Corona greift in alle Lebensbereiche ein. Auch die Bürgermeisterwahl im Markt Weisendorf steht ganz im Zeichen der Pandemie. Auf bewährte Konzepte von früheren Wahlen kann die Kommune dabei kaum zurückgreifen. "Der Aufwand ist deutlich, deutlich größer", erklärt Geschäftsstellenleiterin und Wahlleiterin Eva Fröhlich. Sie hofft, dass sich möglichst viele Wahlberechtigte für die Briefwahl entscheiden, denn in den Ortsteilen dürfen wegen der Pandemie keine Wahllokale eingerichtet werden.

Notwendig geworden ist die Wahl eines neuen Bürgermeisters am kommenden Sonntag nach dem unerwarteten Tod des beliebten Bürgermeisters Heinrich Süß (UWG) im September des vergangenen Jahres. Die Bewerber um den Chefsessel im Rathaus sind Karl-Heinz Hertlein (CSU), Ernst Rappold (Grüne) und Franz Dellermann (UWG). Das Trio hofft am 17. Januar auf möglichst viele Stimmen der rund 5100 Wahlberechtigten. Wegen des anhaltenden Lockdowns gab es keine der üblichen Wahlversammlungen, Vorstellungsrunden oder Diskussionsveranstaltungen. Die Bewerber hatten nur die Möglichkeit, sich mit Flyern oder einem Plakat vorzustellen.

Der Erfahrene

So außergewöhnlich wie die Umstände der Wahl am Sonntag waren auch die Aufstellungsversammlungen der drei Bewerber. Von der CSU wurde bei einer "Outdoor"-Nominierungsversammlung im Ortsteil Rezelsdorf der 56-jährige Oberlindacher Karl-Heinz Hertlein, Zweiter Bürgermeister, einstimmig nominiert. Er ist ein Kommunalpolitiker mit reichlich Erfahrung. Der selbstständige Land-, Teich- und Forstwirt wurde 1996 in den Gemeinderat und dann 2002 auch in den Kreistag gewählt. Bei der konstituierenden Sitzung nach der Kommunalwahl 2014 wurde ihm das Amt des Zweiten Bürgermeisters übertragen. Hertlein absolvierte ein FH-Studium Landwirtschaft mit Abschluss Dipl.-Ing. (FH).

"Ich konnte in den sechs Jahren als Zweiter Bürgermeister viele Erfahrungen sammeln und vom Wissen des Heinrich Süß profitieren", berichtet Hertlein von seiner Vertretungstätigkeit. "Gerade in den letzten Monaten und Wochen mussten eine Reihe von Entscheidungen getroffen werden, die vom verstorbenen Bürgermeister in die Wege geleitet und geplant wurden", sagt er und meint damit die laufenden Baumaßnahmen in Weisendorf, aber auch weitere Vorhaben wie die Fortschreibung des Flächennutzungsplanes und den Bau eines Seniorenheimes, für das bereits die Gespräche laufen.

Beschlossen sei außerdem bereits der Ausbau der Kinderbetreuung mit einem Anbau an das Kinderhaus St. Josef sowie die Planung eines Waldkindergartens. Intensivieren möchte Hertlein insbesondere die Digitalisierung der Schule, die habe Heinrich Süß bereits angekurbelt, denn die Lockdowns hätten gezeigt, dass die Schulen optimal ausgestattet werden müssen.

Dass das alles auch Geld kostet, ist Hertlein bewusst, aber er ist sich sicher, dass Weisendorf trotz Einbußen durch Corona wieder einen soliden Haushalt aufstellen kann. "Wir werden halt Prioritäten setzen und im Gemeinderat diskutieren, was noch etwas geschoben werden kann", erklärt Hertlein.

Der Nachhaltige

Der 62-jährige verheiratete Ernst Rappold lebt seit 1992 in Weisendorf und wurde im März 2020 in den Gemeinderat gewählt. Als Bürgermeister möchte er insbesondere die Energiewende zügiger voranbringen sowie die Verkehrswende mit dem weiteren Ausbau des ÖPNV konsequent vorantreiben. Auch bei der städtebaulichen Sanierung der Ortsmitte von Weisendorf, die von den Grünen angestoßen worden sei, sieht der Kandidat noch viel Luft nach oben.

Sein großes Ziel: "Eine freie, soziale, gerechte, ökologische, vielfältige und nachhaltige Welt zu hinterlassen, treibt mich politisch an. Ich möchte zukünftig eine zu 100 Prozent nachhaltig aufgestellte Marktgemeinde, in der man Lebensqualität und Ökologie immer im Auge behält." So sei sein Wunsch, dass Weisendorf energieautark wird und die Bürger von einem eigenen Stromnetz mit nachhaltigem Strom versorgt werden.

