Es sind schon allein die nüchternen Zahlen, die einen zusammenzucken lassen. 200 von 400 Häusern müssen abgerissen werden. Selbst die Häuser, bei denen die Besitzer schon bis zu 100 000 Euro hineingesteckt haben, werden dem Abrissbagger zum Opfer fallen. Es sind die Nachwirkungen einer Katastrophe, die die Fischerdorfer im Mai regelrecht überrollte. Mit den Worten "Wir können Fischerdorf nicht halten", gab man das Dorf den Wasserfluten der über die Ufer steigenden Donau preis.
Siegfried Pfeffer steht vor dem Gerätehaus der ortsansässigen Freiwilligen Feuerwehr. "Wir hatten damals vier Stunden Zeit, um unser Dorf zu verlassen", erklärt er den Gästen aus Dechsendorf. Mit einer kleinen Delegation waren die Beteiligten eines Benefizkonzertes zu Gunsten der Hochwassergeschädigten nach Fischerdorf gefahren, um einen Scheck zu überreichen.
Aber auch, um sich einen Eindruck zu verschaffen, was dort passiert ist.
"Es sieht aus wie in einem Kriegsgebiet", ist einer der ersten Eindrücke von Christoph Benecke, der das Konzert als Mitglied der Band "First-Step-to-Grove(T)" mitinitiiert hat. Häuser, die bis auf eine Höhe von zwei Metern vom Putz befreit sind, Sandsäcke, die in den Gärten gestapelt sind, eine unglaubliche Anzahl von Häusern, die abgerissen werden oder der Schutt anzeigt, dass dies bereits geschehen ist.
"Gott, da sind die 2300 Euro, die wir hierher bringen, nicht einmal ein Tropfen auf den heißen Stein", sagt der Musiker. Die Feuerwehrleute aus Fischerdorf sehen das allerdings anders. Viele kleine Beträge werden irgendwann auch einmal ein großer Betrag - und "wir brauchen jeden Cent", erzählen die Vorstandsmitglieder beim Treffen mit den mittelfränkischen Schecküberbringern.
Pfeffer erzählt: "Wir haben eine aktive Mannschaft von 50 Leuten, 48 davon sind vom Helfer zum Opfer geworden." Man habe nie gedacht, dass "so etwas passieren könnte". Denn "Wir liegen hier eingebettet zwischen dem Donaudamm und der Autobahn", erzählt Pfeffer. "Doch dann hatten wir vier Stunden Zeit, wie jeder andere Bürger Fischerdorfs auch, das Dorf zu verlassen." Das Schwierige war, dass das benachbarte Deggendorf auch schon vom Hochwasser betroffen war. Es herrschte Chaos auf den Straßen, in den Orten.
Was danach kam, war dann aber etwas, das Mut gemacht habe. "Zeitweise waren bis zu 3000 Helfer hier vor Ort. Das war und ist sensationell", sagt zweiter Vorstand Stefan Berger. Durch das Unglück sei man aber auch in Fischerdorf enger zusammengerückt. "Das funktioniert wohl manchmal nur in der Not", erkennen die Besucher. Auf der anderen Seite wissen sie, dass die Dechsendorfer kräftig gespendet haben - an Menschen, die sie nicht kennen.

Gemeinsam stark

Was die Fischerdorfer gemein haben, ist der Blick nach vorne. "Die wenigsten klagen, sie packen an", berichtet Pfeffer. Die erste Zeit sei schwierig gewesen, auch emotional, weil der Hausrat einfach kaputt war, weil Erinnerungen wie Fotoalben in den Fluten verschwunden sind. Die Feuerwehrmänner berichten von Kindern, die ihre Kaninchen verloren haben, mitgerissen von den Wassermassen. Sie berichten von dem Öl, dass sich in die Materialien gesetzt habe. "Das geht nicht raus", sagt die Frau des Ehrenkommandanten. "Ich habe ein Nachthemd schon fünf Mal gewaschen, ich habe es jetzt nach einer Stunde wieder ausgezogen, weil es doch noch nach Öl riecht." Es ist ein Geruch, der vermutlich nie wieder weggehe, meint einer der ehrenamtlichen Retter, "selbst, wenn es eigentlich nicht mehr riecht".
Es ist eine schwierige Zeit. Die Fischerdorfer schauen skeptisch auf Bauspekulanten, die nun tätig werden. Denn es gibt auch die Familien, vor allem Ältere, die nicht nach Fischerdorf zurückkehren wollen. Eine kleine Wohnung in der Stadt, aber nicht mehr dort investieren, wo alles kaputt gegangen ist. Die leeren Bauflächen könnten irgendwann interessant werden, wenn Gras über die "Wasserwunden" gewachsen ist.
Manche wollen auch den Ärger mit den Versicherungen oder den Behörden vermeiden. "Unsere Gemeinde hilft uns toll", erzählt Pfeffer. "Die stehen nicht in der Kritik." Skurriler sei es mit den Versicherungen. "So mancher der keine Versicherung hatte, der hat's jetzt einfacher", heißt es nicht nur unter der Hand. Denn die Soforthilfen gab es schnell, unkompliziert. Bei den Versicherungen komme allerdings ein Gutachter nach dem Anderen. Da wird Schritt für Schritt, von Besuch zu Besuch, erklärt, warum irgendetwas doch nicht erstattet werden kann. Das mache den Aufbau nicht einfacher.

