Es ist noch ruhig an diesem Vormittag in der Hauptstraße, verdammt ruhig, aber Ute Schmidhuber kennt das ja schon.

Jeden Morgen sperrt Schmidhuber ihr Zigarrengeschäft um Punkt acht Uhr auf. Sie räumt dann erst einmal die Postkartenständer nach draußen, 2,50 Euro das Stück im Südseemotiv. Sie rückt das Sortiment zurecht, die Zigarren aus Cuba, ohne die sie hier schon lange zusperren müssten. Oder den Whisky aus dem Aischgrund, der nun auch online verfügbar ist. Bis die Hauptstraße an diesem Tag erwacht, wird es dauern. Für manche aber ist selbst das nicht mehr als ein müdes Gähnen.

Schmidhuber blickt die Straße hinunter. Kaum ein Ort in Höchstadt hat sich in den vergangenen Jahren so gewandelt wie die Hauptstraße. Es gab hier mal das Textilhaus Hack und den Gasthof zur Post, die Häuserfassaden erzählen davon. Es gab drei Boutiquen, einen Edeka, zwei Schuhhäuser, ein Spielwarengeschäft und einen Jeansladen. Und damals gab es eben auch noch die Bummler, Laufkundschaft, wie Schmidhuber das nennt. "Es war hier schon mal wesentlich mehr los."

Aber an diesem Morgen ist wenig los. An diesem Morgen steht Ute Schmidhuber, 40, hinterm Tresen, eine zierliche Frau mit wuchtiger Uhr, und erklärt, warum das so ist. Warum sie hier kaum noch hoffen, wenn mal wieder ein neuer Laden eröffnet.

Türkische Spezialitäten

Schmidhuber hat viele Geschäfte in die Hauptstraße kommen sehen, und fast genauso sind auch wieder gegangen. Vor ein paar Jahren, nur zum Beispiel, da sperrte die Metzgerei gegenüber zu. Weil der Sohn den Laden nicht weiterführen wollte, nicht um alles in der Welt. Also pachtete ein türkischer Spezialitätenladen die Fleischerräume. Es dauerte nicht lange, da war auch damit wieder Schluss, genauso wie vor kurzem beim Rollstuhlladen daneben. Schmidhuber bedauert das Ladensterben in der Hauptstraße, noch mehr bedauert sie die Menschen dahinter.

Dabei könnte ihr das alles egal sein. Denn eigentlich läuft es gerade ziemlich gut bei Ute Schmidhuber. Seit 20 Jahren betreibt sie das Zigarrenhaus Riegler, das die Großeltern 1956 eröffnet haben. Schon als Kind stand sie im Laden am Hosenbein des Großvaters. Sie habe damals gesehen, was es heißt, erfolgreich zu sein, sie sah, wie der Großvater renovierte: Automaten raus, hochwertige Ware rein. Ein wenig später ließ Schmidhuber einen Humidor einbauen, einen begehbaren Zigarrenraum und veranstaltete Zigarren-Tastings. Danach kam nur noch der Online-Shop dazu. Die Kunden waren zufrieden, und wenn die Kunden zufrieden sind, dann ist es Ute Schmidhuber auch.

Ein Mann betritt das Geschäft. Er kneift die Augen zusammen, blickt Richtung Tresen und steuert dann auf Schmidhuber zu. "Servus Ute, wie immer, bitte. Geht´s gut?" Sie reicht eine Schachtel Lucky Strike über den Tresen und lächelt. "Freilich." Ohne die Stammkunden wäre das Ganze nicht vorstellbar, sagt sie. Der Mann sagt "Ciao" und tritt auf die Hauptstraße hinaus.

Aber natürlich sind nicht alle immer nur zufrieden. Sonst gäbe es ja das Ladensterben nicht, das die Innenstädte schon lange im Griff hat. Allein in den vergangenen fünf Jahren hat sich die Zahl der Läden im Einzelhandel laut Handelsverband Deutschland um knapp 30 000 verringert. Ist also nicht so, als hätten die Einzelhändler nicht schon genug Probleme. Aber dann kam ja die Pandemie, und weil die Menschen jetzt noch weniger rausgehen als zuvor, hat die Bundesregierung beschlossen, den Einzelhandel durchzudigitalisieren. Damit man mithalten kann. Online. Reicht das?

