Viele Geschichten ranken sich ums Mühlenleben – Warum viele Mühlen nicht überlebten
Wie in allen Handwerken die Arbeit mindestens einen Tag im Jahr ruhen soll, so stand auch die Mühle still, meist am Katharinentag (25. November), weil die hl. Katharina mit einem Rad voll Nägel gemartert wurde. Hielt sich der Müller nicht daran, glaubte man, dass jemand in der Mühle umkommen sollte.
Mit einem geheimen Grauen betrachtete der Mensch des vorindustriellen Zeitalters die Mühle und somit den Müller, der ihr Herr und doch sogleich ihr Diener war; der sie als einziger durchschaute und doch ihr unterworfen war.
In „Krabat“, der auf einer sorbischen Volkssage beruhenden Erzählung von Otfried Preußler , tritt diese dämonische Seite der am Wasser liegenden Mühle eindrucksvoll zutage. Nicht zuletzt hat seit dem 15. Jahrhundert die Überheblichkeit einiger Zünfte bewirkt, dass neben den Berufen des Abdeckers, Henkers, Zöllners und anderen auch der des Müllers zu den sogenannten „unehrlichen“ Gewerben zählte. Häufig sagte man den Müllern betrügerische Praktiken nach, wie falsche Mehlmaße zu verwenden beziehungsweise in ausgehöhlten Mahlsteinen oder Mehlkästen mit doppeltem Boden gestohlenes Mehl zu verstecken, auch das Mehl mit Rinde, Wurzeln, Kalk und Sand zu strecken.
Der Spitz-Bube
Nicht selten kursierten Redensarten wie „Der Müller hat die besten Schwein, die im ganzen Lande sein, das machen der Bauern Säcke allein“. Die gängige Rede vom Müller als „Spitzbuben“ leitete sich vom ersten Gang ab, den das Getreide in der Mühle durchmachen muss – dem Spitzgang – bei dem die Schale des Korns aufgespitzt wird. Dieser Gang war leicht zu bedienen und war Aufgabe des jüngsten Gehilfen, des „Spitz-Buben“. Der Name übertrug sich so unschwer auf die Müller generell und erhielt letztlich eine abwertende Note.
Dies führte letztendlich dazu, dass sie unbeliebte Aufgaben übernehmen mussten, etwa die Mithilfe beim Galgenbau. So waren beispielsweise die städtischen Müller 1461 beteiligt, als man „den Galgen (zu Bamberg) … von newens (neuem) wider pawen (bauen) und machen lassen“ und neben allen Zimmerleuten „auch alle mullner in Bamberg gesezzen, geholfen und gearbeit haben“.
Dem 1410 angelegten Eid- und Pflichtenbuch nach wurden 26 Zimmermännern und 16 Müllern vom Rat „essen und trinken darobe geben und in darzu zu vertrinken geschenkt 3 lb.“ Gleichwohl schien sich dieses „unehrliche“ Arbeiten gut zu lohnen, denn allein das Trinkgeld entsprach dem Monatslohn eines Meisters.
Studien für Franken bestätigen, dass Nachrichten über die Unehrlichkeit der Müller in der Region zumindest seit dem 17. Jahrhundert „sehr spärlich“ sind und regional dieses Handwerk durchaus geachtet wurde. Immerhin gründeten 1445 die Bamberger Bäcker und Mühlknechte eine eigene Bruderschaft, die zum Zweck „lebender und toter Seelen-Heil, Hilf und Trost“ Vigilien und Seelmessen beging. Empfindliche Geldstrafen gab es, wenn einer auf offener Gasse sein Brot aß, ohne Halstuch daher kam oder gar barfuß ging oder schlecht über das Handwerk redete, auch wenn er andere Gesellen von deren Mühle abspenstig machen wollte.
Die Mühlenordnung regelt
1506 hatte sich die Bamberger Müllerzunft eine Mühlenordnung gegeben, die unter anderem die Meisterprüfung regelte, aber ebenso das Tragen eines Degens sowie die Teilnahme an Gottesdiensten und Prozessionen. In einer „Neuen Mühlordnung“ von 1544 hatte man die Einrichtung einer landesherrlichen Mehlwaage beschlossen. Der hiermit angeordnete Wiegezwang sollte nicht nur dem Schutz der jeweiligen Mahlgäste gegen Übervorteilung durch die Müller dienen. Es nutzte auch den Interessen der Müller selbst, wurde durch die Mehlwaage gleichfalls die sogenannte „Mitz“ festgelegt, also die für das jeweilige Maß zustehenden Gelder, die die Müller für das Mahlen des Getreides erheben durften.
Überdies galt die Mühle lange Zeit als Liebesnest. Der Müller als Hahnrei und Hurer, der dem Mädchen den Mehlsack anhängt, sie also schwängert; die Müllerin, die mit dem Müllersknappen, dem Reiterknaben, dem Edelmann die ganze Nacht mahlt – sie alle gehörten jahrhundertelang zum populären Repertoire gepfefferter Unterhaltung. „Wenn du wähnst, du seist allein,/so hat sie in dem Bett noch ein./Wenn du wähnst, sie lieg‘ selbst do,/so ist’s ein Butz, gemacht aus Stroh“, reimte 1514/15 über die Müllersfrau satirisch der Franziskanerpater Thomas Murner in seiner „Mühle von Schwindelsheim“.
