Die Moderne, unter deren Flagge die Elektrotechnik die Mechanik ablöste, und der Krieg, der das Leben der männlichen Erben forderte, hat das der Geschichte der Uhrmacherdynastie Rammensee ein Ende gesetzt. Immerhin zehn Generationen dauerte diese an. Die Herren, die einst mit Glacéhandschuhen durch die Stadt liefen und mit 35 Beschäftigten die größten Arbeitgeber waren, mussten ihre Fabrik 1957 verkaufen. Ihren Lebensunterhalt mussten die Rammensees fortan in anderen Berufen verdienen.

Und wenn es die Fabrik nicht mehr gibt, sollte auch nichts mehr von ihrer Existenz und Geschichten künden, entschied damals Carl Rammensee. Er ist der Großvater des gleichnamigen Stadtrats. Carl Rammensee vernichtete sämtliche schriftlichen Unterlagen über die Groß- und Kleinuhren aus Gräfenberg. In alle Welt, selbst bis nach Hongkong sind diese verschickt worden. Georg Rammensee selbst durfte das Handwerk nicht mehr erlernen.
Ihr wirtschaftliches Ende war den Rammensees kein Wort wert. Es kam einer Blamage gleich.
Das blieb so, bis zwei zufällige Begegnungen Georg Rammensee zum leidenschaftlichen Ahnenforscher werden ließen.

"1980 kam ein Mann aus Stuttgart, der mir viele Fragen über die Uhrmacher Rammensee stellte. Er beschäftigt sich mit Uhren und hatte ein unglaubliches Wissen über die Herstellung und Technik und zeigte mir alte Archivunterlagen", erinnert sich Rammensee.

Viele verwaiste Kirchen

Der Stuttgarter wusste über das Handwerk der Rammensees im Grunde mehr als Georg Rammensee selbst. In Georg Rammensee begann es zu rumoren. Einige Jahre später präsentierte ihm eine Familie aus Eckental ein Buch aus deren Heimat Jaad in Rumänien. Abgebildet in diesem Buch war eine Rammensee- Uhr, erinnert sich Georg Rammensee. Jetzt war er soweit, jetzt wollte Rammensee alles über seine Vorfahren und deren handwerkliche Kunst in Erfahrung bringen.

Die Reise führte ihn und seinen Sohn Oliver ins das Gebiet der Nassauer Sachsen nach Bistritz in Siebenbürgen. "Sieben Uhren suchten wir und erhielten mit dem 86-jährigen Kirchenkurator Johann Meinhardt einen Sechser im Lotto. Er kannte die Umgebung, dolmetschte und vermittelte zwischen uns und den Pfarrern, die dort von der Bevölkerung Popa genannt werden", berichtet Rammensee.

Die Uhren, die vor 100 Jahren aus Gräfenberg an den Fuß der Karpaten geschickt und eventuell auch montiert worden sind, befanden sich alle in evangelischen Kirchen. Doch nach dem Krieg und der Vertreibung verwaisten die Kirchen. Bis auf die Kirche in Bistritz, die an den Staat verkauft wurde. Der veräußerte sie an die Orthodoxen weiter, die die Kirche umbauten. Vor vier Jahren brannte sie ab. "Warum, weiß niemand genau. Es gibt lediglich Gerüchte. Einige behaupten, der Gerüstbauer sei pleite gegangen und hätte die Kirche angesteckt", sagt Rammen-see.

Er stieß vor Ort auf ein Bild, das die Kirche mit der Rammensee-Uhr zeigt: vor dem Brand und nach dem Brand. "Die Rammensee-Uhr und die Glocken sind bei diesem Brand geschmolzen und unwiederbringlich verloren", klagt der Gräfenberger. Der Kirchturm werde dagegen mit deutschen Privatgeldern wieder aufgebaut.
Auch eine Uhr und Glocken werden eingebaut, von einer Firma aus Passau. Die Einweihung findet am 27. August statt. "Als Ehrengast wurde ich dazu eingeladen, denn man war sehr verwundert, aber auch erfreut, dass sich ein Deutscher für die Kirchen und Uhren interessiert", freut sich Rammen-see.

Verrostet und übermalt

In anderen Orten um Bistritz herum hatte er etwas mehr Glück. Beispielsweise in Dumitra. "Der Pfarrer erklärte mir gleich, dass ich die Uhr meiner Vorfahren einpacken könne, wenn er eine neue Uhr bekommt", erinnert sich Rammensee. Chancenlos, diese mit dem Auto zu transportieren, fand er eine weitere Uhr in Tschippendorf (Cepari).

Doch wie in anderen Kirchen war auch an dieser Uhr das Ziffernblatt abgenommen, teils verrostet und die Zeiger nur aufgemalt. "Alle Uhren mit bemaltem Ziffernblatt zeigen auf kurz vor 12 Uhr", fiel dem Gräfenberger auf.
Auf eine Sonderanfertigung stießen Vater und Sohn in Heidendorf (Vissoara). Aufgrund der verengten Bauweise des Turms und des Aufgangs, war diese Sonderanfertigung wohl notwendig gewesen. "30 Prozent der Teile fehlten

. Das gesamte Viertelstundenwerk ist nicht mehr vorhanden", erinnert sich Rammensee. Zeigerwellen oder alte Seile waren tatsächlich nirgends zu sehen. Aber die Glockenseile waren auch in anderen Kirchen entwendet worden, da die Menschen Teile der Uhren von den Bauern gut gebrauchen konnten.

Zwei der sechs aufgefundenen Uhren waren begehbar, fällt das Fazit von Rammensees Reise eher zwiespältig auf. Sein Turmuhrenmuseum wird keine der noch vorhandenen Kirchenuhren bereichern.

Dennoch hat die Reise in die Welt seiner Vorfahren Georg Rammensee viel bedeutet. Ihm, dem Rammensee, der nicht Uhrmacher werden durfte.