand für die Helferinnen in der Praxis bedeutet. Patienten, die zur regelmäßigen Nachsorge kommen, werden verschoben. So finden in der Praxis aktuell nur Besprechungen statt, die unbedingt jetzt zwingend erforderlich sind.

Neupatienten erhalten umgehend einen Termin, da Zeitverzögerungen bei aktiven Tumorerkrankungen gefährlich sind.

Das Ganze findet unter dem enormen Druck statt, die Praxis von Corona-Infektionen frei zu halten. "Unser erstes Gebot lautet: Wer Infektzeichen bietet, Kontakt zu einem Infizierten oder einem Bürger aus einem Infektionsrisikogebiet hat, darf die Praxis nicht betreten. Er muss seinen Hausarzt informieren!", stellt die Fachärztin unmissverständlich klar, dass es keine Kompromisse gibt. Alle Patienten, die die Praxis betreten, haben sich die Hände zu desinfizieren. Dies geschieht auch beim Verlassen der Praxis.

Die Hygienemaßnahmen wurden extrem verschärft. Die Anmeldung wurde so gestaltet, dass zwei Meter Abstand zwischen Patienten und Personal eingehalten wird. Das Praxispersonal trägt Schutzkleidung. Angehörige wurden gebeten, nur in begründeten Ausnahmefällen mit in die Praxis zu kommen. Auskunft erhalten Patienten auch, wenn sie es wünschen, über Telefon.

Bis jetzt funktioniert das System sehr gut, sagt Martina Stauch. Von den Patienten werde es erfreulicherweise aber gut toleriert.