Sind wir für Katastrophen gerüstet?

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Klaus Roth spricht in der Hammelburger Markthalle über Zivilschutz und Katastrophenschutz.
Klaus Roth spricht in der Hammelburger Markthalle über Zivilschutz und Katastrophenschutz.
Claudia Beyrle

Vortrag  Sicherheits- Experte Klaus Roth hat in der Markthalle über den Bevölkerungsschutz in Deutschland gesprochen. Dabei wurde klar: Jeder muss selbst vorsorgen.

Wie funktioniert Zivilschutz und Katastrophenschutz in Deutschland? Dieser Frage widmete sich Klaus Roth bei einer Kooperationsveranstaltung der Volkshochschule Hammelburg mit der Europa-Union Hammelburg in der Markthalle. Roth ist laut Pressemitteilung an verschiedenen Volkshochschulen in Unterfranken als Dozent tätig und stellte zu Beginn fest, dass es an anderen Volkshochschulen selten so voll ist wie in Hammelburg.

Unter den rund 40 Zuhörern befanden sich neben interessierten Bürgerinnen und Bürgern auch zahlreiche Experten, die in diesem Bereich tätig sind: Vertreter des Amts für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF), der Feuerwehren, des Katastrophenschutzes sowie der Bundeswehr.

Zunächst erklärte der Referent die Begriffe und Zuständigkeiten: Bevölkerungsschutz ist der Oberbegriff für Zivilschutz und Katastrophenschutz. Der Zivilschutz ist Aufgabe des Bundes und unter anderem im Artikel 73 des Grundgesetzes geregelt, um die Zivilbevölkerung vor kriegsbedingten Gefahren zu schützen. Der Katastrophenschutz in Friedenszeiten ist Aufgabe der Länder und umfasst die Gefahrenabwehr bei Katastrophen. Großschadenslagen sind Ereignisse mit vielen Verletzten und Betroffenen oder erheblichen Sachschäden, die die üblichen Kapazitäten des täglichen Rettungsdienstes übersteigen.

Roth nannte verschiedene Beispiele für Großschadenslagen, etwa den Reaktorunfall in Tschernobyl, bei dem aufgrund radioaktiven Fallouts Erntevernichtung und das Schlachten von Tieren angeordnet wurden. Weitere Beispiele waren die Ahrtalflut und große Schneekatastrophen in Bayern. Bei Waldbränden kann es gefährlich werden, wenn Munition im Wald liegt, weshalb die Bundeswehr mit Hubschraubern unterstützt.

Da der Katastrophenschutz Ländersache ist, gibt es in Deutschland 16 Katastrophenschutzgesetze, die im Wesentlichen gleich gestaltet sind. Die Aufgaben liegen meist bei den Gemeinden und Landkreisen. Diese sind auch für die Ausrufung des Katastrophenfalls verantwortlich, was im Ahrtal nach Roths Ansicht nicht rechtzeitig geschah. Der Referent forderte, dass die Kommunen für diese Aufgabe ausreichend finanzielle Mittel bereitstellen.

Nach dem Ende des Kalten Krieges wurden militärische und zivile Verteidigungsstrukturen zurückgebaut. Seit 2023 gibt es zwar Rahmenrichtlinien zur Gesamtverteidigung in Deutschland, doch es fehlt vielerorts an Übungserfahrung. Das Zusammenspiel von Militär und Polizei müsse noch verbessert werden.

Zur Vorbereitung auf Krisen gehört auch die Eigenvorsorge jeder Bürgerin und jedes Bürgers: „Jeder Bürger trägt Verantwortung“, betonte Roth. In einem großen Krisenfall gebe es viele Verwundete, sodass Feuerwehr und Rettungsdienste ausgelastet wären.

In der aktuellen Broschüre „Vorsorgen für Krisen und Katastrophen“, die Kevin Radler vom Landratsamt Bad Kissingen druckfrisch zur Veranstaltung mitbrachte, wird empfohlen, für zehn Tage einen Notvorrat anzulegen – dazu zählen Wasser, Lebensmittel, Erste Hilfe, Feuerlöscher, Kerzen, Batterien, Radio, Medikamente – sowie wichtige Dokumente griffbereit zu halten (in einer Art Handgepäck). Zudem können ein Vorrat an Kraftstoff (Diesel oder Benzin), Müllsäcke, Desinfektionsmittel oder Hygieneartikel hilfreich sein. Auch Kinder, Angehörige, Nachbarn, Freunde und gegebenenfalls Haustiere sollten bedacht werden.

Roth warnte davor, Social Media als einzige Informationsquelle zu nutzen. Durch Künstliche Intelligenz ließen sich ebenso schnell falsche wie sinnvolle Nachrichten verbreiten. Der Referent appellierte, die Medienkompetenz zu stärken, denn Nachrichten würden sich über WhatsApp, Instagram, Tiktok oder Signal sehr schnell verbreiten – auch Gegner könnten diese Kanäle für die operative Kriegsführung nutzen.

Um eine widerstandsfähige Gesellschaft aufzubauen, braucht es viele Ehrenamtliche, so Roth. Besonders die Jugendfeuerwehr leistet hier einen wichtigen Beitrag. Warn-Apps wie Nina, Katwarn und Biwapp basieren auf Apps, während Cell Broadcast seit 2023 den Empfang von Warnungen auch ohne vorherige Installation ermöglicht.

Nach wie vor informieren Feuerwehren vielerorts mit Lautsprecherwagen die Bevölkerung. Die Flutkatastrophe im Ahrtal habe jedoch gezeigt, dass Sirenen nicht überall funktionierten, weshalb vielerorts nachgebessert wurde.

Roth berichtete von Zahlen des Kreisfeuerwehrverbands Bad Kissingen und stellte fest, dass der Landkreis gut aufgestellt sei. Besonders hob er den eigenen Küchentrupp hervor, der eine Versorgung von 200 bis 500 Menschen sicherstellen könne – das sei außergewöhnlich. Freiwillige Helferinnen und Helfer aus Feuerwehren, Hilfsorganisationen wie dem Roten Kreuz oder dem Technischen Hilfswerk müssen eingebunden und koordiniert werden.

Bei Großschadenslagen kann es nötig sein, dass Verletzte zunächst von Bürgerinnen und Bürgern erstversorgt werden müssen. Daher können Auffrischungen in Erster Hilfe die Lage vor Ort verbessern. Eine Dekontamination gegen atomare, biologische oder chemische Gefahren ist in Oberthulba möglich, weitere Spezialausrüstungen sind bei Feuerwehren in Maßbach und Poppenlauer vorhanden.

Georg Oel, ehemaliger Oberst beim Landeskommando Thüringen, erklärte, dass bei einem Angriff im Osten die Durchfahrt der Fahrzeuge drei bis vier Monate dauern würde und damit Internet und Eisenbahn stark ausgelastet wären. Angesichts der aktuellen Ressourcenknappheit der Bundeswehr müsse die „zivile Seite die Bundeswehr unterstützen“. In Richtung Publikum sagte er: „Es muss ankommen, dass wenn es hier losgeht, sind wir (er meint die Bundeswehr) nicht mehr da.“

Ein anwesender Feuerwehrmann appellierte, man solle nicht „schwarzmalen“. Nach 25 Jahren der Freundschaft mit Russland brauche man jedoch Zeit, um Feuerwehren und andere Hilfsorganisationen wiederaufzubauen. red