Marco Maiwald ist in Höchstadt der Herr der verlassenen Fahrräder. Woche für Woche bringt er sie über die Stiege in einen dunklen Gewölbekeller unter dem Rathaus. Einsam schlummern sie dann dort und warten darauf, endlich wieder von ihrem Eigentümer ans Tageslicht gebracht zu werden, und fröhlich klingelnd über die Radwege rollen zu dürfen.
Die früheren Besitzer haben sie einst irgendwo abgestellt und sind von dannen gezogen. Unabgesperrt links liegen gelassen, in ein Gebüsch geworfen, in einer durchzechten Nacht am Wegesrand vergessen oder gar in der Aisch versenkt. Ob von böswilligen Dieben oder vom rechtmäßigen Besitzer einfach nicht mehr gebraucht: Meistens sind es dann die Männer vom Bauhof, die die Fundräder an ihren neuen Bestimmungsort bringen. Sie landen dann bei Marco Maiwald, im Höchstadter Fundbüro.
"Vor allem nach Großveranstaltungen wie der Kerwa oder dem Altstadtfest haben wir hier Hochbetrieb. Momentan sind es gar nicht mal so viele", sagt er, während er durch die Reihen der Räder läuft. In dieser Radler-Saison seien 50 Fundräder abgegeben worden. In den letzten Jahren wären es aber auch schon bis zu 200 Exemplare gewesen. Der kleine Keller platze dann aus allen Nähten.
Maiwald bleibt vor einem Mountainbike stehen. Es ist ein richtiges Off-Road-Rad mit Stoßdämpfern und einer guten Schaltung. "Das ist definitiv geklaut worden. Gefunden wurde es am Parkplatz vom Freibad", sagt er. Viele Fahrraddiebe hätten es gar nicht wegen des Werts auf das Rad abgesehen. Oft seien es Betrunkene, die sich für ihren Heimweg irgendwo ein Fahrrad "ausleihen" und es dann irgendwo einfach wieder abstellen. Oder eben gleich in die Aisch rollen lassen.

Sechs Monate Aufbewahrung


"Manchmal haben wir auch richtig wertvolle Rennräder. Je teurer sie sind, desto schneller kommen natürlich auch die Eigentümer und fragen nach, ob bei uns etwas abgegeben wurde." Die meisten der Räder im Lagerraum haben aber den Höhepunkt ihrer Karriere sichtlich überschritten. Ein angerostetes Straßenrad aus den 80er Jahren oder ein altes Mountainbike ohne Sattel. Bei solchen Exemplaren kann man sich vorstellen, dass sie keiner mehr wirklich vermisst.
Der Leiter des Fundbüros kennt auch noch einen anderen Grund, warum viele Räder nicht abgeholt werden: "Oft sind Veranstaltungen im Umland von Höchstadt. Wenn ein Rad zum Beispiel auf einem Dorffest geklaut wird und der Dieb anschließend nach Höchstadt fährt, kommt natürlich keiner von außerhalb auf die Idee bei uns hier nachzufragen." So komme es, dass viele Räder lange Zeit im Keller stehen, ohne dass sich jemand meldet. Mindestens bleiben sie dort aber sechs Monate, denn genau so lange ist die gesetzliche Frist zum Aufbewahren von Fundsachen. Danach gehen die Räder in den Verkauf. Ein Herkules Rad für 15 Euro, ein Kettler Kinderrad mit Alu-Rahmen für 10 Euro oder ein silbernes Winora-Trekkingrad für 25 Euro: Jeder kann dann im Rathaus versuchen, unter den alten Drahteseln ein Schnäppchen zu ergattern.

4000 Euro in einem Umschlag


Aber nicht nur Fahrräder landen bei Maiwald im Büro. "Es wird eigentlich alles abgegeben, was man verlieren kann. Die Klassiker sind natürlich Handys, Geldbeutel und Schlüssel. Im Winter kommen häufig Mützen und Schals." In sein Fundbuch trägt er dann alles akribisch ein. Im Jahr 2011 fanden sich darin insgesamt 160 Einträge.
Oft frage er sich, wie der Verlust eigentlich zu Stande kommt. So etwa bei den vielen Gehstöcken, die die Finder zu ihm bringen. Er überlege dann immer, wie derjenige denn überhaupt von dem Ort weggekommen ist, ohne zu bemerken, dass er keinen Stock mehr zum Gehen braucht. Einmal sei ein Gehstock auf dem Friedhof gefunden worden. Im Fundbüro habe man damals nur gehofft, dass der Besitzer nicht gleich ganz dort geblieben ist.
Auch hohe Geldsummen kämen ab und an vor, erzählt Maiwald, der gelernt hat, sich in seinem Job über so gut wie nichts mehr zu wundern. "Einmal wurde ein Umschlag mit 4000 Euro gefunden. Da es in der Nähe eines Autohauses war, konnten wir schnell feststellen, dass ein Mann, der sich dort ein Auto kaufen wollte, das Geld verloren hat."

Kurioser Fund am Wegrand


In seiner Tätigkeit im Fundbüro bekommt Maiwald auch viel Kurioses auf den Schreibtisch. Vor ein paar Jahren sei eine Frau gekommen, die am Straßenrand eine Plastiktüte gefunden hat. Der Inhalt hat die Routine im Fundbüro dann doch für einen Moment unterbrochen: Im Beutel befand sich ein Brautkleid. "Wir haben natürlich schon spekuliert, wie es dazu gekommen ist", mein Maiwald schmunzelnd. Ist die Hochzeit geplatzt und die Braut hat ihr Kleid wutentbrannt in den Straßengraben geschleudert? Oder hatte es das glückliche Paar so eilig in die Flitterwochen zu kommen, dass die Hochzeitsnacht schon im Cabrio begonnen hat? Der Fall wurde nie aufgeklärt. Vermisst hat das Brautkleid anscheinend niemand, denn nach einem halben Jahr im Schrank im Fundbüro wurde es an die Finderin übergeben. Was diese dann anschließend mit dem Kleid gemacht hat, ist auch unbekannt geblieben.