Der Schädlingsbefall im Kolpinghaus habe die Verantwortlichen "überfallen", verdeutlichte Claudia Stumpf vom städtischen Bauamt. Eigentlich war alles ganz anders geplant: In diesem Sommer wollten Stadtrat und -verwaltung festlegen, wie und wann das historische Gebäude am Kolpingplatz 1 als Kulturzentrum in Betrieb genommen wird. Im Herbst sollte der Umbau beginnen. In der kommenden Faschingssaison 2021 sollte im Kolpingsaal gefeiert werden. Daraus wird nichts.

Das Provisorium für große Kulturveranstaltungen in Forchheim wurde vorbereitet. Die Stadt hatte sich das Junge Theater als Partner aus der Kulturszene mit ins Boot geholt. Die Pläne, wie das Kolpinghaus zur Versammlungs- und Veranstaltungsstätte umgebaut werden sollte, standen fest. Am 24. April wurde der Bauantrag gestellt, die Umbaukosten sind mit 770 000 Euro veranschlagt. Der benötigte Umbau im Kolpingsaal mit einem absenkbaren Traversensystem war geplant.

Als Statiker und Architekt im Zuge des Umbaus durch das Kolpinghaus liefen, änderte sich alles. Zunächst fanden sie im historischen Dachstuhl Holzspäne. Als Anfang Mai die erste Schadenskartierung "so erschreckend" ausfiel, erläuterte Stumpf, wurde zusammen mit dem Bauordnungsamt eine zweite durchgeführt. Die Hiobsbotschaft: Mehrere Teile des Kolpinghauses sind wegen Schädlingsbefall und Fäule einsturzgefährdet.

Decke könnte herunterkrachen

Besonders verheerend ist die Situation über dem Saal, wo nicht nur der denkmalgeschützte Dachstuhl, sondern auch das putztragende Lattengerüst unter der Decke befallen ist. "Wenn sich eine Stelle löst, dann löst es sich wie bei einem Reißverschlusssystem und die ganze Decke kracht herunter", verdeutlichte Projektleiterin Claudia Stumpf die Gefahr. Auch die Standsicherheit des Bühnenhauses ist gefährdet, ebenso die Decke der ansässigen Tanzschule. Arbeiter haben bereits erste Notsicherungen gemacht.

"Wir haben noch keine Zahlen, was die Sanierung überhaupt kostet, da das Schadensausmaß noch nicht feststeht", betonte Stumpf. Am 29 Juni kommen Experten der Amtswerkstätten aus München nach Forchheim, um das historische Kolpinghaus zu untersuchen. Sie werden die Saaldecke punktuell öffnen, und das Haus wird weiter vor einem Einsturz gesichert. Außerdem wird sich die Stadt mit der Denkmalpflege abstimmen. Danach sollen die Untersuchungsergebnisse vorgelegt werden.

"Das ist eine Misere", sagte Bürgermeisterin Annette Prechtel (FGL), die sich stets für das Kolpinghaus als Kulturzentrum eingesetzt hat. "Mein Ziel ist es, sobald die Gutachten da sind, eine Sondersitzung zum Kolpinghaus im Gesamtstadtrat machen", schlug sie am Donnerstag den Mitgliedern des Haupt-, Personal, Kulturausschusses vor, die geschlossen Zustimmung signalisierten. "Aus Sicht der Kulturlandschaft in Forchheim ist das ein Desaster", sagte Manfred Hümmer. Der FW-Fraktionsvorsitzende sei "fassungslos", dass die Schäden nicht früher entdeckt. Die Stadt müsse jetzt alle Optionen prüfen, betonte Hümmer.

Suche nach Kulturräumen

Am 1. Januar 2019 hat die Stadt Forchheim das Haus per Erbpachtvertrag für 99 Jahre von der Kolpingsfamilie übernommen. 2017 gab es ein Wertegutachten. Claudia Stumpf zitierte aus dem Papier: "Holzkonstruktion ohne sichtbaren Defekt." Eine der ersten Aufgaben für die Bürgermeisterin sei es jetzt, "nach Räumen zu suchen, wo Kultur stattfinden kann", sagte Prechtel. Die Gremiumsmitglieder äußerten erste Ideen, wie und wo jetzt Kulturräume geschaffen werden könnten: Beispielsweise ob Veranstaltungsräume in der Stadt gemietet, die Jahnhalle doch länger genutzt werden könnte oder das ehemalige C&A-Gebäude eine Option sei.

FDP-Stadtrat Sebastian Körber wagte noch keine juristische Bewertung abzugeben, aber die Frage der "Verantwortlichkeit" müsse geklärt werden. Thomas Werner (CSU) und Atila Karabag (SPD) schlossen sich der Forderung nach einer "schonungslosen Aufklärung" an. Martina Hebendanz (CSU) möchte klären lassen, ob die Tanzschule Ansprüche an die Stadt stellt.

"So viele Schadenstierchen und Fäulen habe ich in einem Haus noch nie gesehen", verdeutlichte Architekt Sebastian Körber. Das Kolpinghaus werde wahrscheinlich drei bis sechs Jahre nicht genutzt werden können. Die Verlierer seien die Kulturschaffenden. Er erinnerte daran: Eine Generalsanierung des historischen Gebäudes am Kolpingplatz 1 wurde auf 17 Millionen Euro geschätzt.