Anette Schreiber

Diesen Oster-Sonntag vor 70 Jahren, das genaue Datum war der 1. April, hat das Dorf auch noch 70 Jahre und fast drei Generationen später nicht vergessen: Ein am Bahnhofsgelände abgestellter Munitionszug wurde von Bomben amerikanischer Flieger getroffen und explodierte. Das Dorf stand in Flammen, 23 Menschen kamen ums Leben. Darunter der Vater und ein Bruder von Renate Hartmann, die diese Katastrophe überlebt hat. Ostern ist für die heute 75-Jährige seither kein unbeschwertes Fest mehr.
Zur Vorgeschichte: Seit dem 6. März 1945 war ein mit Munition beladener Güterzug in Zapfendorf abgestellt, die Bahnhofsverwaltung hatte eigentlich die Anweisung, "den gefährlichen Zug weiter ins Gelände zu schieben", wie es in den Quellen heißt. Die Anweisung blieb unerfüllt. In der Nacht zu Ostern traf dann eine technische Wehrmachtsabteilung ein und verteilte ihre Lkw in den Höfen verschiedener Anwesen. Allerdings waren die Soldaten schon länger von U.S.-Tieffliegern verfolgt worden. In Zapfendorf griffen sie dann an. Wohl auch deswegen, weil ein anderer Güterzug, der das Fahrverbot ignorierte, seinerseits die Aufmerksamkeit der Amerikaner auf sich gezogen hatte. Die Folge: Zwei Explosionen zwischen 8.30 und 9 Uhr, die ein Inferno auslösten. Tonnenschwere Zugteile wurden durch die Luft katapultiert, Häuser beschossen, Anwesen standen in Flammen, so die Quellen weiter.
Eine der noch lebenden "Quellen" ist Renate Hartmann. Sie war damals knapp sechs Jahre alt und weiß noch genau, wie ihr Vater (ein Eisenbahner, der im Krieg eine Beinverletzung erlitten hatte und sich daheim auskurieren sollte) die brisante Ladung des Zuges entdeckt und sich deswegen an Gründonnerstag mit dem Bahnhofsvorsteher gestritten hatte.
Als die Flieger an Ostern angriffen, war die Mutter in der Kirche, der Vater mit Tochter Renate, ihrer jüngeren Schwester und den Zwillingen Hans und Georg zuhause. Dann überschlugen sich die Ereignisse. Das Haus brannte, Renate Hartmann sollte auf ihre Schwester aufpassen, Nachbarinnen auf die Zwillinge, der Vater wollte zur Kirche und seiner Frau sagen, dass sie nicht kommen solle. Die letzte Erinnerung der 75-Jährigen an ihren Vater. Denn dann gab es diese furchtbare Explosion.


Kinder flogen durch die Luft

Durch deren Wucht wurden die Zwillinge durch die Luft katapultiert. Dann verlor sich die Spur der Buben. Mit der kleinen Schwester an der Hand lief die Sechsjährige durchs brennende Dorf, bis sie irgendwann auf die Mutter stieß und man über mehrere umliegende Orte zu den Großeltern nach Breitengüßbach lief. Aus heutiger Sicht schwer zu glauben, wie das zu schaffen war.
Wie sich herausstellte, war Hans umgekommen. Georg hatte einen Schädelbruch und war von Sanitätern nach Bamberg gebracht worden.
Mutter und Kinder blieben in Breitengüßbach, "unsere Eisenbahnerwohnung gab es ja nicht mehr", erinnert sich Renate Hartmann. Auch später wollte sie nicht mehr nach Zapfendorf. "Die Bilder habe ich mein ganzes Leben lang nicht vergessen."
Ihr Bruder Georg Lohneiß, der Zwilling, der überlebte, sagt "ich kann mich an nichts erinnern." Das wundert wenig, er war damals gerade einmal eineinviertel Jahre alt. Allerdings, immer wenn es einen sehr lauten Knall oder Gewitter gab, "da bin ich gerannt, das muss wohl in mir drinnen stecken." Das habe erst vor nicht allzu langer Zeit aufgehört.
Während es seine große Schwester Renate nicht mehr nach Zapfendorf zieht, auch nicht zum Jahrestag, hat Lohneiß, der Pfarrer geworden war, hier den Gottesdienst zum Gedenktag gehalten. Diesen Anlass nutzte er, um gerade den jungen Menschen das Miteinander ans Herz zu legen. So ein Miteinander, wie es die Zapfendorfer nach diesem furchtbaren Ereignis gelebt haben. Weiter betonte er, wie wichtig es ist, zum Glauben zu finden, denn auch damals sei den überlebenden Zapfendorfer nur geblieben, an sich und an Gott zu glauben.


Jedes Jahr präsent

Für Zapfendorf ist der Tag des Angriffs jedes Jahr präsent. 2013 wurde diesem Schreckens-Ereinis ein eigenes Kunstwerk gewidmet: Ein Mahnmal zu Zerstörung und Wiederaufbau, das sich zwischen der Stelle des zerstörten Bahnhofes und dem neu errichteten befindet. Das wurde zur Amtszeit von Altbürgermeister Josef Martin realisiert.
In jeder der alteingesessenen Familien werden die Erinnerungen an die individuellen Begebenheiten von Generation zu Generation weitergegeben, erklärt der Altbürgermeister.
Seine Mutter etwa habe immer erzählt, wie sie die Großmutter in einer Schubkarre aus dem beschädigten Haus gebracht hat. Den 70. Gedenktag, so habe er erfahren, wollte man seitens der Gemeinde nicht "so offiziell" begehen. Das sei dann offensichtlich wieder für den 75. vorgesehen. "Das Schönste für mich ist, dass ich so etwas nicht erleben muss", kommentiert Martin, der erst sechs Jahre nach dem Inferno geboren wurde, diesen Schicksalstag.