Mit Getöse rammt die Maschine einen weiteren Pfahl in den Boden, rhythmisch, mit kleinen kurzen Schlägen, bis er die tiefere, tragfähige Bodenschicht erreicht hat. Jetzt ist der nächste Pfahl dran. 800 Stück werden es am Ende sein. Spätestens Ende 2022 teilen sie sich die Last eines Megagebäudes mit einer Größe von acht Fußballfeldern. Die Spezialtiefbauarbeiten für das Technologiecenter für "High-Energy Photonics" (HEP-Center) am Siemens-Standort Forchheim laufen auf Hochtouren.

Dennis Fietz ist Projektleiter von Siemens. An drei Tagen in der Woche ist er hier vor Ort, bespricht mit den Planern und Bauarbeitern ,was zu tun ist, koordiniert die Gewerke und freut sich über den Fortschritt. Die baulichen Vorbereitungen, das Verlegen der Mittelspannungsleitungen und der Kanäle sind längst abgeschlossen. 30.000 Kubikmeter Erde wurden bewegt. Die Dimensionen des Baus zeichnen sich deutlich im Boden ab.

Siemens-Technologiezentrum in Forchheim: Ein Bau der Superlative

Eigentlich wäre jetzt die Zeit für die feierliche, symbolische Grundsteinlegung. "Leider hat uns Corona einen Strich durch die Rechnung gemacht", merkt Fietz an, "bis hierhin haben wir schon so viel geschafft. Seit über drei Jahren laufen die Planungen. Die Hälfte der Arbeit ist erledigt. Das ist ein Meilenstein."

Die Bauarbeiten selbst seien durch die Pandemie nicht ins Stocken geraten. Alles laufe nach Plan. Seit Ende 2017 ist Fietz mit dem Bauprojekt betraut, koordiniert die Konstruktions-, Planungs- und Bauarbeiten, die mithilfe der sogenannten Building-Information-Modeling-Methode (BIM) erfolgen. Dabei entsteht ein digitales Abbild des Gesamtprojekts, das alle wichtigen Informationen enthält. Zum Beispiel die 24.000 Kubikmeter Beton oder die 8000 Tonnen Stahl, die am Ende verbaut sein werden. Mit Letzteren ließe sich der Eiffelturm bauen - und um noch ein paar Meter nach oben weiter in den Himmel strecken.

Immer wieder hat sich Fietz mit seinem Projektleiterkollegen von "Power & Vacuum Products" Thorsten Reichert getroffen, um die Anforderungen im Detail zu besprechen. Das Gebäude vereint Fertigung, Logistik-, Labor -und Bürobereiche unter einem Dach. "Das Hybridgebäude braucht die Infrastruktur einer modernen, automatisierten Produktion, gleichzeitig müssen wir die Büros so gestalten, dass sich die Kollegen wohlfühlen", schildert er.

Neuer Healthineers-Standort in Franken: Bis Winter 2021 wird sich auf der Baustelle viel tun

Die zuständige Abteilung plant eine der fortschrittlichsten Fertigungen für Komponenten in der Medizintechnologie mit allem Drum und Dran wie intelligenten Sensoren, vernetzten Maschinen, einer engen Verzahnung von Produktion und IT sowie einem digitalen Abbild der realen Produktion. Dieses hat Peter Wittmann, Fertigungsplaner bei Siemens Healthineers, ein paar Kilometer weiter südlich in Erlangen auf dem Schirm - im wahrsten Sinne des Wortes. An seinem Rechner navigiert er gerade durch das HEP-Center - zunächst über einen Strukturbaum, dann in einem 3-D-Bild.

In dieser virtuellen Welt ist das Innenleben des Gebäudes schon weit vorangeschritten. Im dritten Stock, ganz oben, klickt er auf eine abgeschirmte Produktionszelle. "Hier sehen wir, wie ein Roboter mithilfe eines Lasers die Fokusköpfe einer Röntgenröhre einschweißt", erklärt er.

Mithilfe einer sogenannten Product-Lifecycle-Management-Software (PLM) namens Teamcenter erstellt der Fertigungstechniker einen digitalen Zwilling der gesamten geplanten Produktion. Noch bevor das HEP-Center steht, wird dieser helfen, die Montagelinien aufeinander abzustimmen und später im Betrieb laufend zu optimieren. "Ich befülle, wenn man so will, das BIM-Modell mit Leben und bestücke die Produktion virtuell mit unserem Equipment und Prozessen", erklärt er.

Arbeitsplätze für Forchheim: Im neuen Center sollen 700 Menschen arbeiten

Im Detailgrad 1 ist der digitale Produktionszwilling bereits fertig. Verschiedenfarbige Blöcke symbolisieren die einzelnen Fertigungszellen und -stationen. Etwa 20 von insgesamt 45 Montagelinien und Entwicklungsbereichen liegen in einem weiteren Detailgrad vor. Bis Herbst 2021 planen Wittmann und sein Team, den Rest einzuarbeiten. "Wir begehen hier Neuland. Ich würde vermuten, dass unser Modell in dieser Ganzheitlichkeit in Deutschland einmalig wird", sagt Wittmann.

Auch auf der Baustelle wird sich bis zum Winter 2021 viel tun. Bald wird Projektleiter Fietz das erste mächtige Fertigbauteil für den Hochbau in Empfang nehmen und sehen, wie der Rohbau langsam in die Höhe wächst. 24 Meter hoch wird das HEP sein und die meisten Gebäude im Forchheimer Süden weit überragen. Wenn Corona es zulässt, planen er und seine Kollegen ein Richtfest mit und für die Leute vom Bau. "Über 200 Menschen arbeiten in der Hochphase hier", berichtet der Projektleiter.

Produkte: Die heute in Erlangen und künftig in Forchheim hergestellten Hochleistungsröntgenröhren und Hochspannungsgeneratoren kommen sowohl in Röntgengeräten und Computertomographen als auch Angiographie-Systemen zum Einsatz. Der neue Campus wird über hochautomatisierte Anlagen verfügen, die künftig helfen, die Produktionskosten zu reduzieren, die Qualität der Produkte zu erhöhen und ausreichend Kapazitäten für weiteres Wachstum bereitzustellen.

Kosten: "Mit 350 Millionen Euro baut Siemens Healthineers in Forchheim die modernste Entwicklung und Fertigung von Hochleistungsröntgenröhren und Generatoren für bildgebende Verfahren. Der Betrag ist die bisher weltweit größte Einzelinvestition des Medizintechnikherstellers aus Erlangen", sagt Peter Hackenschmied, Leiter der "Technology Unit Power & Vacuum Products".

Arbeitsplätze: In dem neuen Center sollen langfristig etwa 700 Mitarbeiter arbeiten.