Leben und Geschichten spielen sich hinter dicken Gemäuern ab. In Häusern, die diese Geschichten bewahren und von Generation zu Generation weiter geben. Viel davon hat das Bauernhaus Nummer 1, das erste Haus in Unterlindelbach, zu erzählen. 20 Generationen können dort lückenlos nachgewiesen werden. Viele waren verwandt oder heirateten ein, sodass sich der Name änderte. Davon weiß Ralf Rossmeissl zu berichten. Er ist der Bauforscher des Fränkischen Freilandmuseums in Bad Windsheim und erforschte auch das Leben im Haus Nummer 1 und dessen Umgebung.

Wer diese Geschichten des alten Bauernhauses erleben möchte, erfährt sie im Fränkischen Freilandmuseum in Bad Windsheim - ab Oktober. Denn vorerst kann man nur über einen Bauzaun hinweg einen Blick auf das geschichtsträchtige Haus werfen, das in Unterlindelbach seit 1973 leer stand und von den Besitzern Erika und Reinhold Schmidt eigentlich zum Abriss verurteilt worden war.

Schmuckstücke der Baugruppe Nürnberger Land

"Ich stand an einem Sonntag im Hof und schaute auf das baufällige Haus, als ein Herr vorbeikam und mich fragte, ob wir das Haus wieder herrichten wollen", erinnert sich Erika Schmidt. Sie verneinte dies ebenso wie seine Frage, ob das Haus unter Denkmalschutz stehe. Er war begeistert und bekundete sein Interesse an dem Haus für das Fränkische Freilandmuseum. Das war 1993 und es verging noch einige Zeit, bis der Stein ins Rollen kam und das Haus transloziert wurde. "Es ist eines der Schmuckstücke der Baugruppe Nürnberger Land", schwärmt Herbert May von dem alten Unterlindelbacher Bauernhaus, das im Herbst eingeweiht und als Neuzugang die Attraktion in Bad Windsheim sein wird.

Zugleich spricht May damit eines der vielen Besonderheiten des Hauses an: Eine Grundrissgliederung, eher typisch für das Nürnberger Land, obwohl es im Landkreis Forchheim stand. Ein dreischiffiges Haus, mit einem breitem Flur, einer geräumigen Küche und der Kammerzone, links. Damit meint er das Haus, wie es 1697 nach den Kriegen auf dem alten Fundament wieder aufgebaut wurde. Der erste Nachweis für das Haus findet sich um 1450, gebaut als Gutshof unter der Herrschaft der Haller aus Nürnberg als Reichslehen.

"Holzproben, die gezogen wurden, deuten zudem auf einen großen Umbau im Jahre 1778 hin", so der Bau- und Hausforschungshistoriker Herbert May. Da errichtete man eine zweite Stube im Dachgeschoss - den Altensitz. Auch das war eine Seltenheit, ebenso wie die Tatsache, das Dachgeschoss auf zwei Wegen erreichen zu können. "Von der linken Kammer führte direkt eine Treppe ins Dachgeschoss", so May. Damit war der Wohnbereich der Alten sowohl über die normale Flurtreppe als auch über den separaten Zugang der Kammer erschlossen. Die jungen Leute wurden auf diese Weise nicht gestört. Und die alten konnten mit einer winzigen Küche, einer Kammer und einer Stube oben völlig autark leben.

Viele Erkenntnisse, die sich bei der Rekonstruktion, vor allem der Wände ergaben, faszinierten May. "Ein klares Indiz für ein Dämmverfahren", schwärmt er von der Klugheit der "Alten", die exakt wussten, wie am sinnvollsten gedämmt wurde. Auch der schräg durchs Haus gezogene Kamin deutete auf den klugen Sachverstand der früheren Menschen hin, die kein einfaches Leben hatten, wie Reinhold Schmidt aus Erzählungen seiner Vorfahren und den geschichtlichen Aufzeichnungen weiß.

Konfessionsstreit um Kirche und Kirschen

Thematisch aufbereitet wird die zugehörige Geschichte des Bauernhauses auch in Bad Windsheim. Dort kann sich der Besucher über Schautafeln in den Räumen des rekonstruierten Hauses über den Konfessionsstreit und die Geschichte des Kirschanbaus informieren. Mit Beginn der Reformation wurde es auf den Dörfern politisch schwierig, mit den "7 Dörfern", zu denen auch Unterlindelbach gehört, entstand eine Nürnberger Enklave. Den evangelischen Orten war es gestattet, für die Leichenfeiern die Stöckacher Leichenhalle zu nutzen. Lediglich der Kirchturm der Stöckacher katholischen Kirche war Gemeindeeigentum.

Je nachdem, welcher katholische Pfarrer im Amt war, führte der Streit katholisch - evangelisch zu Verwerfungen. "Wenn der Pfarrer den Friedhof zusperrte, schoben die Evangelischen den Sarg über die Mauer, der dann auch wieder über die Mauer zurück geschoben wurde", weiß Rossmeissl aus den historischen Dokumenten zu berichten. Der evangelische Pfarrer durfte dann auch das Gotteshaus nicht nutzen, sondern predigte von den Stufen, die zum Kirchturm führten, zur Trauergemeinde hinunter.

"300 Jahre musste dieser Streit ausgehalten werden", sagt der Bauforscher im Freilandmuseum. Ein Streit, der soweit ging, dass Nürnberg eine der Kirchenglocken für sich beanspruchte und nicht nur die Arbeitszeiten zum Ackerbau, sondern auch die evangelischen und die katholischen Gebetszeiten geläutet wurden. Die Bürger beider Konfessionen wurden so aufeinander gehetzt und "die Untertanen waren sich spinnefeind", erzählt Rossmeissl. Was auch im Kirschanbau ersichtlich war, doch diese Historie muss ohnehin revidiert werden. Der beginnt im 11. Jahrhundert im Kloster in Weißenohe. "Dafür gibt es aber keine Quellen. Die früheste archivarische Nennung ist im 16. Jahrhundert", so Rossmeissl. Da wird von "Weichsel" geredet, der Sauerkirsche. Der Süßkirschanbau geht erst 1750 richtig los. Doch auch hier gab es einen evangelischen und einen katholischen Kirschanbau.

Die Zeit hinterlässt Spuren

Der Nürnberger Amtmann Ölhafen von Schöllenbach, aus dem Geschlecht der Patrizier, von 1748 bis 1964 in Gräfenberg im Amt, der eine kleine Baumschule mit Kirschen und Pflaumen kultivierte, beschloss auch in den Hutweiden Kirschbäume anzupflanzen. Auf dieser Hutweide, noch heute ist eine Straße in Unterlindelbach so benannt, hatten die Bauern Weiderecht und trieben ihr Vieh zum Grasen dorthin. Obwohl alle Bürger diese Kirschen ernten durften, regten sich die Bauern über den Kirschbau auf. "Es dauerte noch 100 Jahre, bis sich der Kirschanbau durchsetzte, der erst mit dem Bahnbau in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts boomte", sagt Rossmeissl.

Auch Kunigunde und Leonhardt Schmidt verdienten sich mit ihren Kindern im Kirschanbau ein Zubrot. Die Familie war übrigens die letzte Generation, die das Bauernhaus bewohnte. Als deren Sohn Johann, Reinhold Schmidts Vater, heiratete, zogen sie aus. Das Haus stand von da an leer. Und wieder hinterließ die Zeit ihre Spuren in dem Gebäude.