Training bei den Fußballern des TSV Ebermannstadt: Stammkeeper Felix Bischoff sitzt auf dem Hosenboden und schwitzt. Er hechtet den zugeschmissenen Bällen nach, die Ali Mohammadi unablässig abwechselnd links und rechts in seine Richtung wirft. Der 42-jährige Iraner weiß genau, welche Übungen den Torhüter fordern, er lobt ihn nach dem Training: "Deutschland hatte schon immer gute Torhüter, Felix ist auch so einer."

Mohammadi kann sich ein Urteil erlauben, er stand einst selbst in seiner Heimatstadt Teheran in der ersten iranischen Fußball-Liga bei Persepolis im Kasten. Mit acht Titeln ist Persepolis Teheran als Rekordmeister der "Iranian Pro League" der erfolgreichste iranische Fußballklub und trägt - wie Stadtrivale Estegha - seine Spiele im Azadi-Stadion aus.
Der Sportpark "Azadi", wie die Iraner ihn schlicht nennen, ist mit einem Fassungsvermögen von 110 000 Zuschauern das größte Stadion des Landes. In ihm trägt auch die iranische Nationalelf ihre wichtigsten Länderspiele aus.

Beim Termin in Ebermannstadt tollt Sohn Shahrokh (5) mit anderen Kindern des Hauses, in dem mehrere Flüchtlingsfamilien aus verschiedenen Nationen untergebracht sind, im Garten umher. Stolz trägt der Knirps ein Deutschland-Trikot mit dem Adler, auf den er mit dem Finger zeigt und sagt: "Ich will auch ein guter Fußballer werden." Dann geht die Jagd nach dem Ball mit kindlicher Freude weiter.


Demut und Dankbarkeit

Der vierköpfigen persischen Familie wurde im dreigeschossigen Gebäude eine kleine Kellerwohnung zugewiesen, nachdem sie vor knapp eineinhalb Jahren hierher gekommen war. Beim herzlichen Empfang wird klar: Die Mohammadis sind mehr als dankbar, in Deutschland angekommen - und vor allem hier in der Fränkischen Schweiz gut aufgenommen worden zu sein, wie das Familienoberhaupt demütig erklärt: "Es haben viele Menschen von Anfang an geholfen, dass wir uns wohlfühlen und dass wir eine ehrliche Chance bekommen. Das ist in der heutigen Zeit und der Situation mit vielen Asylsuchenden in Deutschland keine Selbstverständlichkeit."
Seit die Zahlen der Flüchtlinge aus den arabisch-islamischen Ländern nach oben schnellten und für Gesamteuropa zu einer Problematik stigmatisiert wurden, werden Asylsuchende hier oft ablehnend und argwöhnisch behandelt. Welche Schicksale sich hinter den Einzelfällen verbergen, bleibt meist auf der Strecke - wie bei den Mohammadis. Zwar stehen eher Syrer, Iraker und Afghanen im Fokus der Medien, weniger der Iran, aber auch im Land, in dem sich die Leute Perser nennen und die Bezeichnung Araber nahezu als Beleidigung empfinden, fürchten die Menschen wegen ihrer religiösen Anschauung um das eigene und das Wohl ihrer Familien - und wollen einfach nur weg. Dorthin, wo sie sicher sind.

Eigentlich hatten die Mohammadis ein schönes und geregeltes Leben in Teheran. Nach seiner aktiven Fußballerzeit, die Ali durch die Hauptstadtprofivereine Persepolis, F.C. Fath, Saipa Football Club und Sorkhehesar führte, wurde er Rechtsanwalt. Auch Atefeh, seine 33-jährige Ehefrau, stand nur ein Semester vor Abschluss ihres Jurastudiums. Dann mussten sie flüchten.

"Einige meiner Mitspieler von damals wurden berühmte Fußballer und wechselten in die Bundesliga. Sicher ist den Fans noch Ali Daei, der von Arminia Bielefeld zu Bayern München kam und zuletzt bei Hertha BSC spielte, bekannt. Aber auch Karim Bagheri, ebenfalls Bielefeld, und Khodadad Azizi, der beim 1. FC Köln kickte, waren Teamkollegen von mir bei Persepolis", erzählt Ali. Mit Torach Tiemory, früherer Nationaltorhüter im Iran, steht er noch immer in Kontakt: "Er war mein erster und bester Trainer und hat mich viel gelehrt. Seine Worte helfen mir noch heute."

Für die Mohammadis begannen die Probleme, als sie vom Islam zum christlichen Glauben konvertierten und der evangelischen Kirche beitraten. Von da an bekam Ali immer weniger Mandate als Rechtsanwalt, auch seine Frau bekam zunehmend Probleme im Studium. Ins Detail will Ali, der sich trotz der relativ kurzen Zeit in Deutschland schon sehr gut verständigen kann, nicht gehen, die restliche Familie lebt noch im Iran. Als auch die heute 13-jährige Tochter Melika in der Schule immer mehr gemieden wurde und die Repressalien in ihrem gesamten Umfeld zunahmen, entschlossen sie sich im Sommer 2014 zur Ausreise.

Die Flucht ins Ungewisse begann am 23. August zunächst mit dem Flugzeug von Teheran nach Ljubljana in Slowenien, von dort ging es mit dem Zug nach Berlin. Eine Woche später folgte die Weiterreise nach Zirndorf, ehe sie Mitte September in Ebermannstadt ankamen.


Neue Heimat in Ebermannstadt

Von der herzlichen Aufnahme in Ebermannstadt, vor allem im Fußballverein, schwärmt Ali Mohammadi: "Hier möchte ich besonders Roland Beck und Stefan Nützel danken, weil sie es mir ermöglicht haben, mich im Verein einzubringen und mir das Gefühl geben, wertvoll zu sein." Die vielfältige Hilfe direkt nach der Ankunft hat es der Flüchtlingsfamilie angetan: "Petra und Tom Campbell waren die ersten, die uns begrüßt haben. Sie machten uns mit der deutschen Kultur vertraut und luden uns zur evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde ein. Meine Familie ist sehr froh, in Ebermannstadt zu leben. Die Leute sind alle sehr freundlich und liebevoll, wir werden respektvoll behandelt."


Integration geht über die Sprache

Mohammadi weiß, dass Integration nur über die Sprache gelingen kann. So helfen sie sich gegenseitig, diese schnell zu lernen - und verschließen sich dem Leben der neuen Heimat nicht. Deshalb gilt sein Dank auch Johanna und Jürgen Krause, die gleich dabei halfen, die beiden Kinder einzuschreiben. Tochter Melika geht auf die Hauptschule, möchte aber bald auf die Realschule oder aufs Gymnasium wechseln. Söhnchen Shahrokh geht in den Kindergarten und spielt mit Eifer in der TSV-Jugend. Dank der Vermittlung durch Mario Simon ist Mohammadi inzwischen Übungsleiter, im April absolvierte er die Prüfung und coacht nun neben den Torhütern auch die C-Jugend des TSV mit.

Doch nun heißt es abwarten, bis der Asylantrag genehmigt wird - wenn überhaupt. Diese Ungewissheit belastet die Familie, gerne würde der gelernte Rechtsanwalt auch hier in einer Kanzlei unterkommen: "Als Anwalt muss man rhetorisch perfekt sein, das wissen wir beide. Deshalb wäre ich zufrieden, als Rechtsanwaltsgehilfe oder als Buchhalter zu arbeiten, sobald der Aufenthaltsstatus geklärt ist. Meine Frau würde auch eine Ausbildung starten oder nach Möglichkeit als Juristin fertig werden. Vielleicht kann uns ja hier jemand weiterhelfen..."