Nahrung und Schlaf sind dem Menschen ein Bedürfnis. Das einmal vorausgesetzt, ist es vielleicht wirklich etwas unangemessen, bei einem Gedicht von einem Bedürfnis zu sprechen.

Auf der anderen Seite: Dem Menschen ist es ein Bedürfnis, mit einem Gedicht ein bestimmtes Ereignis hervorzuheben und mit schönen Worten zu feiern oder auch zu betrauern. Selbst Babys freuen sich an einem Gedicht. Sicher nicht beim Erlkönig oder Schillers Bürgschaft, aber auf das "Hoppe, hoppe Reiter", reagieren schon die Kleinsten mit fröhlichem Glucksen.

Gedichte transportieren Wissen

Gedichte berühren Menschen in ihrem Innersten. Freilich gehört in erster Linie die Vortragsweise dazu, der liebliche Singsang, der die Babys anspricht und die Reimform, die auch größeren Kindern hilft, sich durch diese Art von Gedicht Informationen leicht einzuprägen.


"Die Schüler lernen Gedichte gern", weiß Roland Kraus. Er ist Klassenleiter der 6a an der Heroldsbacher Grund- und Mittelschule. Meist bekommen die Schüler hier gute Noten, denn bei den Gedichten handelt es sich nicht nur um überschaubare Texte. Vor allem die Form, die Reime also, helfen den Schülern, sich den Inhalt verhältnismäßig schnell und einfach einzuprägen. "Das Auswendiglernen ist ein gutes Gedächtnistraining", sagt Kraus.

Gerade durch die ständigen Wiederholungen lerne man Texte, Zahlen und Inhalte. Außerdem lassen sich Reime oft in die Form von Eselsbrücken bringen. "7-5-3, Rom schlüpft aus dem Ei", ist nur ein Beispiel, wie Reime komplexes Wissen transportieren können.
Gedichte und Reime sind schlicht überall: ob im Wartezimmer beim Arzt, auf Kalenderblättern gedruckt und selbst auf Hausmauern. "Es ist die Schönheit und Blumigkeit der Sprache", glaubt Kraus.

Auch heute noch nutzt der Mensch Gedichte, um Besonderes auszudrücken. Viele Menschen reimen zu runden Geburtstagen oder Hochzeiten. Das kann man immer wieder auch in Zeitungsanzeigen sehen, wenn Kindern ihren Eltern oder Großeltern in Reimform gratulieren. "

Rainer Maria Rilkes "Herbst" ist ein Gedicht, das Roland Kraus genauso gerne mag wie seine Schüler. Überhaupt die Jahreszeiten-Gedichte: In ihnen spiegelt sich die Sprache, die in den jeweiligen Gesellschaften gesprochen wird, sagt Kraus. Und ihnen spiegelt sich auch die Art, mit der die Welt um einen herum erfasst und wahrgenommen wird. "Der Sommer riecht und schmeckt inzwischen anders. Nicht mehr nach Walderdbeeren und Brauselimonade", erzählt Kraus.

Fremde Empfindungen

Derlei Wörter und Sinneseindrücke kennen viele Kinder heute gar nicht mehr.
Oder auch: Was ist eine Allee, was sind Flötenweisen? Gedichte können so im besten Fall das Wissen erweitern und die Schüler für eine andere Zeit, für andere Lebensstile und auch heute fremde Empfindungen sensibilisieren.