HIlfe verschlafen

Ob nun beim Hochwasserschutz etwas passiere? Hoffen tun es viele, aber das Leben habe gezeigt, dass man das Problem auch aussitzen könne - bis zur nächsten Katastrophe. Denn 1988 gab es schon mal ein Hochwasser - nicht so schlimm wie heuer. Aber bereits seit dieser Zeit wurde über den Schutz diskutiert. "Dann gab es neue Entscheidungen zum Donauausbau, passiert ist nichts", werfen die Fischerdorfer den damaligen Entscheidungsträgern vor.
Angst haben die Fischerdorfer vor dem kommenden Winter. "Im Natterndorf ist bereits jetzt wahrscheinlich ein Kind vom Öl krank geworden - es hustet dauernd", erzählt Berger. Dabei konnten die Bewohner im Sommer die Fenster und Türen aufmachen. Das wird im Winter nicht mehr gehen. Abgesehen davon, dass bei vielen Häusern die Heizungen noch nicht gehen. Transportable Baustellenklos stehen vor vielen Häusern, die Kanalisation ist noch nicht gesäubert.
Ein weiteres Problem seien so manche Handwerker, die das "große Geschäft" wittern, erzählt der zweite Vorstand. "Wir wissen von Preisspannen zwischen 18 000 und 35 000 Euro für ein und dasselbe Gewerk", beklagt er. Es sei eine unglückliche Situation. Denn die Handwerker sind auf den einen Auftrag nicht angewiesen. "Jeder möchte möglichst schnell fertig werden, da drehen die sich einfach weg und lassen Dich stehen." Es sind so viele Folgen, die in dem zweistündigen Besuch aufgezählt werden. "Wir haben Schwierigkeiten unsere Mannschaft zusammen zu bekommen, wenn es einen Einsatz gibt - ein Teil wohnt außerhalb Fischerdorfs und kommt daher nicht.
Die Dechsendorfer waren beeindruckt. Wer bei der Tour dabei war, weiß, dass dieses Benefizkonzert noch nicht alles war. Stellvertretend für die Gruppe schrieb Benecke nochmals an die Feuerwehr Fischerdorf: "Es war sehr beeindruckend wie Ihr zusammen steht und wie viel Ihr aushalten müsst. Eure Leistung und Ausdauer bei der Bewältigung dieser für Euch Alle sehr schweren Zeit nötigt einem einen riesen Respekt ab.
Ja wir waren sehr betroffen, wenn man den Zustand der Häuser sieht und ich persönlich kann mir gar nicht vorstellen, dass bei Euch einfach 200 Häuser abgerissen werden. Wir werden uns auch weiterhin Gedanken machen, wie wir Euch helfen können. Vor allen Dingen, haben wir nun nochmal einen näheren Bezug und sind aber richtig froh das Geld bei Euch platziert zu haben."

Konto ist eingerichtet

Wer helfen möchte, kann dies natürlich auch direkt tun. Zum einen gibt es die Internetseite der Feuerwehr Fischerdorf auf www.feuerwehr-fischerdorf.de ; zum anderen gibt es ein spezielles Spendenkonto für die ehrenamtlichen Helfer. Es ist das Sonderkonto mit dem Namen "Fluthilfe MGL FFW FI". Die Kontonummer ist die 100 300 209 bei der Raiffeisenbank Deggendorf (BLZ 741 600 25).