Als Eberhard Berndt seine 88-jährige Mutter bei sich zu Besuch hat, merkt er, dass es der alten Dame nicht gut geht. Sie zeigt Symptome, wie schon vor Jahren der Vater - "und ich dachte gleich an einen Schlaganfall", erinnert sich der 66-Jährige. Berndt wählt die "112", schildert der Integrierten Leitstelle seine Befürchtung und gibt seine Adresse durch: Forchheim, Dreikirchenstraße 3. Der Sanitätswagen kommt noch rechtzeitig - aber der Notarzt nicht!

"Die Sanis kannten sich aus, und haben deshalb die Adresse gefunden", erklärt der Anwohner. Der Notarzt indes habe sich verpeilt, weil das private Navi in seinem Auto auf dem neuesten Stand gewesen sei. Was eigentlich paradox klingt, erklärt Eberhard Berndt so: Mit einem Routenfinder, der noch mit den Daten des vergangenen Jahres navigiert, sei die Dreikirchenstraße 3 zu orten.
Durch die im Juni diese Jahres erfolgte Umbenennung in Wilhelm-Kleemann-Weg - in Verbindung mit einer Datenaktualisierung der Navigationsgeräte - sei die Dreikirchenstraße 1 bis 6 auf den Navis nicht mehr existent.

Irritierende Wegweisung

Berndt demonstriert dies auf seinem "TomTom" - und tatsächlich: Zwar ist die Dreikirchenstraße, von der Abzweigung der Sparkasse bis zum Streckerplatz verzeichnet, aber nicht die Hausnummern der aus verschiedenen Mehrfamilienhäusern bestehenden Wohnanlage. Und an der Ecke Klosterstraße/Wiesentbrücke, von wo aus die Hausnummern 1-3 am leichtesten zu erreichen wären, ist das Hinweisschild Dreikirchenstraße ganz verschwunden - stattdessen ist dort seit Juni nur noch der Wilhelm-Kleemann-Weg zu finden.

Von der Stadt, so wundert sich Eberhard Berndt, sei der auf dem Bürgersteig am Fluss in Stein gemeißelte Name nur als "begehbares Denkmal" gedacht gewesen - in Erinnerung an den 1869 als Sohn eines jüdischen Lehrers in Forchheim geborenen späteren Banker und Mäzen der Stadt.

Wie die Pressesprecherin der Stadt, Franka Struve, erläutert, sei bereits im Bauausschuss vom 19. November 2012 beschlossen worden, ein Teilstück der Klosterstraße in "Dr. Kleemann Weg" umzubenennen. Wenn dies geschehe, informiere das städtische Bauamt das Vermessungsamt, das Einwohnermeldeamt und die Post. Allerdings gebe es keine Postanschrift mit "Dr. Kleemann Weg" - die Postanschriften seien entweder Dreikirchen- oder Klosterstraße, berichtet Franka Struve.

Zusatzschild wird geprüft

Bauamtsleiter Gerhard Zedler betont: "Wir haben nichts mit den Updates der Navigationsgerätehersteller zu tun." Warum die Hausnummern der Dreikirchenstraße nicht mehr zu orten seien, wisse er nicht. Angesichts der aufgetretenen Irritationen, so räumt Zedler ein, könne man allerdings überlegen, an der Ecke zur Klosterstraße , unter dem Schild "Wilhelm-Kleemann-Weg", den Hinweis "Zur Dreikirchenstraße" anzubringen.

Navigation funktioniert meistens

Koordinationszentrale für sämtliche Rettungsdienst-Einsätze ist die Integrierte Leitstelle in Bamberg (ILS). Dietmar Willert, stellvertretender Betriebsleiter und darüber hinaus auch Erster Vorsitzender der Feuerwehr Kirchehrenbach, stellt klar, dass GPS-Geräte nur Hilfsmittel seien - dass man sich darauf nicht "blind und stur" verlassen könne, wüssten die Rettungskräfte. Willert betont aber: "Zu 99 Prozent funktioniert die Navigation im Rettungsdienst."

Allerdings räumt er ein, dass es Fälle gebe, in denen Navigationsgeräte einen Privatweg nicht orten könnten. Oder es sei nicht gespeichert, dass diese durch bauliche Maßnahmen nicht mehr befahrbar seien. Es passiere auch immer wieder, dass Straßen verlängert würden. "Wenn uns dies niemand mitteilt, können wir das auch nicht in unser internes Leitsystem einpflegen", gibt Willert zu bedenken: "Wir sind auf die Mitteilungen der Gemeinden angewiesen, sonst fahren wir an die Wand." Dass sich mangels solcher Informationen Rettungskräfte verfahren, "das kommt schon vor", gibt der stellvertretende Betriebsleiter der ILS zu.

Riesige Erleichterung

"Die Navigation im Notarztdienst ist eine riesige Erleichterung", stellt der Ebermannstadter Internist Dr. Christian Glaser fest, der zugleich ärztlicher Leiter im Rettungsdienst ist. Wenngleich auch nicht jede Hausnummer im Navi verzeichnet sei, so habe sich im Vergleich zu früher viel verbessert: "Damals war in unseren Ordnern auch nicht alles enthalten".

Erst letzte Woche habe er einen Einsatz in Buttenheim gehabt, bei dem das Navi den Zielort nicht erkannt habe, berichtet der Mediziner. Aber damit war nicht Ende im Gelände: "Ich habe mich von der Leitstelle orten lassen, die mich dann zum Einsatzort gelotst hat", erklärt Notarzt Christian Glaser. Diese Ortungsmöglichkeit sei besonders in unwegsamen Gebieten hilfreich, wenn es beispielsweise um die notärztliche Versorgung verletzter Waldarbeiter gehe. Fazit des ärztlichen Leiters: "Das Navi ersetzt nicht den gesunden Menschenverstand, aber es ist ein wertvolles Werkzeug."