Wer zurzeit auf der Staatsstraße 2244 von Hirschaid nach Altendorf fährt und glaubt, dass die dort aufgeschobenen Erdhügel Zeichen für ein neues Industriegebiet sind, der irrt sich . Es sind vielmehr die ersten Vorboten für den zukünftigen viergleisigen Ausbau der ICE-Strecke im Planfeststellungsabschnitt 21 Strullendorf-Hirschaid-Altendorf. Hier soll für die Baumaßnahmen ein großer Lagerplatz für die benötigten Materialien und den entsprechenden Maschinenpark entstehen. Da sich in der unmittelbaren Nähe bereits kartierte Bodenfunde befinden, muss die Fläche von rund 10 900 Quadratmetern erst archäologisch sondiert werden.

Das Bayerische Denkmalschutzgesetz (DSchG) von 1973 regelt den Umgang mit Bodendenkmälern genau und hier sind auch keine Ausnahmen für Verkehrsprojekte vorgesehen. Die Grabung erfolgt in enger Abstimmung mit dem Referat für Lineare Projekte (Stefanie Berg) des Landesamtes für Denkmalpflege in München und den Verantwortlichen der Deutschen Bahn AG.

Buddeln bei jedem Wetter

Dipl.-Arch. Lutz Kunstmann, Grabungsleiter der Firma Archbau GmbH aus der Niederlassung in Augsburg, ist meistens mit acht bis zehn Mitarbeitern vor Ort. Gearbeitet wird bei Tageslicht und "bei fast jedem Wetter". Eigentlich nur Dauerregen macht eine solche Grabung unmöglich, insbesondere da der Sandboden die Fundstücke sehr schnell beschädigt bzw. die fachgerechte Dokumentation unmöglich macht.

Kunstmann zeigte sich bei einem Termin vor Ort überrascht über das "sehr hohe Befundaufkommen". Rund 390 Befunde wurden bereits dokumentiert und archiviert. Es sind dies größere und kleinere Scherben, Pfostengruben und größere Gruben. Die Fundstellen wurden markiert, dokumentiert und mit Hilfe eines hochmodernen Lasergeräts digital in ein Koordinatensystem eingemessen. Besonders interessante Fundstücke sind nicht nur fotografiert, sondern auch durch eine Handzeichnung dokumentiert worden. Alle Funde wurden nicht besonders tief im Boden gefunden, nachdem der Mutterboden abgetragen war.

Durch die standardisierte Grabung kann das Areal auch nach dem Ende der Grabung wissenschaftlich ausgewertet werden, und weitere Forschungen sind möglich. Der Grabungsleiter vermutet aufgrund der aktuellen Befundlage hier eine Hofstelle mit wahrscheinlich einem Hauptgebäude und Nebengebäuden mit einer Umzäunung. Aufgrund der Keramikfunde ordnet er die Siedlung grob der Eisenzeit zu. Eine genauere Einordnung wird erst dann möglich sein, wenn die Scherben gesäubert und die entsprechende Fachliteratur dazu herangezogen wurde. Schon jetzt kann aber festgestellt werden, dass das Bodendenkmal in der Neuzeit bereits in Mitleidenschaft gezogen wurde. Aufgrund der Bodenbefunde und unter anderem durch gefundene neuzeitliche Drainagen liegt die Vermutung nahe, dass hier schon einmal ein Lagerplatz gewesen ist. Ob nun für den Bau der Staatsstraße oder für den Rhein-Main-Donau-Kanal ist nicht geklärt. Lutz Kunstmann nimmt an, dass sich die Siedlung möglicherweise über das aktuelle Grabungsgebiet hinaus befunden hat. Um dies zu verifizieren, müssten Grabungen über die Staatsstraße hinaus erfolgen.

Siedlungsgeschichte verstehen lernen

Für den Archäologen sind die Fundstücke weitere Puzzlestücke, um die örtliche Siedlungsgeschichte besser verstehen zu können. Gleichzeitig weiß er auch, "dass Bodendenkmäler eigentlich am sichersten im Boden aufgehoben sind". So ist die Bodenarchäologie immer im Zwiespalt, wie man mit dieser Art unseres Kulturerbes umgehen soll bzw. kann.

Der Grabungsleiter freut sich über das Interesse mancher Spaziergänger, die nach seiner Arbeit und den bereits geborgenen Fundstücken fragen. Vielleicht auch, weil man sich vielleicht bewusst ist, dass es ja die eigenen Vor- Vor-Vorfahren gewesen sind, die hier gelebt und den Boden bearbeitet haben.

Die jetzt gefundenen Objekte werden alle entnommen und für eventuelle Forschungsarbeiten an das Landesamt für Denkmalpflege weitergegeben. Nach dem Abschluss der Grabungsarbeiten, die wohl bis zum Februar hinein dauern werden, wird das Gelände wieder aufgefüllt und kann dann wahrscheinlich zum zweiten Mal als Lagerplatz genutzt werden.