Eine gemütliche Bank im Garten. Im Schatten der alten Linde, die im Frühjahr immer so viele Blüten getragen hat. Der Teich mit den kleinen Goldfischen im direkten Blickfeld. Hier hat der Verstorbene zu Lebzeiten immer am liebsten gesessen. Und hier könnte nun seine Asche verstreut werden. Klingt absurd?

Nicht in Bremen. Dort hat die Bürgerschaft im Rathaus mit der rot-grünen Regierungsmehrheit den geltenden Friedhofszwang (siehe Infokasten) zum Jahresbeginn gelockert. Angehörigen ist es nun erlaubt, die Überreste eines Verwandten auf dem eigenen Grundstück zu beerdigen.

Veränderte Bestattungskultur

"Aus emotionalen Gründen verstehe ich das sicherlich, aber ich halte nichts davon", betont der katholische Dekan Kilian Kemmer. Schon jetzt gebe es viele Leerstellen und aufgelassene Gräber auf den Friedhöfen.
Viele wollen sich nach ihrem Tod verbrennen lassen oder auf einem Friedwald ihre letzte Ruhe finden. "Weil sie befürchten, dass keiner da ist, der ihr Grab pflegen könnte." Auch Abschiedsrituale wie den Trauergottesdienst wünschen viele Angehörige nicht mehr.

Die Asche dann sogar auf dem eigenen Grundstück verstreuen zu dürfen, empfindet Kemmer als die "Fortschreitung des puren Egoismus". Denn eine private Beerdigung klinge für die Angehörigen zwar zunächst bequem, die Konsequenzen seien allerdings alles andere als zu unterschätzen: "Was passiert mit dieser letzten Ruhestätte, wenn ich wegziehe, das Haus verkaufe oder selbst gestorben bin?" Der Friedhof sei ein Ort der Erinnerung, hier komme man zur Ruhe, wird friedlich. "Der Tod hat Würde verdient, eingebettet zu sein in ein größeres Ganzes", findet Kemmer, der im vergangenen Jahr 64 Beerdigungen in Höchstadt hielt.

Auch Gottfried Schlee, evangelischer Pfarrer in Höchstadt, sieht den "Trend zur Individualisierung". Dass Angehörige zunächst die Vorzüge einer Bestattung im eigenen Garten sehen, könne er zwar verstehen, sie sollten sich aber darüber bewusst werden, dass ein Grab für alle zugänglich sein sollte, auch entferntere Bekannte. "Ein Grab sollte ein öffentlicher Ort sein, wo jeder hingehen kann", sagt er.

Auch Bestatter Johannes Riegler aus Höchstadt hält persönlich nichts von der Beisetzung im Garten - obwohl sich für sein Bestattungsinstitut dabei nichts ändern würde. Ein Garten sei nun mal nicht dasselbe wie ein Friedhof: "Die Pietät ist nicht gegeben." Ein Rasenmäher könnte über die Asche des Verstorbenen fahren, ein Hund könnte seinen Unrat verlieren - all das könne Riegler nicht befürworten. Auch der bayerische Bestattungsverband sei extrem dagegen. "Was anderes wäre es, wenn man direkt über die Asche einen Baum pflanzt und sie somit geschützt ist. Das würde ich bejahen."

Die Bestattungskultur habe sich verändert. Das stellt auch Riegler immer wieder bei seiner Arbeit fest: "Letztes Jahr hatte ich bestimmt 30 Luft- oder Bergbachbestattungen in der Schweiz", erzählt er. Jetzt erst hatte er die Bestellung, die Asche eines Verstorbenen in einen Diamanten zu verewigen, das ist in Belgien möglich.

Sich als Franke in Bremen einäschern zu lassen, das funktioniert nicht: Um einen "Aschetourismus" aus Bundesländern mit strenger Reglementierung zu verhindern, hat der Stadtstaat den Riegel vorgeschoben - die Lockerung gilt nur für Menschen, die ihren letzten Hauptwohnsitz in Bremen hatten.

Friedhofszwang In Deutschland regeln die Bestattungs gesetze der Bundesländer, was mit Verstorbenen passiert. Zentraler Bestandteil ist dabei der Friedhofszwang: Dieser wurde einst aus Gründen der Hygiene in Preußen verordnet und verbietet eine Beerdigung außerhalb eines Friedhofs. Friedhofszwang besteht in Deutschland für die Erdbestattung und seit 1934 zwingend für die Asche von Toten. Ausnahmen bilden die Seebestattung sowie die letzte Ruhestätte in einem gewidmeten "Friedwald".

Vorschrift Den Angehörigen von Verstorbenen ist es nach geltendem Recht bislang nicht möglich, selbst zu bestimmen, wo die sterblichen Überreste verbleiben sollen. Daran ändert auch ein zu Lebzeiten geäußerter Wunsch des Toten nichts. Die rot-grüne Landesregierung in Bremen ist die erste, die diese strenge Vorgabe lockert. In Nordrhein-Westfalen sollen Bürger bald die Asche auf entsprechend freigegebenen Flächen verstreuen dürfen.

Ausland In vielen europäischen Staaten, so in den Niederlanden, der Schweiz und Tschechien, ist der Friedhofszwang regional oder landesweit zumindest für die Asche nach einer Feuerbestattung aufgehoben. Stattdessen gilt der Grundsatz der "Asche zur freien Verfügung". So kann nach der Feuerbestattung die Asche zu Hause aufbewahrt oder beliebig beigesetzt oder verstreut werden.

Kurioses US-Bürger können seit einigen Jahren verfügen, dass ihre Asche an Bord einer Rakete ins Weltall geschossen wird. Dabei wird ein Gramm in einer kleinen Metallkapsel deponiert. Australien erlaubt eine besondere Seebestattung, und zwar im "Memorial Reef": Im Begräbnis-Riff ruht inzwischen die Asche von rund 125 000 Menschen.