Es wird keine Liebesheirat werden, aber vielleicht eine Vernunftehe: Die evangelischen Kirchengemeinden Heilgersdorf und Gemünda wollen sich zu einer gemeinsamen Pfarrei zusammenschließen. Das haben die Kirchenvorstände bereits beschlossen. Doch wie soll diese Pfarrei heißen? Wer wird sie leiten und wo wird der Pfarrer wohnen? Noch ist vieles ungeklärt. Am Sonntag standen Dekanin Stefanie Ott-Frühwald (Michelau) und Pfarrer Tobias Knötig der Versammlung der Kirchengemeinde Gemünda im TSV-Sportheim Rede und Antwort.

Zum Hintergrund: Pfarrer Knötig hat seit Anfang September die Vakanz-Vertretung in Gemünda übernommen. Nach dem Weggang des Pfarrerehepaares Kathrin und Andreas Neeb zum Jahresende 2019 hatte die dortige Kirchengemeinde keinen eigenen Pfarrer mehr. Und kann nicht mehr auf einen eigenen Theologen hoffen, da die Anzahl der Gemeindemitglieder (unter 800 Personen) die von der Landeskirche vorgesehene Dichte von einem Pastor pro 1500 Gläubige bei weitem verfehlt. Außerdem sieht der Landesstellenplan, dessen Verabschiedung wegen der Corona-Pandemie von der Herbst- auf die Frühjahrs-Synode 2021 verschoben wurde, eine zehnprozentige Kürzung der Stellen vor. Eine Zahl, die dem Rückgang der geistlichen Berufe ebenso entspricht wie dem Anteil an Kirchenaustritten. Knötig: "Jedes Dekanat muss zwischen zehn und 15 Prozent seiner Stellen kürzen." Das würde für Michelau mindestens 2,5 und maximal vier Stellen bedeuten. Gerade im Westen des Dekanats, wo die Landpfarrstellen zwar die ältesten, aber auch kleinsten sind, gerieten die Dinge durch den Wechsel des Ehepaares Neeb und den Ruhestand von Pfarrer Eckhart Kollmer in Schottenstein 2019 vorzeitig in Bewegung. Neu besetzt werden nur Stellen, die eine Perspektive haben, die "Ausnahmesituation Vakanz" soll vermieden werden. Auch Heilgersdorf mit derzeit unter 900 Gemeindemitgliedern wird auf Dauer als eigenständige Gemeinde nicht bestehen können. Vor diesem Hintergrund sagten die Kirchenvorstände "Ja" zueinander. "Die Entwicklung wäre uns nicht erspart geblieben, wir hätten nur mehr Zeit gehabt", so Knötig. Die Dekanin lobte den Mut der Kirchenvorstände: "Sie folgten dem Gebot der Stunde und wollten kein lange Vakanz."

Verletzungen hervorgerufen

Dass eine gemeinsame Pfarrei gerade in Gemünda Verletzungen hervorrufen würde, sah der Theologe bereits in seiner Begrüßung voraus. "Das, was selbstverständlich war, darf nicht mehr sein", sagte Knötig. Nach dem Verlust des Schulstandorts, des Arztes, der Bankfiliale und rund 100 Arbeitsplätzen am Ort ist die vakante Pfarrstelle der nächste Schlag für den Ort, wie Hendrik Dressel ausführte. Der Pfarrer habe zwar alles Negative "schön verpackt", monierte Frank Leutheußer, tatsächlich werde Gemünda aber "weggestrichen". Statt einer Verteilungsgerechtigkeit beklagte er eine "Verwaltungsgerechtigkeit", die "mit Kirche nichts mehr zu tun hat". Der Dekanin warf er vor, sie unternehme keine Anstrengungen zu einer Verbesserung der Situation. "Die Leute werden Ihnen davonrennen, ebenso wie die Einnahmen", prophezeite der Autenhausener, gefolgt von Applaus aus der Versammlung. Auch Gudrun Jöchner fragte, wo angesichts von "Daten, Zahlen, Fakten" das Miteinander bleibe. Viele Gläubige seien bereits aus der Kirche ausgetreten, als noch ein Pfarrer vor Ort war, widersprach Ott-Frühwald. Von einer Übernahme Gemündas könne keine Rede sein. Beide Kirchengemeinden würden eigenständig bleiben und auch ihre Mittel behalten; die Vorstände würden weiter voneinander unabhängig beschließen. Es handele sich im übrigen um eine von der Landessynode getroffene und damit kirchliche Entscheidung, "unter Wahrnehmung der Realitäten". Es sei kein Beschluss am grünen Tisch.

Zu den beteiligten gewählten Vertretern zählte auch Kathrin Neeb, so der Hinweis einer Zuhörerin. Da im westlichen Bezirk von fünf Pfarrstellen gleich drei wegfallen - und damit mehr als die Höchstgrenze von 15 Prozent - können die Kirchengemeinden auf mehr hauptamtliche Unterstützung hoffen, zum Beispiel für die Jugendarbeit. Jöchner verband damit den Wunsch, die Jugendgruppe im Gemeindehaus wieder zu beleben.

Wo kommt der Pfarrsitz hin?

Was mit den Immobilien Pfarrhaus und Gemeindehaus geschieht, die beide sanierungsbedürftig sind, wird sich erst nach Wahl des Pfarrsitzes entscheiden. Allein werde die Kirchengemeinde das finanziell nicht schaffen, so Knötig, "doch nicht alles muss gleich im Verkauf enden". Sollte sich der Kirchenvorstand für den Pfarrsitz Gemünda aussprechen, so bat der Pfarrer bereits um Verständnis, dass er nicht umsiedeln werde. Dazu sei er in Heilgersdorf nach fast sechs Jahren zu verwurzelt. Eventuell müsste sich die neue Pfarrei dann einen neuen Pfarrer suchen. Notfalls könne die Gründung nach hinten verlegt werden, sagte die Dekanin. Beide Gemeinden gehörten nicht nur einer Kommune an, sie könnten gut miteinander und lebten ihren Glauben ähnlich, warb Knötig. Nun gelte es, "zur Gemeinschaft zu kommen, wo es Sinn macht", etwa mit einer Gottesdienstordnung, beim gemeinsamen Gemeindebrief oder Konfirmandenunterricht. Bewährte Strukturen sollen bestehen bleiben und nicht gedoppelt werden. Knötig: "Wir werden zum Beispiel keine Kirchenmäuse haben." Dass etwas Spannendes aus der Kooperation entstehen kann, davon zeigte sich der Heilgersdorfer Pfarrer überzeugt. "Wir versuchen da schon das Beste rauszuholen", versprach Kirchenvorstand Christian Kaul.