Ob der Ärztekittel ein Gesundheitsrisiko für die Patienten darstellt, wird intensiv diskutiert. Wir haben einen Mikrobiologen der Uni Erlangen gefragt.
Ein guter Coup mit großem Medienecho, aber ohne wissenschaftlich fundiert zu sein. Prof. Dr. med. Christian Bogdan, Direktor des Instituts für Klinische Mikrobiologie, Immunologie und Hygiene des Universitätsklinikums
Erlangen, sieht die Verbannung des traditionellen Ärztekittels vom Patientenbett in allen Häusern des Klinikbetreibers Asklepios mit dem nüchternen Blick des Wissenschaftlers.
Zum Monatsbeginn hatte der Betreiber von bundesweit rund 100 medizinischen Einrichtungen verlautbart, für Ärzte den Kasack mit kurzen Armen anstelle der Kittel mit langen Ärmeln als Berufskleidung verbindlich einzuführen, und dabei großen Widerhall gefunden. Damit folge man Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation und von Experten des Robert-Koch-Instituts zur Verbesserung der Patientensicherheit.
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Das regelmäßige Wechseln der Berufsbekleidung ist wichtig
"Es gibt keine Krinko-Empfehlung zum generellen Tragen von kurzärmeliger Berufsbekleidung", stellt der Erlanger Professor für klinische Mikrobiologie, Immunologie und Hygiene fest. "Wichtig ist in jedem Fall das regelmäßige Wechseln der Berufsbekleidung", sagt Bogdan. "Krinko" steht für "Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention" beim Robert-Koch-Institut.
In den amtlichen Mitteilungen dieses Kompetenzzentrums zur Infektionsvorbeugung ist nachzulesen, dass es zwischen langen und kurzen Ärmeln und der Qualität der Händedesinfektion keinen Zusammenhang gibt. "Beschäftigte, die eng am Patienten arbeiten, sollten ihre Arbeits-/Bereichskleidung täglich wechseln" und je nach Situation zusätzliche Schutzkleidung tragen.
Zwar könnten Ärmel und Bündchen mit Keimen kontaminiert werden, aber die vorliegenden Daten seien für eine entsprechende Empfehlung nicht ausreichend. Hingegen empfiehlt das britische Gesundheitsinstitut medizinischem Personal das Tragen von kurzärmeliger Kleidung.
Ärmel keine Keimschleudern
Die langen Ärmel von Arztkitteln generell als Keimschleudern zu bezeichnen, das ist nach Einschätzung des Erlanger Institutsdirektors ziemlich übertrieben. "Bakterielle Kontamination von Berufsbekleidung im ärztlichen und pflegerischen Bereich tritt am häufigsten im Bereich der Taschen auf (17 Prozent), gefolgt von Ärmeln (zehn Prozent) und den Frontbereichen der Bekleidung (acht Prozent)", zitiert Bogdan eine Studie.
"Kasacks sind wie Arztkittel mit Taschen ausgestattet und können dort wie auch im Frontbereich genauso kontaminiert werden wie ein Arztkittel."
Am Klinikum Bamberg "können Ärzte wählen zwischen Kitteln und kurzärmeligen Kasacks", so Pressesprecherin Brigitte Dippold. Bei der Arbeit am Patienten (z. B. Verbandswechsel) müssten die langärmeligen Kittel ausgezogen werden, zumal laut Hygienevorschriften bei der Händedesinfektion auch die Unterarme mit zu desinfizieren sein. "Was mit langen Ärmeln ja nicht geht."
"Es gibt keinen Königsweg"
Bei Regiomed, dem bayerisch-thüringischen Klinikverbund mit Häusern u. a. in Lichtenfels, Coburg und Neustadt bei Coburg, wird das Thema intensiv diskutiert. "Es gibt hier keinen Königsweg", erklärt Birgit Schwabe.
Während die Klinik in Hildburghausen "nahezu kittelfrei ist", so die Pressesprecherin, gebe es die Arztkittel mit langen Ärmeln in anderen Häusern noch. "Wichtig ist", so Schwabe, "eine dem Anlass und der Tätigkeit angemessene Kleidung."
Christoph Winter