Wie die Wirtschaftsministerin der schwächelnden Industrie helfen will
Die deutsche Industrie steckt in der schwersten Krise seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. In den zurückliegenden Jahren haben die Unternehmen über 400.000 Stellen abgebaut. Die Entwicklung ist dramatisch, ein Ende nicht in Sicht. „Wir verlieren pro Monat 15.000 weitere Jobs in der Industrie, eine Bodenbildung zeichnet sich nicht ab“, sagte der Arbeitsmarktexperte Enzo Weber unserer Redaktion. Der Ökonom ist Forschungsleiter am Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung in Nürnberg, das zur Bundesagentur für Arbeit gehört.
Zwei aktuelle Nachrichten, die miteinander zusammenhängen, versinnbildlichen Webers Einschätzung. Volkswagen will weitere 50.000 Jobs streichen und China hat erstmals mehr als eine Million Autos in einem Monat exportiert. Pekings Exporte nach Deutschland haben laut der chinesischen Zollbehörde im Juni noch einmal kräftig zugelegt. In US-Dollar gerechnet, lagen sie 27 Prozent höher als im Vorjahresmonat. Die chinesischen Importe aus Deutschland wiederum nahmen nur um drei Prozent zu. Hat Deutschland lange vom chinesischen Markt profitiert, ist es heute umgekehrt.
Webers Credo: Deutschland müsse neu industrialisieren. Der Niedergang ist in seinen Augen kein Naturgesetz, gegen das nichts auszurichten sei. Ähnlich sieht es Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU). Die deutsche Industrie besitze ein enormes Potenzial, sagte sie unserer Redaktion. „Wir verfügen über weltweit gefragtes Ingenieurwissen, leistungsfähige Produktionsnetzwerke und einen einzigartigen industriellen Datenschatz“, so Reiche. „Damit dieses Potenzial in den Werkhallen und im Mittelstand ankommt, braucht unsere Industrie wettbewerbsfähige Energiepreise, schnellere Genehmigungen, einfachere Regeln und mehr Freiraum für Investitionen.“ Industrielle KI müsse konsequent in die Anwendung. „Dafür richten wir die Plattform Industrie 4.0 neu aus und entwickeln mit unseren europäischen Partnern ein leistungsfähiges KI-Ökosystem.“
Weber erkennt Potenzial in der Herstellung von Windrädern, dem Bau von Stromnetzen und Rechenzentren, der Pharmaindustrie und der Rüstung. Neben direkten Arbeitsplätzen, die dort entstehen könnten, würden auch der Bau und die Ausrüstung neuer Fabriken neue Stellen schaffen.
Damit die Fachkräfte dorthin kommen, hält Weber eine andere Arbeitsmarktpolitik für dringend erforderlich. „Wir haben nämlich die Situation, dass Tausende Jobs verschwinden und gleichzeitig anderswo ein Mangel an Personal besteht.“
Bislang hat sich der massive Stellenabbau kaum in steigender Arbeitslosigkeit niedergeschlagen, weil ein großer Teil der Betroffenen mit Abfindung in den Vorruhestand wechselt. Der Forscher glaubt, dass ein Teil davon in anderen Betrieben weiterarbeiten würde, könnte die Abfindung steuermindernd auf das Gehalt aus dem neuen Job angerechnet werden. Das schwarz-rote Regierungsbündnis hat sich vorgenommen, die Abfindungsregeln dahingehend zu ändern.
Für verbesserungswürdig hält Weber auch die Weiterbildung, die Stellensucher aus der Industrie bislang erhalten. Union und SPD wollen die Vermittlung durch die Arbeitsämter umstellen.