Er oder sie taucht im Impressum aller Programmhefte auf, doch Genaues weiß der gemeine Theater- oder Opernbesucher meist nicht. Was ist und was macht eigentlich ein Dramaturg ?

Diese Wissenslücke zu schließen, hatte der Bamberger Richard-Wagner-Verband einen der Renommiertesten seiner Zunft in die KUFA eingeladen: Konrad Kuhn, der an diversen Häusern mit Regisseuren wie Robert Wilson , Claus Guth , Harry Kupfer oder Claus Peymann zusammengearbeitet hat, fest angestellt an der Frankfurter Oper , sprach über seinen Beruf im Allgemeinen wie Speziellen.

Dieses Spezielle ist sein Wirken als „meistbeschäftigter Dramaturg in der Festspielgeschichte“, wie Monika Beer, die Vorsitzende des Verbands, Kuhn begrüßte und würdigte. Denn er arbeitet als Gastdramaturg an fünf Bayreuther Produktionen mit – dem viel gelobten „Tannhäuser“ von 2019 unter der Regie Tobias Kratzers und dem eigentlich bereits für 2020 geplanten neuen „Ring“ mit Valentin Schwarz als Regisseur.

Im Sommer soll es endlich so weit sein, dass der wegen der Seuche verschobene Zyklus zu sehen ist. In einem unlängst veröffentlichten Interview hatte der Regisseur aus der Werkstatt geplaudert; das Bamberger Publikum plagte naturgemäß die Neugierde auf weitere Details. Und auch Festspielchefin Katharina Wagner war zu Kuhns Vortrag in Bamberg erschienen, so die Arbeit ihres Dramaturgen demonstrativ schätzend. In seinem unprätentiösen, angenehm frei von Renommiervokabular gehaltenen Vortrag begann der studierte Theaterwissenschaftler bei der (zumindest früher) jedem Germanistikstudenten bekannten „Hamburgischen Dramaturgie“ Gotthold Ephraim Lessings , in der dieser eine neue, aufgeklärte Poetik formulierte.

„Anwalt des Stückes“

Der Beruf des Dramaturgen habe sich aus dem des Stückeschreibers entwickelt, wobei diese, etwa im Falle Brecht, Heiner Müller , Botho Strauß , sich auch als Dramaturgen versucht hätten.

Im Wesentlichen sähen sich Dramaturgen als Berater und Zuarbeiter der Regie, als Publikumsanwälte auch und „Anwalt des Stückes“, als wissenschaftliche Hilfskräfte und Programmheftredakteure mit dem Überblick über die Sekundärliteratur zu den Stücken oder Musikdramen – Konrad Kuhn begann im Sprechtheater und wechselte dann die Sparten.

Anekdotisch schilderte er die Arbeitsweise Claus Guths , Robert Wilsons und anderer, bevor er auf seine Bayreuther Konzepte einging. In diesem Fall sei die Aufführungsgeschichte alles andere als unbefleckt; die nationalsozialistische Verstrickung der Festspiele erwähnte er allerdings mit keinem Wort.

Ausführlicher sezierte er den von Frank Castorf ins 20. Jahrhundert transponierten „Öl“-Ring („Diskurs über die Stücke drübergelegt“), den er als „Welterklärungsentwurf“ würdigte und doch punktuell problematisierte.

Valentin Schwarz nähere sich der Tetralogie auf andere Weise, „mit Blick auf die Figuren“, ihrer Entwicklung, ihren Verwandtschaftsbeziehungen, ihrem Konfliktpotenzial. Für ihn als Dramaturgen stellten sich Fragen der Koinzidenz von Bühnenbild, leitmotivischer Musik und Szene: „Braucht es Requisiten?“

Dennoch sollten über die von Schwarz gezogenen Parallelen des „Rings“ zu Netflix-Serien die „großen Fragen“ des Werks wie die Zerstörung der Welt und der Natur nicht vergessen werden. Eine Frage der Balance.

Der Vortrag, gewürzt zum Schluss mit Bemerkungen über den „Tannhäuser“-Dirigenten Valery Gergiev , erweiterte den Horizont auch von Zuhörern, die sich nicht unbedingt als Wagnerianer sehen würden. Einzig das von Kuhn aufgestellte Dogma, dass Musiktheater die Aufgabe habe, am Puls der Zeit zu sein, reizte zum Widerspruch. „Ansonsten ist es Kulinarik.“ Was ist gegen Kulinarik einzuwenden?