Der zurückliegende Winter in Deutschland machte ausnahmsweise mit Minusgraden statt historischen Höchsttemperaturen auf sich aufmerksam. Die Kältewelle konservierte den schon Wochen vorher gefallenen Schnee. Die fränkische Landschaft präsentierte sich im gesamten Januar 2017 im weißen Kleid. Beste Bedingungen für die fünfte "Polo-World-Trophy on Snow" beim Schloss Jägersburg in Bammersdorf. Eigentlich. "Um Polo im Freien spielen zu können, brauchen wir eine Schneedecke von mindestens 30 Zentimetern", erklärt Veranstalter Manuel Harrer. Doch der gefrorene Boden unter den Flocken sei eine zu große Gefahr für die Pferde.


Harrer spielt gegen die Tochter

Die Veranstaltung wird also verlegt - nach drinnen, ohne Schnee. Lediglich der rote Ball im Reitstall von Richard Amon erinnert an den ursprünglichen Plan, als das Team "Luxury" um Kapitän Harrer auf "Tesla" mit dessen Tochter Aziza Ghane (17) trifft. Je drei Spieler treten mit Schlägern, die an Besen ohne Borsten erinnern, gegeneinander an. Zwei "Chukker", also Spielabschnitte à sechs Minuten, haben die mit Gitterhelmen gesicherten Akteure Zeit, um die Plastikkugel im gegnerischen, etwa vier Meter breiten Tor unterzubringen.

Da die Pferde - genau genommen sind es Ponys - eher galoppieren als traben, tun sich die Vertreter der angeblich schnellsten Mannschaftssportart der Welt schwer, den Ball kontrolliert zu führen. Zudem ist es aus Sicherheitsgründen verboten, den Weg eines anderen Tiers zu kreuzen. Viele Ballverluste sind die Folge. Ähnlich wie beim E-Jugend-Fußball geht es ständig hin und her. "Der Sport ist nicht nur für die Pferde anstrengend", erzählt Harrer, nachdem er den Sattel mit einer knappen Niederlage im Gepäck und Schweißperlen auf der Stirn verlassen hat.

Die aus Argentinien stammenden Polo-Ponys werden nach jedem Chukker gewechselt. Die 15 Tiere des Polo-Clubs Schloss Jägersburg hat Harrer deshalb für die dreitägige Veranstaltung um dieselbe Zahl erhöht. "Vor sechs Jahren bin ich in Berlin auf Polo aufmerksam geworden", erinnert sich der plastische Chirurg, der in Nürnberg und in der Hauptstadt eine Praxis betreibt. Zuvor war der 50-Jährige im Dressurreiten aktiv. Kurz darauf kaufte er sich zwei argentinische Pferde und gründete 2013 den Bammersdorfer Poloverein.


Spielreife ist Voraussetzung

Das Turnier, das Harrer in dem kleinen Ort der Gemeinde Eggolsheim zwischen Bamberg und Forchheim zum fünften Mal veranstaltet, ist ein offizielles. Mitmachen darf nur, wer in Theorie und Praxis eine Spielreife erworben hat. Wie beim Golf trägt jeder ein bestimmtes Handicap zwischen minus 2 und plus 10. Der "Nuller" Harrer behauptet sich zwischen den argentinischen Weltklasseakteuren gut. Angetrieben von Freund und Moderator Alexander Schwarz gelingt dem Heroldsberger sogar ein Treffer.

Wie ein Radiosprecher kommentiert Profi-Polospieler Schwarz jede Aktion. Er ahnt die Spielzüge voraus und erklärt, warum sich ein Reiter bei gegnerischem Freistoß auf Höhe der 25 Meter entfernten Mittellinie zwischen die eigenen Pfosten stellt: Die erfahrenen Akteure nutzen den ruhenden Ball in der Regel zu einem weiten Schlag nach vorne, anstatt das Risiko einzugehen, ihn beim versuchten Abspiel zu verlieren.

Plötzlich stürzt Harrer vom Pferd. Ordner eilen herbei, um dem 50-Jährigen aufzuhelfen. Sowohl der Reiter als auch sein vierbeiniger Träger können weitermachen. "Mein Sattel war locker", erklärt Harrer hinterher, während er sich über Schulter und Ellbogen streicht. "Bis auf ein paar blaue Flecken ist nichts passiert", sagt er zur Beruhigung. Dass ein harmloser Harrer-Unfall schnell ein folgenschwerer Horror-Crash sein kann, hat der Doktor in einem der bekanntesten Schnee-Polo-Orte der Welt, in Kitzbühel, erlebt. Zwei Pferde hatten sich bei einem Wettbewerb im Nobelskiressort ein Bein gebrochen. Auch deshalb hat sich der Organisator für die sicherere Variante und gegen das angekündigte Schnee-Polo entschieden.


