Hört man das Wort Brüssel, dann denkt man an die Gurkenverordnung und andere Ausgeburten europäischen Regulierungswahnsinns. Im Dickicht des Dschungels der Euro-Bürokratie ist es nicht leicht, auf Lichtungen zu stoßen, die einem den Blick eröffnen für die vielleicht auch guten Seiten dieser Gemeinschaft. Doch es gibt sie, und sie liegen vor der Haustür. Im Wildpark Hundshaupten, wo diesen Sommer ein "grünes Klassenzimmer" eröffnet wird, an der Schleuse 94, die den Ludwig-Donau-Main Kanal erfahrbar machen soll, oder im Höhenfreibad Gößweinstein - in diesen und in zwölf weiteren Anziehungspunkten für Freizeit- und Kultursuchende stecken Gelder aus dem EU-Förderfüllhorn.

Blickpunkt Kreisentwicklung

"EU-Förderung Leader" steht auf dem Türschild im ersten Stock des VHS-Gebäudes in der Hornschuchallee. Hier sitzt Toni Eckert, der Manager der Leader-Aktionsgruppen (LAG), vor einem deckenhohen Regal voller Aktenordner. Er kennt die Fördertöpfe der EU - dazu gehört Leader als ein spezifisches Programm. Das Kürzel aus dem französischen steht, frei übersetzt, für Aktionen zur Entwicklung der ländlichen Wirtschaft.

"Wir betreiben mit Leader die Kreisentwicklung, um Projekte zu realisieren, die dazu verhelfen, vorgegebene Entwicklungsziele zu erreichen", erklärt Eckert.

Ein Beispiel dafür ist die Entwicklung des Landkreises Forchheim zu einer "Kultur- und Gesundheitsregion in einer intakten Umwelt". Dabei ist der Begriff Gesundheit sehr weit gefasst: auch das Kletterzentrum Obertrubach wurde bei seiner Konzipierung durch Leader-Mittel unterstützt.

"Googelt" man den Begriff "Lauferlebnis Fränkische Schweiz", um sich eine exakt vermessene Laufstrecke herauszusuchen, findet man auf der entsprechenden Internetseite, neben dem Wappen der Staatsregierung, ebenfalls die Symbole des EU-Förderprogramms. Kurzum: "Mit Leader können wir Projekte finanzieren, für die es sonst keine Förderung gäbe", bringt es Toni Eckert auf den Punkt.

Hohe Antrags-Hürden

Die Fördermittel sprudeln natürlich nicht durch einen einfachen Dreh am Geldhahn - viele bürokratische Hürden sind zu überwinden, bis eine Bewilligung erteilt wird. "Ich brauche für eine Förderperiode ein regionales Entwicklungskonzept mit einzelnen Handlungszielen", erklärt Eckert. Ein solches Konzept wird derzeit für die kommende Förderperiode erstellt. Schwerpunkt ist die demographische Entwicklung. Bis zum Ende des Jahres wird das Konzept zur Bewilligung beim Ministerium eingereicht, wo geprüft wird, ob es für die Entwicklung des ländlichen Raumes tauglich ist.

Zukunftskonferenz am 4. Juni

Bei der Konzepterstellung ist übrigens die Öffentlichkeit nicht ausgeschlossen. Am 4. Juni wird im Landratsamt eine große "Zukunftskonferenz" stattfinden, bei der jedermann Vorschläge für die Förderung von Projekten einbringen kann.




Kommentar von Andreas Oswald:


Was bringt uns Europa? Das hängt vom Blickwinkel ab! Zuschüsse für ein grünes Klassenzimmer im Wildpark Hundshaupten, EU-Gelder für die Erweiterung von Wanderwegen in der Fränkischen und all die anderen Fördermaßnahmen, die der Entwicklung unseres ländlichen Raumes dienen, sind schön und gut. Das ist die eine Seite der Euro-Münze. Aber man sollte nicht aus den Augen verlieren, welchen Preis Deutschland für Europa zahlt. Seit der Wiedervereinigung hat die Bundesrepublik über 200 Milliarden Euro Nettozahlungen geleistet. Das sind 45 Prozent der gesamten Nettobeiträge aller zehn EU-Nettozahler - weit überproportional zu Deutschlands Wirtschaftsleistung, bilanziert die Frankfurter Allgemeine in ihrer Online-Ausgabe. Darin sieht der Heidelberger Volkswirtschaftsprofessor Franz-Ulrich Willeke Deutschland nicht nur als Zahlmeister, sondern als "Melkkuh" der EU. Abgesehen vom Geld: Auch mit Blick auf ihre Gesetzgebung zahlt die Bundesrepublik einen fragwürdigen Preis. Beispielsweise, wenn EU-(Un)Recht die deutsche Sicherungsverwahrung außer Kraft setzt und unser Staat, wie 2009 geschehen, dazu verurteilt wird 50 000 Euro Schmerzensgeld an einen Gewaltverbrecher zu bezahlen - und den dann auch noch freilassen muss, obwohl mehrere Gutachter den Täter für gemeingefährlich befanden. Auch, dass es laut Europäischem Gerichtshof rechtens sei, dass EU-Saisonarbeiter hierzulande Anspruch auf Kindergeld haben, selbst wenn der Nachwuchs im Ausland lebt - all das gehört zur anderen, glanzlosen Seite der Euro-Münze.