Der Mord an dem 31-jährigen Christian Trautner aus Hausen sorgte im Oktober vor 20 Jahren für bundesweites Aufsehen. Der Polizeihauptmeister war mit einem Kollegen in der Nachtschicht unterwegs gewesen. Als die Streifenbeamten am Fuße des Erlanger Burgbergs eine Routinekontrolle durchführen wollten, floh der Fahrer und konnte wenig später in Bubenreuth gestellt werden. Während die Streifenbeamten glaubten, nur einen flüchtenden Betrunkenen vor sich zu haben, handelte es sich in Wahrheit um den per Haftbefehl gesuchten schwerkriminellen Marcel E. aus Forchheim. Er eröffnete ohne Vorwarnung das Feuer auf die beiden Polizisten, tötete Christian Trautner und verletzte dessen Kollegen schwer.

In den Tagen nach dieser Tat vom 12. Oktober 2000 drängten Polizei-Gewerkschaftler und Politiker aus Bund und Ländern auf besseren Eigenschutz von Polizisten. Die Regierung in Rheinland-Pfalz etwa forderte den Einsatz von Videokameras in Streifenwagen. Die Deutsche Polizeigewerkschaft brachte den Begriff "amerikanische Verhältnisse" ins Spiel und wollte neue Regeln bei Verkehrskontrollen: Auch in Deutschland müsse es Gesetz werden, dass bei Verkehrskontrollen der Fahrer die Hände auf das Steuer legt.

Viele Forderungen jener Tage sind in Vergessenheit geraten. Keineswegs verblasst ist jedoch das Andenken an den Ermordeten. Für ihn wurde vor wenigen Tagen am Tatort in der Bubenreuther Frankenstraße ein Gedenkstein enthüllt. Die Anteilnahme war groß, nicht nur im Kollegenkreis von Christian Trautner.

"Die schreckliche Erinnerung an die Tatnacht ist unter den Anwohnern präsent geblieben", sagt Norbert Stumpf, der heute 45 Jahre alt und Bürgermeister von Bubenreuth ist. Der damals 25-Jährige hatte das Drama in der Frankenstraße als Feuerwehrmann miterlebt. "Ich wohne gleich oberhalb am Eichenplatz und habe den Schusswechsel gehört."

Kurz bevor die Schüsse fielen, wurde in jener Oktobernacht auch Joachim Krause Teil des Geschehens. Als Zivilfahnder hörte er über Funk mit, dass der Fahrer eines Ford Sierra von Erlangen in Richtung Bubenreuth flüchtete. Als Krause die Frankenstraße erreichte, war nichts mehr zu ändern. Marcel E. hatte Christian Trautner einen Lungendurchschuss und dessen Kollgen einen Schulterdurchschuss zugefügt; selbst war er durch fünf Kugeln lebensgefährlich verletzt worden.

Christian Trautner saß zusammengesackt auf dem Autositz neben der offenen Fahrertür. Er hatte noch einen Funkspruch absetzen können und war dann zusammengebrochen. "Ich hab ihn im Arm gehalten und Trost zugesprochen", erinnert sich Joachim Krause an den schlimmsten Moment seiner Polizeilaufbahn.

Es sei unglaublich belastend, "wenn man merkt, dass Erste-Hilfe-Maßnahmen nichts mehr bringen". Und es sei dann eine gewisse Entlastung für ihn gewesen, als ihm bestätigt wurde, nichts falsch gemacht zu haben. Noch in der selben Nacht hatte ihm der Notarzt mitgeteilt: Mit diesen Verletzungen wäre Christian Trautner auch auf dem OP-Tisch gestorben.

"Was Schlimmeres kann man nicht erleben und es lässt einen nicht mehr los", sagt Joachim Krause, der heute ein Kommissariat in Nürnberg leitet. Anfangs habe er psychologische Hilfe in Anspruch genommen. Vor allem aber habe er "dank meiner Familie und meines Glaubens Halt gefunden".

Wenn er sich mit einem Abstand von zwei Jahrzehnten an die fatale Nacht erinnert, hat er Christian Trautner in seinem hellen, blutdurchtränkten Hemd immer noch überdeutlich vor Augen: "Die Gefühle ebben zwar mit den Jahren ab", sagt Joachim Krause, "aber die Bilder bleiben."

Menschen wie Norbert Stumpf oder Joachim Krause, die in der Tatnacht vor Ort waren, können nicht vergessen, andere wollen es nicht. Polizeihauptkommissar Ludwig Weinkam zum Beispiel. Der damalige Leiter einer zivilen Einsatzgruppe hatte in jener Nacht keinen Dienst und hörte erst nur im Radio, dass in Bubenreuth ein Polizist erschossen worden sei. Dass es "Toni" Trautner war, ging Ludwig Weinkam besonders nah. Er kannte den 31-Jährigen näher und schätzte seine Fähigkeiten: "Er war cool drauf und ein super Polizist", erzählt Ludwig Weinkam. Er habe Trautner für seine zivile Einsatzgruppe gewinnen wollen, "aber er wollte unbedingt zur Inspektion Erlangen-Land".

Als vergangene Woche der Gedenkstein für Christian Trautner enthüllt wurde, war natürlich auch Ludwig Weinkam dabei. Über der Schulter trug er eine aus grünem Stoff geschneiderte Tasche. Die habe er sich aus einem ausgedienten Polizeimantel fertigen lassen - es sei "Tonis Mantel" gewesen. Auch in der Tasche trug Ludwig Weinkam eine Erinnerung: "Tonis Sterbebild". Weinkam zog es heraus. Und so wanderte das Bild 20 Jahre nach Trautners Beerdigung bei der Gedenkfeier nochmal durch die Hände seiner Kollegen.