Wer eine ehrliche Antwort darauf haben will, muss einmal die Hauptstraße hinunter, vorbei an zwei Fußgängern, einem Radler, einer Schülerin und hinein in Helgas Schuhladen, wo Birgit Brückner, 51, auf einem Hocker sitzt und sagt: "Der Online-Handel ist das größte Problem für die Innenstadt."

Brückner verkauft seit 30 Jahren Schuhe im Vollsortiment. Dass manche bei ihr Schuhe anprobieren und später im Internet bestellen, weiß sie. Dass Amazon ein neues Verteilerzentrum in Pommersfelden plant, ebenso. "Dagegen kannste nix machen."

Um wenigstens ein bisschen aufzubegehren, hat sich Brückner vor ein paar Jahren einen Online-Shop einrichten lassen. Lieferung im Umkreis von 15 Kilometern, kann ja nicht schaden, dachte sie. Als ihr Geschäft im Frühjahr wegen der Pandemie vorübergehend schließen musste, war sie froh, so entschieden zu haben, das schon. Aber sonst? Die meisten Kunden, sagt Brückner, kommen zu ihr in den Laden, denn sie wollen ein wenig schauen, was da ist. Und sie wollen plaudern. Was denn auch sonst.

Aber zum Schauen und Plaudern kamen zuletzt eben auch immer weniger, was vor allen Dingen damit zu tun hat, dass der Einzelhandel in den vergangenen Jahren ziemlich viel aushalten musste, gerade in Höchstadt. Da war zunächst die Aischbrücke, die man länger als geplant erneuerte, fast zwei Jahre nämlich. Kurz darauf kam der Marktplatz dran, schön, aber dem Parkplatz trauern manche bis heute hinterher. Und weil man nun auch das Aischpark-Center an den Stadtrand gesetzt hat, gibt es eigentlich überhaupt keinen Grund mehr, um in die Innenstadt zu fahren. Einerseits.

Brückner linst nach rechts. Ihre Maske rutscht unter die Nase, weshalb sie jetzt ein bisschen rumfummeln muss, bis alles wieder da sitzt, wo es sitzen soll. Im Sommer, erzählt Brückner dann, habe sie bei der Stadt einen verkaufsoffenen Sonntag angeleiert, damit sich wieder was tut in der Hauptstraße. Warum der nicht stattgefunden hat, weiß sie nicht, vielleicht, weil die Stadt auf Nummer sicher gehen wollte, ganz sicher sei sie da aber nicht. Überhaupt stelle sie sich nun schon öfter die Frage, ob die Stadt den Einzelhandel hier eigentlich noch will.

Kunden wollen Beratung

Andererseits: wollen Kunden ja immer beraten werden, und weil das Internet das bislang nicht wirklich gut kann, brauche es den Einzelhandel mehr denn je, sagt Michael Kramer. Er betreibt den Laden für orthopädische Schuheinlagen direkt neben Brückner. Die Kunden kommen zu ihm, um später wieder wölkchenleicht durch die Hauptstraße federn zu können. Zumindest theoretisch. Allerdings haben die meisten ein Rezept dabei.

Kramer macht kein Geheimnis daraus, dass auch er manchmal online shoppt. "Ist ja so bequem", sagt er. Aber ganz oft verliere man dort den Überblick zwischen all den Sonderangeboten. Der Einzelhandel dagegen sei klar strukturiert, du kriegst, was du siehst, ein überschaubarer Kosmos, den sich heute doch wieder so viele zurückwünschen. Um die Innenstadt zu beleben, müsse die Stadt mehr tun, findet Kramer. "Eigentlich ist es ganz einfach: mehr Parkplätze und eine Drogerie Müller."

Kramer zeigt nach draußen auf das Gebäude gegenüber. Nicht lange her, da stand dort noch die Familie Rehäußer am Tresen und verkaufte Lederwaren, Schulranzen und Regenschirme. Aber nun hat der Laden zu, und weil das Geschäft nur durch eine offene Treppe von der Wohnung der Rehäußers getrennt ist, werde den Laden wohl kaum jemand weiterführen. Das, sagt Kramer, sei eben auch die Wahrheit: Viele können sich den Leerstand leisten.