Eins vorweg: Auch ein Phantom kann mal einen Fehler machen. Denn fast wäre die geheime Botschaft auch geheim geblieben, wären nicht die Digitalexperten des Fränkischen Tags auf einen kleinen Zahlendreher im Code gestoßen.

Was war passiert? Kürzlich berichtete der Fränkische Tag über rätselhafte Kunstwerke in der Natur bei Mailach. Ein Landwirt findet rätselhafte Grabungen auf seiner Wiese. Es stellt sich heraus, dass es sich um einen QR-Code handelt, den man mit dem Smartphone auslesen kann. Dann: In einer nahe gelegenen, verfallenen Hütte wird ein verborgenes "Atelier" mit kunstvollen Graffiti-Bildern und weiteren Codes entdeckt.

Anonymer Brief - Fehler im Code

Und nun flattert diese Woche ein Brief in die Redaktion des Fränkischen Tags in Höchstadt. Im Umschlag: Ein Zettel, darauf ausgedruckt wieder ein QR-Code. Eine anonyme Meldung des Künstlers - offenbar Fränkischer Tag-Leser oder -Leserin.

Die Redakteure zücken ihre Smartphones. Aber keiner der Scanner spuckt etwas Sinnvolles aus. Angezeigt wird nur eine endlose Zahlenreihe, bis ein gewiefter Fachmann merkt: Moment, statt 2.19 muss es 2.29 heißen. Und siehe da: Der neu generierte QR-Code funktioniert. Und was sich dann zeigt, löst beim Reporter Fingerkribbeln aus. Es handelt sich um Koordinaten. Geodaten, die einen genauen Punkt auf der Landkarte kennzeichnen.

Koordinaten führen in den Wald

Bei Google im Kartensuchdienst eingegeben, dauert es einen Moment. Die Spannung könnte nicht größer sein. Der rote Pfeil erscheint. Die Längen und Breitengrade markieren einen Ort in einem Waldstück zwischen Uehlfeld und Vestenbergsgreuth. Auf geht's dorthin.

Ein Feldweg zweigt zwischen Maisfeldern ab, dann nochmal rechts. Und tatsächlich, im Unterholz, nicht weit vom Waldrand: eine Hütte. Rings um die verlassene, bald verfallene Behausung, die dort wohl schon lange steht, liegen leere Plastikkanister. Auch sie lagern dort offenbar schon lange. Mit dem Kunst-Phantom haben sie wohl nichts zu tun. Aber dann, am Eingang der Hütte, ein blaues Schild: "The blue gallery - The hidden Galleries". Die versteckten Gallerien. Auch ein Datum steht dabei: "08/2019". Und ein Hinweis auf den Social-Media-Bilderdienst Instagram. "Hiddengalleries".

Donald Trump mit Schere

Im Inneren, hinter der spinnwebenverhangenen Tür, zeigt sich erneut ein verborgenes Atelier. Vier Kunstwerke sind an den Holzwänden der Hütte angebracht, alle in Blau. Ein Graffiti, das Donald Trump mit einer Schere in der Hand zeigt. Daneben ein Schild: "Who set the world on fire?" Wer hat die Welt in Brand gesetzt?

Eine Liebesnacht im Atelier?

Gegenüber an der Wand eine Weltkarte aus blauen Wollfäden. Daneben sind drei Mausefallen angebracht, darin jeweils ein Bild eines 100-Euro-Scheins. Titel des Werks "It's a trap" - Es ist eine Falle.

Und im hinteren Eck der Hütte ist das Polsteroberteil einer Liege oder eines Chaiselongues hochkant an der Wand befestigt. Andeutung einer Liebesnacht? Daneben sind die Becher von Teelichtern, eine Zigarettenkippe und eine (leere) Kondompackung ans Holz genagelt. Titel hier: "Sorry, Marc". Heißt er Marc? Oder entschuldigt sich hier jemand bei Marc? Ist das Phantom eine Phantomin?

Rätselhaft, aber fest steht: Auch in dieser Hütte offenbart sich eine politische, kapitalismuskritische Absicht.

Warnung an der morschen Tür

Dankenswert ist es, dass das Phantom offenbar ein Gespür für Gefahren hat. Denn an der Tür der Hütte prangt ein - ebenfalls blaues - Schild: "Tür unbenutzbar", auf Deutsch, Englisch, Französisch und Italienisch. Gut gewesen wäre auch "Floor not useable", denn der morsche Holzboden der Gallerie-Hütte erschien hier und da nicht besonders vertrauenserweckend.

Was also lässt sich nun Weiteres sagen über das Phantom? Unterschrieben war die anonyme Botschaft mit "Ra.g.e." - Wut. Auf Instagram findet man unter "hiddengalleries" zahlreiche Bilder von Graffitis und anderer Kunst an verborgenen Orten. Die kunstbeflissene Heimlichtuerei ist offenbar ein Hobby vieler weltweit.

Der "Banksy vom Aischgrund"

Unser Phantom hat nicht nur einen Hang zum Digitalcode, zum Politischen und zum Anglizismus, sondern hatte eine "blaue Phase" - vielleicht nicht nur im optischen Sinne - vermutlich im August 2019. Die Herkunft dürfte im Aischgrund im Gebiet Uehlfeld-Mailach-Vestenbergsgreuth liegen. Vielleicht ist es eine Künstlerin. Oder ein Kollektiv? Einiges erinnert an den berühmten Londoner Street Art-Künstler Banksy - ebenfalls ein Phantom.

Sollte sich der mysteriöse Rätselmaler noch einmal melden: Im nächsten Wald-Atelier wäre gegen ein im Eck bereitgestelltes, kühles Seidla Bier nichts einzuwenden, findet der Reporter. Dann kann er sich besser von den spannenden Strapazen erholen. Was wäre eine echte Gallerie ohne ein kleines Schlückchen zwischendurch, oder?