Kaum auf der Welt, nahm sich ein Oberarzt der Kinderherzchirurgischen Abteilung (Leiter: Oliver Dewald) Felix’ Bluterguss im Herzen an, beseitigte Gerinnsel und zähflüssiges Blut und nahm so den Druck vom Herzen des Säuglings. Mit nur 1410 Gramm Körpergewicht und einer Größe von 36 Zentimetern wurde Felix auf die Intensivstation gebracht, künstlich beatmet und an Drainageschläuche angeschlossen, die weiterhin die Flüssigkeit aus seinem Körper schleusten.
"Wollten der Familie nie irgendetwas versprechen"
"Ich habe ihn nach der Entbindung kurz gestreichelt und ihn dann im Inkubator liegen sehen. Herausnehmen durfte ich ihn erst drei Wochen später", erinnert sich Nadine Steinlein. Erst dann konnte sie endlich mit Felix "känguruhen": ihn sich zum Kuscheln auf ihren Oberkörper legen, Herz an Herz. "Es war ergreifend und voller Liebe, machte mir aber auch Angst", gesteht die 36-Jährige. "Angst, die Verbindung, die wir schon hatten, zu stärken, und dabei zu wissen, dass alles auch nicht gut ausgehen könnte."
Dass Felix so massiv Wasser und Lymphflüssigkeit einlagerte, hängt aus Sicht der Mediziner wohl auch mit seiner Chromosomenstörung zusammen: Der Junge hat Trisomie 21, das Downsyndrom. Nach seinem verfrühten Start ins Leben bekam er wenige Wochen später auch noch eine schwere Infektion. Außerdem konnte - wegen einer Fehlbildung des Enddarms - der Nahrungsbrei seinen Verdauungstrakt nicht normal passieren, und dem Säugling musste in der Kinderchirurgischen Abteilung (kommissarischer Leiter: Robert Grützmann) ein künstlicher Darmausgang gelegt werden.
"Als es ihm dann noch einmal dramatisch schlechter ging, habe ich den Eltern zu einer Nottaufe in der Klinik geraten", rekapituliert Neonatologe Reutter. "Wir wollten der Familie nie irgendetwas versprechen, was wir nicht garantieren konnten. Aber wir haben Felix nie aufgegeben", versichert der Frühgeborenenmediziner, der selbst vier Kinder hat.
Das Kind wird als Ganzes betrachtet
Felix ist Nadine und Daniel Steinleins drittes Kind. Fünf Monate nach seiner turbulenten Geburt durften sie ihren Sohn endlich nach Hause zu seinen beiden älteren Geschwistern holen. Kinderärztinnen, -ärzte und Pflegekräfte erklärten den Eltern vor der Entlassung, worauf sie zu Hause achten müssen:
Welche Medikamente Felix bekommt, wie er schrittweise von der Sauerstoffunterstützung entwöhnt wird, wie es mit der Physiotherapie weitergeht, wie die Nachsorge im Sozialpädiatrischen Zentrum des Uniklinikums Erlangen abläuft und welche Nummer sie wählen sollen, wenn ihr Sohn apathisch wird oder nicht mehr trinkt.
"Felix ist ein Kind, das die geballte Expertise unseres Level-1-Perinatalzentrums in Anspruch nehmen musste - aber zum Glück auch konnte, weil wir hier alles vereinen", erklärt Reutter. Beteiligte sind etwa: Frauenklinik samt Pränataldiagnostik und spezieller Geburtshilfe, Kinder- und Jugendklinik mit Neonatologie, Kindergastroenterologie und Kindernephrologie, Kinderherzchirurgische, Kinderkardiologische und Kinderchirurgische Abteilung sowie das Humangenetische Institut. "Das Gute ist, dass hier alle auf das ganze Kind schauen und nicht nur auf ein einzelnes Organsystem", betont Heiko Reutter.
"Eine Handbewegung kann über Leben und Tod entscheiden"
Besonders die Rolle der Pflegekräfte ist aus Sicht des Neonatologen hervorzuheben: "Ihre Arbeit erfordert extrem viel Erfahrung, Wissen und Empathie; sie ist anspruchsvoll und nah am ärztlichen Handeln. Eine Handbewegung kann bei fragilen Frühchen über Leben und Tod entscheiden, weil zum Beispiel die Sauerstoffsättigung schnell nach unten geht, wenn die Kleinen im Bettchen umgelagert werden."
Pflegekräfte in der Neonatologie überwachen Blutdruck, Herzfrequenz und Sauerstoffzufuhr der Frühgeborenen, kontrollieren Magensonden, geben Infusionen, wechseln Verbände und leiten die Eltern im Umgang mit ihrem Kind an. Katrin Klein, stellvertretende Stationsleiterin der neonatologischen Intensivstation, die auch Felix begleitete, übt ihren Beruf seit fast 30 Jahren aus. Sie sagt: "Es ist immer wieder schön zu sehen, wie die Eltern gemeinsam mit ihren Kindern wachsen. Felix war anfangs in einem sehr schlechten Allgemeinzustand. Wenn er jetzt lächelt, geht mir das Herz auf."
Nach Monaten der täglichen Betreuung bedankte sich Nadine Steinlein zum Abschied beim gesamten Team: "Sie haben mehr gemacht als nur Ihre Arbeit. Sie waren alle toll." Die Arme auf Felix’ Gitterbettchen gestützt, blickte Reutter still auf seinen kleinen Patienten hinab. Im Vorgespräch hatte der Neonatologe gesagt: "Familie Steinlein und ich sind sehr verbunden. Aber Abschiede - darin bin ich ganz furchtbar."
Informationen für werdende Eltern: Universitäts-Perinatalzentrum Franken, www.perinatalzentrum.uk-erlangen.de, Telefonnummer: 09131 85-34900