Er ist der Auffassung, dass Weisendorf in vielem steckengeblieben sei und noch mehr ginge.

Denn ab einem gewissen Punkt gehe es nicht mehr um das "Wollen", sondern um das "Machen". "Wir Gemeinderäte sind gewählt worden, um mit einer demokratischen Mehrheit Weisendorf liebens- und lebenswerter zu machen", erklärt Rappold dazu. Die Menschen wollen schönere Ortszentren, mehr Radwege, eine intakte Natur und einen besseren ÖPNV. "Mein Ziel ist es, der zu sein, der diese Vorhaben auch angeht und umsetzt", sagt der Bürgermeisterkandidat.

Auch bei der Kultur sieht Rappold erheblichen Nachholbedarf. Am Mühlweiher kann sich er sich eine Liegewiese mit Badebucht vorstellen, damit Kinder und Familien den Sommer daheim genießen können. Am frisch sanierten Badweiher sieht der Kandidat zudem ein Café in bester Lage, auch der Marktplatz soll zu einem attraktiven Platz der Begegnung und des Aufenthalts werden. In unmittelbarer Nähe sei ein Knotenpunkt der regionalen Buslinien, und die Fahrgäste würden sich sicher vor der Weiterfahrt einen Kaffee oder ein Getränk gönnen. Weisendorf sei der perfekte Umsteigeknoten und trage viel dazu bei, die tägliche Autolawine zu verringern.

Ernst Rappold kam 1958 in Johannesburg (Südafrika) zu Welt und lebte dort bis zum Alter von neun Jahren und besuchte eine englische Schule. Nach dem Umzug nach Ochsenfurt besuchte er die Hauptschule und Realschule und wählte dann den technischen Zweig der Fachoberschule in Kitzingen. Nach seinem Wehrdienst in Hammelburg studierte Rappold Architektur mit Diplomabschluss 1984 an der Ohm Fachhochschule Nürnberg. Von 1989 bis 1994 war er Teilhaber bei Rudel & Partner, zog 1992 nach Weisendorf, gründete zwei Jahre später ein eigenes Architekturbüro und ist inzwischen freiberuflich tätig als Werbe-, Medien- und Gebäude-Designer.

Der Fortsetzer

Der 56-jährige technische Betriebswirt Franz Dellermann aus dem Ortsteil Buch wurde von der Unabhängigen Wählergruppe Buch-Nankendorf nominiert, ihr gehörte auch der verstorbene Bürgermeister Heinrich Süß an. "Wir wollen den Weg weitergehen", sagt Dellermann und meint damit eine Fortsetzung die Vorhaben und Planungen des verstorbenen Bürgermeisters.

Probleme könnten nur gemeinsam mit den Menschen aus der Gemeinde gelöst werden, "Weisendorf soll weiterhin gestaltet statt verwaltet werden", sagt der Kandidat und will an den verstorbenen Rathauschef anknüpfen, der stets geradlinig und ehrlich gewesen sei und den seine Menschlichkeit ausgezeichnet habe.

Dellermann hat zwar noch keine kommunalpolitische Erfahrung, aber durch seine vielen Gespräche mit Heinrich Süß habe er viel über die Gemeinde erfahren. Auch hatte die UWG bereits mit Heinrich Süß die Arbeitsschwerpunkte zur Kommunalwahl 2020 festgelegt, und daran werde er weiterarbeiten. Dazu gehören Kinderbetreuung, Schule und Digitalisierung und die Infrastruktur mit Radwegen, Straßensanierungen und der Umgestaltung des Marktplatzes ebenso wie die städtebauliche Ortskernsanierung insgesamt.

Durch seine Teilnahme an den Sitzungen des Marktgemeinderates und durch Gespräche kenne er auch die Planungen einer Seniorenresidenz und für die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum. Ein Augenmerk gelte auch der Energiewende, und bei allen Maßnahmen und Zukunftsplanungen dürften keinesfalls Umwelt und Klimaschutz sowie Artenvielfalt aus den Augen verloren werden.

Wegen der Pandemie geht Dellermann in den nächsten Jahren von einer etwas angespannteren Haushaltslage aus, trotzdem sollen die laufenden Vorhaben beendet werden. Für die nächsten Jahre schließt Dellermann aber Kreditaufnahmen nicht aus, um weiterhin gute Rahmenbedingungen für Bürger sowie Unternehmen zu haben und attraktiv zu bleiben. "Wir müssen dennoch weiter in die Zukunft schauen, denn es gibt noch Jahre nach der Pandemie."