Wir leben in einer Gemeinschaft. Aber wie können wir dieses Leben für alle passend gestalten? Schließlich gibt es Menschen mit Behinderungen oder Beeinträchtigungen, die davon abhängig sind, dass das Leben an öffentlichen Plätzen auch für sie barrierefrei gestaltet ist.
Mit diesem Thema beschäftigt sich die Herzogenauracher Arbeitsgruppe Mobilität und Barrierefreiheit schon seit einiger Zeit. Im Mai dieses Jahres testete sie bereits die Stadtbusse Herzogenaurachs auf ihre Barrierefreiheit. Diese schnitten sehr gut ab.
Nun stand ein neues Experiment bevor: Öffentliche Orte sollten vom Freizeitbad Atlantis beginnend und beim Café Römmelt endend abgelaufen und bewertet werden. Dafür nahmen sowohl Seh- als auch Hörbeein-trächtigte, Menschen im Rollstuhl, mit Lernschwierigkeiten oder Sprachbehinderung teil.
Geführt wurde die Gruppe durch Wolfgang Jörg, Behindertenbeauftragter Herzogenaurachs, und Annika Lang, die Projektbeauftragte des Projekts Inklusion - Wohnen - Mobilität - Freizeit/Kultur ist.
Die Tester erhielten zu Beginn ein Protokoll, das sie ausfüllen sollten. Die Ergebnisse dieser Bögen werden noch erarbeitet und bald bekannt gegeben. Direkt zu Beginn des Rundgangs gab es Positives zu sehen: An der Bushaltestelle Atlantis, allerdings auch an einigen anderen, befindet sich nun ein Bügel auf der Sitzbank. Dieser hilft nicht nur Behinderten, sondern auch alten Leuten beim Aufstehen oder Hinsetzen.


Zwölf Sekunden reichen nicht

Als Nächstes wurde die Ampelschaltung neben dem Rewe-Supermarkt unter die Lupe genommen. Eine vorherige Befragung der Lebenshilfe hatte ergeben, dass sich hier einige unsicher fühlen. Bei der ersten Ampel, die überquert wurde, betrug die Grünphase zwölf Sekunden, die damit schon von ursprünglich acht Sekunden verlängert worden ist.
Dennoch schaffte es die Gruppe nicht, die Ampel vor dem Rotwerden zu überqueren. "Ich finde es zu kurz", stellte einer der hörbeeinträchtigten Teilnehmer fest. Jedoch wurde eingeworfen, dass die Ampel der Autofahrer nicht sofort grün wird, wenn die der Fußgänger rot wird, deshalb bestehe kein Grund zur Hektik. Dazu käme die Querungshilfe, hier könne man stoppen, falls man es nicht schafft, die Straße während der Grünphase zu überqueren.
Allerdings stellte die zu kurze Grünphase nicht das einzige Problem dar. Für einen Rollstuhl ist die Straße schwer zu überqueren, da eine Nullabsenkung fehlt und der Rollstuhl angehoben werden muss. Dieses Problem bleibt auch bei der nächsten Ampel, die eine deutlich längere Grünphase aufzeigt. Gelöst werden soll es allerdings schon bald. Bei der Grundsanierung der Straße in zwei Jahren dürfen die Absenkungen an Übergängen nur noch maximal sechs Zentimeter betragen.
Als nächstes befasste sich die Gruppe mit dem auf den Parkplatz von Rewe folgenden Straßenübergang. Dieser fand positive Bewertung. Es ist ein Aufmerksamkeitsfeld für Sehbehinderte angebracht, das aus kleinen hervorgehobenen Kreisen besteht, die der Sehbehinderte mit seinem Blindenstock spüren kann. Ebenso ist die für Rollstuhlfahrer benötigte Nullabsenkung vorhanden.
Auf dem folgenden Weg wurde angesprochen, wie wichtig es für Blinde ist, sich an Kanten zu orientieren. Dies war gut möglich. Als Nächstes wurde die Bushaltestelle in der Würzburger Straße nahe Puma begutachtet. Das Aufmerksamkeitsfeld für Sehbehinderte ist gegeben. Der Einstieg in den Bus scheint auch gut möglich zu sein. "Im Notfall hat der Bus immer eine Rampe dabei", erklärte Annika Lang. Die folgende Ampel zeichnete sich als erste positiv durch ihr Signalgeräusch für Blinde aus.
In der 20er-Zone ist durch die Straßensanierung ein Problem entstanden: Auch wenn es von der Optik schön ist, ist es für Blinde problematisch, dass kein richtiger Gehsteig vorhanden ist. Hier wären Signalplatten nötig. Außerdem ist der Gehweg an einigen Stellen zu schmal, um ihn mit dem Rollstuhl zu benutzen. "Davon sind schließlich auch Mütter mit Kinderwagen betroffen", bedauerte eine Teilnehmerin.
Anschließend zeigten sich im Eiscafé Cortina und der Bäckerei Römmelt die gleichen Barrieren: Für Rollstuhlfahrer ist der aus Stufen bestehende Eingang alleine nicht benutzbar. Mit fremder Hilfe jedoch können die Personen hereingelangen.
Annika Lang lobte hier in beiden Fällen die besondere Höflichkeit und Hilfsbereitschaft des Personals. Sowohl in der Eisdiele als auch im Café Römmelt befindet sich keine für körperlich Behinderte nutzbare Toilette. Sie können allerdings auf die nahe öffentliche Toilette für Menschen mit Behinderung ausweichen.