Drei Weinkisten sollen es sein. Gerne rustikal, man darf ihnen ansehen, dass sie schon alt sind. Die junge Frau muss nicht lange suchen, gezielt läuft sie auf die Regalgruppe unter einer provisorisch wirkenden Dachkonstruktion zu und kommt wenig später mit strahlenden Augen und drei hölzernen Trophäen zurück. Die Holzboxen werden den "retrospektiven Charme ihrer studentischen Wohngemeinschaft betonen". Die junge Frau zahlt bar, steigt in einen Kleinwagen und scheint ihrem Kennzeichen nach in Richtung der Haßberge zu fahren. Sogleich stöbern sich die nächsten durchs Sortiment.

Wer hier sucht, der findet. Einen ganzen Straßenzug mit Altem und Altbewährtem füllt Erich Herchenhahn. In Ahorn (Landkreis Coburg) lebt der kultige 76-Jährige seit Jahren fürs Geschäft mit gebrauchten Waren. Verteilt auf mehrere Häuser und Vorgärten bietet der gelernte Schlosser beinahe alles an, was einmal irgendeinen Zweck erfüllte - und es idealerweise wieder tun soll. "Aktuell wollen die Leute wieder alte Weinkisten und Holzfässer", erzählt Herchenhahn, während er gerade eine Fuhre rostige Zangen sortiert. Trends gesehen hat er schon einige. Zwei Dinge aber gehen immer, sagt er: "Für ihre Tiere und Gärten sind die Menschen bereit, Geld auszugeben".

Faszination Flohmarkt lebt

Nicht nur in Herchenhahns fantastischem Fundus. Kaum eine Woche vergeht, in der auf Flohmärkten nicht kräftig gefeilscht und nach Schnäppchen gerungen wird. Alleine in Franken gibt es dutzende Veranstaltungen, die Besucher mit angestaubten Artefakten locken. Nicht alles dort ist Tand und Trödel. Zwischen altem Geschirr, Setzkästenfiguren und in die Jahre gekommenen Nachschlagewerken lassen sich auf Flohmärkten wahre Schätze finden. Je nach Auge des Betrachters, versteht sich.

Aber es ist nicht nur nur die Jagd nach Schnäppchen, welche die "Faszination Flohmarkt" beschreibt. Die vielen Begegnungen zwischen den Klapptischen machen das Lebensgefühl aus. Laut einer Studie der Stiftung für Zukunftsfragen geht jeder zweite Deutsche mindestens einmal im Jahr auf einen Flohmarkt. "Die einen suchen Schnäppchen oder Unikate", sagt Zukunftsforscher Ulrich Reinhardt. Und "Produkte nicht einfach wegzuschmeißen, sondern weiter zu nutzen, befriedigt unser Bedürfnis, kein Umweltsünder zu sein", erklärt er.

Rein umsatztechnisch betrachtet bilden Gebrauchtwaren nur eine Randerscheinung. Von knapp 69 Milliarden Euro Gesamtumsatz, den der Einzelhandel im Freistaat 2018 wohl erzielen wird, entfallen darauf grob geschätzt gerade einmal 80 bis 90 Millionen Euro. "Eine absolute Nische", sagt Bernd Ohlmann, Sprecher des Handelsverbands Bayern.

Aber die Leidenschaft besteht, sagt Markus Enkler. Der 43-jährige Franke ist seit 23 Jahren im Geschäft, mit seinem Bruder organisiert er bis zu 500 Veranstaltungen im Jahr, unter anderem in Coburg und Erlangen. "Flohmärkte sind eine eigene Welt", sagt er. Die Menschen geben viel von sich preis - hinter jedem Artikel steckt eine Lebensgeschichte. "Zwar ändert sich alle paar Jahre, was die Leute gerade sammeln", so Enkler. "Dass sie sammeln, bleibt." Das meint auch Vera Maisel, die vor kurzem den Nachtflohmarkt in Bamberg organisiert hat. Seien in den 80er- und 90er-Jahren noch Antiquitäten das Nonplusultra gewesen, ständen heute Alltagsgegenstände jeglicher Art auf Platz 1.