Sein nicht geringer wortmächtiger Landsmann Johann Fischart spottete, er sei wenig verwundert, dass „der Edelleut Kind den Müllern, und des Müllers Kinder den Edelleuten ähnlich sehen“. Mit der Romantik setzte der Reigen einer Mühlen-Lyrik ein, der ein neues weiteres Klischee prägte. 1813 verfasste Joseph von Eichendorff sein Gedicht „Das zerbrochene Ringlein“ mit der bekannten Eingangszeile „In einem kühlen Grunde,/Da geht ein Mühlenrad“, das von Liebe und Treue, Liebesverrat, Verzweiflung und Todessehnsucht handelt. Das zu Anfang und Ende des Gedichts sich eintönig drehende Mühlrad beschwört ein Bild eines sich immer wiederkehrenden Schicksals. Die Mühle dient nur noch als Plattform für Stimmungen wie Melancholie und Tiefsinn, für Phantasien über eine Welt jenseits alltäglicher Zwänge. Auch die vom gleichen Autor 1822/23 fertiggestellte Erzählung „ Aus dem Leben eines Taugenichts “ nimmt Bezug auf die Mühle.
Ganz im Gegensatz zu diesem romantischen Bild war die Arbeit des Müllers und seiner Angestellten in früherer Zeit eine schwere, teils gesundheitsschädigende Tätigkeit. Häufige Nachtarbeit, das Tragen von schweren Lasten in ständig verstaubter Luft und auch die vielen Unfallgefahren rücken das Bild vom romantisch-gemütlichen Müllerleben in weite Ferne. In Bamberg fand die „Untere Brücke“ bereits 1020 schriftliche Erwähnung. Ihre Entstehung sollte praktischerweise eine Furt durch die Regnitz ersetzen. Diese Untere Mühlbrücke erschloss damals die im Fluss liegenden Mühlen. Im Laufe der Zeit wurde sie mehr und mehr zu einer zusätzlichen Verbindung zwischen Insel- und Bergstadt, jedoch allein für Fußgänger. Im Jahre 1980 wurden die Mühlen Stück für Stück umgebaut und werden bis heute stetig im Rahmen eines Sanierungsauftrags und in Anlehnung an die historische Mühlenbebauung erneuert.
Im Zuge der Sanierungen entstanden ein unter den Studenten sehr begehrtes Wohnviertel, ein Hotel und ein Wasserkraftwerk, das auf ökologischem Wege Strom gewinnt. Das Wasserkraftwerk wird von den noch vorhandenen Mühlen und ihren Wasserrädern betrieben.
Kritische Stimmen
Dennoch gibt es auch kritische Stimmen. So wurde seitens von Fachdozenten der hiesigen Universität beklagt, dass Befunde nicht archäologisch untersucht wurden und dendrochronologische Analysen unterblieben. Dadurch sind beispielsweise keine Angaben zur Datierung der Oberen Mühlbrücke und ihrer Bauten mehr möglich und über die Anfänge des Bamberger Mühlenviertels kann nur spekuliert werden. Auch der von dem einstigen Kunstgeschichtsprofessor Robert Suckale und Mitarbeitern in zweiter Auflage 1990 herausgegebene „Führer zur Kunstgeschichte der Stadt für Bamberger und Zugereiste“ urteilt: „Ein Wettbewerb versprach ständigen Umgang mit der alten Substanz. Ständige Planänderungen erweisen dann jedoch, daß auch hier allein die Wirtschaftlichkeit in den Mittelpunkt gestellt wurde.“ Insgesamt wurde „das historische Erscheinungsbild des Mühlenviertels unwiderruflich zerstört. Die heutige ‚Eckertsmühle‘, Hotel und Restaurant in der Flußmitte, hat mit dem Steinsalz verarbeitenden Betrieb nicht einmal mehr das Äußere gemein. Statt aber den Versuch zu machen, eine zeitgemäße Architektur zu wagen, gliedern ärmlich komponierte, aufgeklebte Bretter ‚a la Fachwerk‘ den Stahlbetonbau, um altertümelnde Stimmung zu erzeugen.
Das alte Mühlenviertel zeugte von der Arbeit, die hier jahrhundertelang den Ton angab. Sein eigentlicher Charakter wurde getilgt, zugunsten der Fiktion einer vermeintlich makellosen Vergangenheit.“
Mühlen-Tod durch Industrie
Viele Mühlen überlebten das mit der Industrialisierung einsetzende „Mühlensterben“ nicht. Zunehmende Konkurrenz durch Großmühlen und der weltweite Getreidehandel beendeten die Wirtschaftlichkeit vieler kleiner Mühlen. So hinterlässt bis heute das Bamberger Mühlenviertel einen malerischen und scheinbar harmonischen Eindruck, hinter dem aber trotz aller Romantik auch das dortige harte Arbeitsleben gesehen werden muss. Denn, wie Karin Dengler-Schreiber treffend ihren Artikel über die Mühlen Bambergs überschrieb: „Ohne Mühlen keine Stadt“. Oder den Wert des Brotes erfassend nach den Worten des Pädagogen Friedrich Fröbel: „Das kleinste Samenkorn trägt das große Ganze in sich.“ Letzteres verbildlicht auch der Roman des Müllersohns Stefan Andres , dessen Vater ihm als kleiner Junge die Mühleinrichtung und den Sterbevorgang erklärt: So wie das Korn, wird auch der Mensch zu Mehl und wie das Mehl in der Schnecke aufwärts transportiert wird, so steigt auch die Seele des Menschen gen Himmel und wird dort ausgesiebt zwischen den Guten und Bösen.