Harrer verlangt kein Eintrittsgeld

Einige Zuschauer kommen trotzdem. Immerhin ist es unter den Heizstrahlern im Stall nicht ganz so eisig wie draußen. Eintrittsgelder verlangt Harrer nicht. "Ich will den Menschen diesen schönen Sport näherbringen", begründet er sein Engagement. Ein Draufzahlgeschäft. Der Hauptsponsor heißt zwar nicht VW-Polo sondern Tesla, dennoch geht das Turnier an Harrers Portemonnaie. Zudem kostet ihn die Organisation Zeit. "Ein Vierteljahr lang plane ich dafür", erklärt er.

Zwischen der liebevoll eingerichteten VIP-Lounge und rege genutztem Essensstand am Rande der geräumigen Halle lauscht die Menschentraube den launigen Durchsagen von Alexander Schwarz und wirft neugierige Blicke über die Holzbegrenzung. Auch ein Hund streckt sich entlang der Bande, um seine tierischen Kollegen beim Sport zu beobachten (siehe Bild).

Über dem Heuboden rauchen keine Bengalos, die man aus dem Fußballstadion kennt, sondern die Nüstern der Pferde, wahlweise auch deren Exkremente. Umstände wie die per Smartphone gemessene Spielzeit oder die von Harrers internationalem Kumpel Paul Langley an die Stallwand montierten Zwischenstände können und wollen es nicht mit Kitzbühel aufnehmen. Ob in der Tiroler Kleinstadt auch ein in feinstes Polo-Dress gekleideter Spieler auf einen dreckigen Traktor mit Walzenanhänger steigt, um den aufgewühlten Hallenboden zwischen den Chukkers zu ebnen?

Einen Sieger gibt es aber auch in Bammersdorf. Aziza Ghanes Team setzt sich im Finale gegen "Cosmopolo" durch. Ihr Vater muss mit dem dritten Platz unter vier teilnehmenden Mannschaften Vorlieb nehmen. "Das Turnier war ein großer Erfolg", sagt der Veranstalter trotzdem. "Die Mühe hat sich gelohnt und wir gehen voller Elan in die Vorbereitungen für den Summer-Cup im Juli." Dann hofft Harrer nicht auf Schnee, der in Franken längst geschmolzen ist, sondern auf Sonne am Fuße der Jägersburg.


Bammersdorf hat den einzigen Klub Frankens

Die "Polo-World-Trophy" ist eine Erfindung von Manuel Harrer. Gleichwohl ist das Turnier, das der 50-Jährige seit drei Jahren je einmal im Sommer und Winter (planmäßig auf Schnee) ausrichtet, ein offizielles. In seiner Zeit als Dressurreiter lernte Harrer den Besitzer des Bammersdorfer Reitstalls, Richard Amon, kennen, dort beherbergte er seine Pferde. Weil es im Umkreis von 300 Kilometern keinen Polo-Standort gegeben habe, entschloss sich Harrer, den Polo-Club Schloss Jägersburg zu gründen, der aktuell zehn Mitglieder hat. "Die Landschaft und die Begebenheiten hier eignen sich auch für Schnee-Polo", sagt er. rup


35 Vereine sind im DPV zusammengeschlossen

Als einer von 35 Polo-Klubs ist der Verein aus dem Ort in der Gemeinde Eggolsheim dem anlässlich der Olympischen Spiele 1972 entstandenen Deutschen Polo-Verband (DPV) mit Sitz in München angeschlossen. Dieser veranstaltet jährlich deutsche Meisterschaften in den Disziplinen "Arena", also innen, sowie in den nach Handicap bemessenen Schwierigkeitsgraden "High", "Medium" und "Low Goal". Für die Jugend gibt es einen eigenen Wettbewerb. Zudem wurde 2016 erstmals der deutsche Meister im Beach-Polo gesucht. Gastgeber war Manuel Harrers Ex-Polo-Klub Timmendorfer Strand aus der gleichnamigen Gemeinde in Schleswig-Holstein. Sieger der Premiere wurde der Polo-Club Mühlen aus dem Landkreis Osnabrück. Quelle: Homepage


Ein Argentinier leitet den Polo-Weltverband

International ist die Sportart in der Federation of International Polo (FIP) zusammengeschlossen. Der Vereinigung, die im Register in Uruguay eingetragen ist, gehören knapp 50 nationale Verbände an. Gegründet wurde sie 1982 in Buenos Aires. 1998 wurde sie vom internationalen olympischen Komitee anerkannt. Sie richtet in unregelmäßigen Abständen (im Schnitt alle drei Jahre) Welt- und Europameisterschaften aus. Die beste EM-Platzierung Deutschlands war Rang 2 im Jahr 1995. Die nächste WM findet im Oktober in Sydney statt. Seit 2010 ist der Argentinier Eduardo Huergo FIP-Präsident. Quelle: wikipedia