Erschüttern kann Werner Gebhardt eigentlich nicht mehr viel. Wer fast 50 Jahre als Fan des TSV 1860 München durch das Leben schreitet, hat schon etliche Tiefs miterlebt. Natürlich gab es auch erfolgreiche Phasen, die glorreichen Zeiten aus den 90ern unter Trainer Werner Lorant gehören aber spätestens seit Dienstag der Vergangenheit an. "Wir sind Kummer ja durchaus gewöhnt", sagt der 57-Jährige, Vorstand des "Löwen Fan-Club" aus Heroldsbach.

Am Dienstag hatten sich Gebhardt und 16 Mitstreiter des Fanclubs in zwei Kleinbussen auf den Weg nach München gemacht, es stand das Rückspiel in der Relegation gegen den SSV Jahn Regensburg an. Würden die Löwen in ihre 14. Zweitliga-Saison in Folge gehen oder den bitteren Gang in die 3. Liga antreten müssen? Letzteres trat ein, 0:2 verloren, unterirdisch gespielt, weg vom Fenster. Obwohl ein positiv denkender Mensch, schwante Gebhardt bereits vor dem Spiel, wie dieser Abend enden könnte. Der immense Druck, die gewaltige Zuschauerkulisse und eine völlig verunsicherte Mannschaft - keine Zutaten, um befreit aufzuspielen. "Das Spiel war eine Katastrophe. Keine Leistung, keine Gegenwehr, einfach nichts. Es stand keine Einheit auf dem Platz, sondern elf Einzelspieler. Dieses Spiel hat die verkorkste Saison in 90 Minuten widergespiegelt. Es ging um alles, und wir haben alles verloren", so der 57-Jährige, der den Gegner aus Regensburg als positiven Gegenentwurf heraushebt. "Zwar fehlen dort die großen Namen, es ist aber eine eingespielte und eingeschworene Truppe, die spielerisch einen klaren Plan verfolgt hat. Von den 60ern konnte man das ja nicht behaupten."


Stühle werfen? Das geht gar nicht

Wie die Mehrzahl der Zuschauer im Stadion verfolgten auch Gebhardt und Kollegen in der Fankurve fassungslos, aber friedlich-lethargisch, was sich auf dem Rasen abspielte. Die Hoffnung schwand von Minute zu Minute, gegen Ende des Spiels sorgten Krawallmacher der Löwen beinahe für einen Spielabbruch. Die Fassungslosigkeit bei Gebhardt steigerte sich nochmals. "Natürlich verstehe ich die Fans, dass sie sauer sind. Das waren wir ja auch. Aber Stühle aus der Verankerung zu reißen, auf den Rasen zu schleudern und damit Menschen zu gefährden, geht viel zu weit, da gibt es überhaupt keine Diskussion."

Und nun? Wie geht es weiter mit den Löwen? Diese Frage zu beantworten, ist aktuell schlicht unmöglich. Der erst vor kurzem installierte Sportdirektor Ian Ayre legte schon vor dem Spiel sein Amt nieder, Präsident Peter Casallette folgte ihm nach der Niederlage. Dass Vitor Pereira in der kommenden Saison noch der Trainer sein wird, darf ebenfalls bezweifelt werden. Die "starken" Männer verlassen den Klub nun scharenweise. Nur Hasan Ismaik, der umstrittene Investor, möchte von einem Rückzug beziehungsweise einem Verkauf seiner Anteile nichts wissen. "Ich denke, dass der Verein ihn noch brauchen wird. Ohne Investoren geht im Profifußball heutzutage nichts mehr, mit dem Abstieg hat sich die finanzielle Lage bei 1860 nochmals verschlechtert", sagt Gebhardt. Kein gutes Haar lässt der Heroldsbacher am scheidenden Präsidenten. "Von ihm bin ich richtig enttäuscht, dass er als einer der ersten das sinkende Schiff verlässt. Jetzt ist gar keiner mehr da. Dabei gibt es keine Zeit zu verlieren. Die Planungen zur 3. Liga müssen anlaufen, der Kader zusammengestellt und vermutlich ein neuer Trainer verpflichtet werden. All das muss sofort geschehen, nicht in ein paar Wochen."

Wie ein möglicher Kader für die Saison 2017/2018 aussehen kann, ist eine der noch ungeklärten Fragen. Etliche Verträge haben für die 3. Liga keine Gültigkeit, auch die im Winter verpflichteten Leihspieler werden kaum weiterhin für die Löwen auflaufen. "Das ist das Traurige, dass eben so viele Spieler weg sind. Es muss ein kompletter Neuaufbau her, und es muss endlich Ruhe in den Verein einkehren", sagt Gebhardt. Immerhin dürften aus der Regionalliga-Mannschaft einige Akteure nun ihre Chance bekommen. Durch den Abstieg der 1. Mannschaft muss auch die 2. Mannschaft - obwohl Vizemeister in der Regionalliga - in die Bayernliga absteigen. "Da sind junge und hungrige Spieler dabei, wie Florian Neuhaus oder Felix Weber. Solchen Leuten muss die Zukunft gehören." Vielleicht, sagt Gebhardt nach kurzem Überlegen, wäre Bernd Hollerbach der richtige Mann für einen Neuaufbau. Jener Trainer also, der die Würzburger Kickers schnurstracks in die 2. Liga führte, nach dem Abstieg in dieser Saison aber seinen Hut nahm. "Das könnte passen. Der Verein braucht Personen, mit denen sich Fans und Spieler identifizieren können."


Einmal Löwe, immer Löwe

Die Treue zu den Löwen werden sie in Heroldsbach trotzdem aufrecht erhalten und auch in der 3. Liga vereinzelt zu Spielen fahren, so, wie sie es seit 1994 machen. "Auflösen werden wir den Fanklub mit Sicherheit nicht, wir sind doch keine Erfolgsfans. Unser Herz schlägt ähnlich wie bei den Fans des 1. FC Nürnberg, die auch viel haben mitmachen müssen und dem Verein trotzdem die Stange halten. Man steht zu seinem Klub, in guten wie in schlechten Zeiten."