In Bachs Johannespassion spricht der Evangelist in der Kreuzigungsszene auch vom "Rüsttag" Beim Hören stolpert man über das Wort "Rüsttag". Rüsten? Bevor man in militärische Assoziationen abschweift, rüsten heißt heute "vorbereiten". Die Kreuzigung fand also am Vorbereitungstag statt. Vorbereitung für Pessach.

Noch heute feiern Juden in aller Welt am ersten Frühlingsvollmond das Pessachfest zur Erinnerung an den Auszug aus Ägypten. Das achttägige Fest beginnt mit dem Sederabend, an dem in der Familie die biblische Überlieferung als rituelles Festmahl wiederholt wird.

Die Zeit vor Pessach bringt viel Arbeit für die Hausfrauen mit. So dankte auch der Erlanger Rabbiner Dani Danielli den Frauen der Kultusgemeinde für ihre Mühen. Die wichtigste Pflicht, so erklärt auch Sophia Fischmann, ist die Reinigung des Haushalts.
Schränke, Möbel und Winkel werden nach Spuren von "Gesäuertem", also allen Lebensmitteln, die mit Sauerteig verbunden sein können, gereinigt. Sicher ist das ein Stück Frühjahrsputz. Es hat aber einen religiösen Hintergrund, denn im Pentateuch heißt es bei der Beschreibung, wie das Volk Israel unter Moses Führung dem ägyptischen Pharao entfloh: Der Herr befahl ihnen, ungesäuerte Brote zuzubereiten. Also keinen Sauerteig mit auf den Zug durch die Wüste Sinai mitzunehmen.

Daraus entwickelte sich über die Jahrtausende das Ritual, das Haus zu durchstöbern und auch das Geschirr für alle Tage wegzuräumen. In der Küche der Kultusgemeinde kleben deshalb an allen Schränken große Schilder "Finger weg", damit jeder merkt, da drin ist nicht koscheres, also nicht rituell reines Geschirr. Fein säuberlich sind die Türen verklebt, damit ja niemand sich irren kann.

Salzwasser für die Tränen

Das spezielle Pessachgeschirr steht schon auf den Tischen, vor jedem Gast steht ein Teller mit Kräutern, meist Petersilie und ein Radieschen, Meerrettich oder anderes scharfes Gewürz als Erinnerung an die Bitterkeit in der ägyptischen Sklaverei, ein Schälchen Salzwasser für die Tränen, ein Ei, ein Knochen mit etwas angebratenem Fleisch daran als Erinnerung an den übereilten Aufbruch und ein bräunliches Gemisch, das wirklich an Lehm erinnert. Es ist ein Mus aus Äpfeln, Nüssen und Zimt und soll tatsächlich an die Arbeit als Ziegelbrenner erinnern.
Mit einem Tuch bedeckt Natalia Schitinski die Mazzen (Mazzot), das speziell für Pessach gebackene Brot ohne Sauerteig. Fanja Schitermann stellt Weinflaschen daneben.

"Pessach ist ein Freudenfest. Wir erinnern uns an den Auszug aus Ägypten", erklärt Avram Rosenthal, der Erlanger Kantor. Vier Becher wird jeder leeren. Auf jeder Weinflasche ist zu lesen "kascher schel pessach". Sozusagen die Garantie, dass das alkoholische Getränk nicht mit Sauerteig in Berührung gekommen ist.

Vor dem gemeinsamen Mahl mit den Bibellesungen findet das abendliche Gebet in der Synagoge statt. In festlicher Kleidung nehmen die Gläubigen Platz, Männer und Frauen getrennt. Der Raum wirkt heller und festlicher als sonst. Das liegt daran, dass der Vorhang vor dem Aron Hakodesch, dem Schrank, in dem die Thorarollen verwahrt werden, aus weißem Brokat mit heller Stickerei hergestellt ist. Außerhalb der Festzeit ist der Vorhang aus dunkelblauem Material.

Religiöse Gebote

Das Abendgebet läuft in weiten Teilen ab wie das, das am Abend des Schabat gesprochen wird. Dank und die religiösen Gebote stehen im Mittelpunkt, ein Gebet für die Toten und eine Reihe von Psalmtexten. Danielli erinnert nach dem Gebet die Gemeinde an die Bedeutung von Ritualen als Lebensordnungssystem. Ein ganz zeitgemäßer Gedanke, auch losgelöst vom kultischen Kontext.

Danach gehen die Gemeindemitglieder in den Speisesaal des Gemeindehauses und nehmen Platz. Der erste Becher Wein wird eingeschenkt und gesegnet. Der rituelle Nachvollzug beginnt.