Ähnlich sieht es im Netz aus. Beim Internetportal eBay Kleinanzeigen etwa sind mehr als 30 Millionen Anzeigen verfügbar, beinahe fünf Millionen alleine in Bayern. Am beliebtesten sind die Kategorien "Familie, Kind & Baby", "Mode & Beauty" sowie "Haus & Garten". Ein lukratives Geschäft. Laut einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov hortet jeder Haushalt in Deutschland ungenutzte Dinge im Wert von beinahe 2000 Euro. Und doch habe jeder zweite Deutsche im vorigen Jahre ungenutzte Dinge auf dem Müll entsorgt. Das macht die Bundesrepublik zum Wegwerf-Weltmeister.

Spaß steht im Vordergrund, nicht das Kaufen

Auf dem Flohmarkt dreht es sich im Grunde nicht um das Produkt selbst. Den meisten Besuchern geht es um den Spaß am Feilschen, Stöbern und Entdecken. "Wer etwas Bestimmtes sucht, nutzt das Internet", sagt Maisel. Auf einem Flohmarkt könnten sich die Leute inspirieren lassen. Zwar tummeln sich vermehrt professionelle Händler auf den Märkten. Die meisten seien aber Menschen, die ihren Dachboden entrümpelt haben, so Maisel. Das zieht: "Die Besucher ziehen sich aus ihrem stressigen Alltag zurück und holen sich eine entspannte Einkaufsatmosphäre zurück."

Diese Stimmung gibt es auch in Herchenhahns Trödeldomizilen zu erleben. Auch wenn das so manche Nachbarn in den vergangenen Jahren nicht immer so gesehen haben, die Besucher freut's. Schließlich verlässt kaum einer die Ahorner Ringstraße, ohne irgendetwas mitzunehmen. Ob er es braucht oder nicht.

Flohmarkt - Wo kommt's eigentlich her?

Ursprung Auf einem Trödel- oder Flohmarkt werden üblicherweise gebrauchte Dinge verkauft. Warum ein Zusammenschluss der Verkaufsstände Flohmarkt heißt, ist nicht eindeutig geklärt. Der Begriff zumindest stammt aus dem Französischen. Dort spricht von einem "Marché aux Puces", wer einen Markt für Second Hand-Ware meint. Wörtlich übersetzt heißt das Flohmarkt. Seinen Ursprung hatte der Flohmarkt wohl in Frankreich. Über die Entstehung gibt es verschiedene Erzählungen:

Lumpen Ab dem späten Mittelalter kauften Pariser Lumpenhändler abgetragene Kleider der Reichen auf handelten damit. Auf Grund der eher als locker zu bezeichnenden Hygienevorschriften kam es nicht selten vor, dass es sich Flöhe in der abgelegten Kleidung gemacht haben. Als die Plage der Minibeißer um 1890 doch zu groß wurde, mussten die Lumpenhändler in den Norden der Hauptstadt ausweichen. Dort fand dann der erste Flohmarkt statt.

Trödler Die andere Erklärung hat nicht viel mit den kleinen Parasiten zu tun. Angeblich soll um 1880 ein Mann angesichts des vielen Trödels und der Menschenmassen in den Pariser Gassen gerufen haben, es sähe hier aus wie auf dem Markt der Flöhe. Erste Trödler suchten nachts auf den Straßen nach Dingen, die andere nicht mehr haben wollten. Mit der Zeit verkauften sie die Waren an denselben Plätzen, bis sie einen offiziell festen Platz zugewiesen bekommen haben. Heute gehört "Les Puces de Paris Saint-Ouen" zu den größten Antiquitätenflohmärkten der Welt.