Seit 9. November vergangenen Jahres hat der Markt Wiesenttal eine Baugenehmigung für die Errichtung einer Kläranlage im Ortsteil Wüstenstein. Aber kein Grundstück, auf dem die Anlage errichtet werden könnte. Das dafür vorgesehene Areal, ein Hanggrundstück im Aufseßtal, hatte die Marktgemeinde im Oktober 2009 im Zuge eines Flurbereinigungsverfahrens den 16 Rechtlern, die hier seit Jahrhunderten ihr Holz machten, überlassen. Das Ganze wurde mit einer Notariatsurkunde besiegelt.

Dabei hatten es die Vertreter des Marktes Wiesenttal versäumt, in der Urkunde die Ausweisung des Standortes der Kläranlage eintragen zu lassen. Damit die Pläne des Marktgemeinderates realisiert werden konnten, sollte die fehlerhafte Notariatsurkunde geändert und die Aufteilung der Flächen rückgängig gemacht werden. Dies beschloss der Vorstand der Teilnehmergemeinschaft am 22. Mai vergangenen Jahres.
Die Abmarkung sollte beim nächsten Außendienst-Termin wieder rückgängig gemacht werden.

Urkunde ist gültig

Doch dagegen wehrten sich Robert und Gertraud Nützel, Helga Dormann und Heinrich Rupprecht. Mit Erfolg: Oskar Deglmann vom Amt für Ländliche Entwicklung in Oberfranken stellte am 28. Februar dieses Jahres fest: "Die Teilnehmergemeinschaft muss die Urkunde so wie sie abgeschlossen wurde vollziehen." Im Klartext: "Das Grundstück, auf dem die Kläranlage errichtet werden soll, gehört den Rechtlern", verdeutlicht Karl Schwegel vom Arbeitskreis Abwasserentsorgung, der sich seit Beginn der Planungen gegen eine zentrale Kläranlage ausspricht.

Bürgermeister Helmut Taut (FW) suchte auf Grund der prekären Situation um eine Verhandlungsfrist mit den Widerspruchsführern nach. Am nächsten Morgen bat er die drei Rechtler, die eine Rückübertragung des Grundstückes an die Gemeinde verhindert hatten, für 7. März in sein Büro im Rathaus. "Um eine einvernehmliche Lösung zu finden", heißt es in dem Schreiben.

Doch damit ist es nun endgültig vorbei, denn zwei Tage vor dem Termin holzte die Firma Windisch im Auftrag der Gemeinde das 3000 Quadratmeter große Grundstück komplett ab. Vor Ort wurde das Holz zu Häckselgut verarbeitet. Und am 7. März, dem Tag an dem die Verhandlungen zwischen der Gemeinde und den Rechtlern hätte stattfinden sollen, ließ Taut das Grundstück mulchen.

Keine Gesprächsbasis

"Da war das Maß voll", ereifert sich Schwegel. Die Rechtler ließen über ihren Rechtsanwalt den Termin platzen. "Da war jegliche Gesprächsgrundlage entzogen", bekräftigt Anna Hofmann.

Sie und ihre Mitstreiter ärgern sich darüber, dass der zuständige Jurist am Landratsamt Forchheim nicht gewusst haben will, wem das Grundstück gehört. Und über die Sondergenehmigung der Behörde zum Abholzen der 3000 Quadratmeter großen Fläche schütteln die Kläranlagen-Gegner nur den Kopf. Ihre Verhandlungsbereitschaft ist gleich null. "Der Straßen-Neubau von Oberzaunsbach zur Staatsstraße wurde ja auch gestoppt, weil laut Landrat Glauber Projekte nicht gegen den Willen der Bevölkerung durchgezogen werden sollen", verweist Anna Hofmann auf einen Präzedenzfall.

"Bei uns plant die Gemeinde ein Kläranlage, ohne dass ihr ein Grundstück gehört", empört sich Hofmann - und ein Dutzend Wüstensteiner, die sich am Mittwoch zu einem Ortstermin am Rechtler-Grundstück versammelt haben, stimmt zu.

500 Euro Kosten pro Bürger

Karl Schwegel fordert auf Grund der "schwerwiegenden planerischen Fehler" gar den Rücktritt von Bürgermeister Taut, auch wenn ein anderer Teilnehmer darauf verweist, dass die Gemeinderäte die gleiche Schuld treffe. "Verteidigungsminister Thomas de Maizière muss sich umgerechnet wegen 6,50 Euro Schaden verantworten. Bei Bürgermeister Taut sind es 500 Euro pro Wüstensteiner Bürger", rechnet Schwegel vor. Bisher seien allein rund 100.000 Euro für eine Planung ausgegeben worden, die für ihn nicht nachvollziehbar sei. Er will nicht verstehen, warum eine Kläranlage für 6000 Kubikmeter Abwasser pro Jahr errichtet werden muss, obwohl von vornherein 60 Prozent der Wüstensteiner Bürger dagegen waren.

Verwaltungsleiter Wolfgang Borchert steht dem "Aufstand" gelassen gegenüber. Sicher seien Fehler gemacht worden. Die Gemeinde habe sich gefreut, dass es mit den Rechtlern eine Lösung gab und darüber vergessen, den Standort für die Kläranlage in die Notariatsurkunde eintragen zu lassen. "Wenn es nicht anders geht, muss sich die Gemeinde halt nach einem anderen Standort umsehen", findet Borchert. Er sieht das Projekt Kläranlage grundsätzlich nicht in Gefahr.