Inge Rehäußer wischt mit der Hand über den Tresen. Wie jeden Tag steht die Unternehmerin aus Höchstadt in ihrem Geschäft an der Schranne 3, das sie dort seit über 40 Jahren betreibt. Die Kunden kommen zu ihr, wenn sie eine Schultasche für ihre Kinder brauchen oder einen Ledergürtel für die neue Jeans. Inge Rehäußer nimmt sich dann immer viel Zeit, um die Kunden ordentlich zu beraten. Schließlich geht es in ihrem Beruf genau darum, ums Beraten.

Aber damit ist nun bald Schluss. Denn zum Ende des Jahres sperrt Inge Rehäußer ihren Laden zu. Die 73-Jährige habe lange über den Entschluss nachgedacht, wie sie sagt, die Umstände lassen es jedoch nicht mehr zu, den Laden weiter zu betreiben. "Ich habe die Arbeit immer gerne gemacht. Aber jetzt bin ich froh, wenn es vorbei ist."

Keine schönen Jahre

Dass Rehäußer ihren Laden zusperren will, liegt zum einen daran, dass sie längst das Rentenalter erreicht hat, wie sie sagt. Zum anderen seien die vergangenen Jahre aus unternehmerischer Sicht nicht mehr schön gewesen. Kunden seien nur noch in ihren Laden gekommen, um sich zu informieren. Gekauft habe bei ihr kaum noch jemand etwas. Die meisten bestellen die Schultaschen lieber im Internet - weil es einfach bequemer ist, sagt sie.

Auch ihr Sohn, der in der IT-Branche in München arbeitet, wollte den Laden nicht übernehmen. Zwar habe es einige Interessenten gegeben, die die Geschäftsräume gerne angemietet hätten. Für Mieter außerhalb der Familie sei der Laden allerdings wenig attraktiv, da die darüberliegende Wohnung der Rehäußers nur durch eine offene Treppe vom Laden getrennt ist. Hinzu kommt, dass der Verkaufsraum über keine sanitären Anlagen verfügt, was für Einzelhändler heute erforderlich ist.

Die Stadt hat sich verändert

Aber nicht nur die gesetzlichen Vorgaben haben der Unternehmerin in den vergangenen Jahren zugesetzt. "Die Stadt hat sich verändert", sagt Rehäußer. Sie erinnert sich noch gut an die die Zeit, als sich fast in jedem Haus der Stadt ein Laden befand. Doch seien davon heute nicht mehr viele übrig. Für Rehäußer hat das damit zu tun, dass die Leute inzwischen lieber an den Stadtrand ins Aischpark-Center fahren, als in die Stadt zu kommen. "Ich kann die Jungen verstehen, wenn sie den Job nicht machen wollen. Die Stadt ist leer. Es ist traurig."

Hausfrau kam nicht in Frage

Das war anders, als Inge Rehäußer im Laden zu arbeiten anfing. Damals hatte sie der Schwiegervater vor die Wahl gestellt: Entweder sie helfe im Laden mit oder er müsse zusperren. Weil die gelernte Bankkauffrau keine Stelle in Aussicht hatte und nicht zu Hause rumsitzen wollte, fing sie bei ihm an. "Als Hausfrau wäre ich verrückt geworden", sagt die Unternehmerin.

Damals war das Geschäft noch ein vollwertiger Raumausstatter, der Fußböden verlegte und Wände tapezierte. Aber weil die Arbeit irgendwann zu aufwendig geworden war, stellte man um, was für Rehäußer nicht nur negativ war. Schließlich konnte sie sich nun vollständig der Beratung widmen. "Das Schönste am Beruf ist der Umgang mit Menschen", sagt Rehäußer.

Es ging ihr um die Menschen

Deshalb ist sie schon ein bisschen wehmütig, wenn sie an die Zeit zurückdenkt. Die Menschen seien immer vor dem Umsatz gestanden, sagt Rehäußer. Sie kamen, um einzukaufen, das schon. Aber manchmal eben auch nur, um zu plaudern. Über die Stadt und die neuesten Ereignisse, über das Leben an sich. Das, sagt Inge Rehäußer, werde sie an ihrem Beruf am meisten vermissen: Die Menschen.

Urlaub in Ägypten

Vor Jahren flog Rehäußer mit ihrem Mann um die Welt. Sie war in New York und in der Sahara. Auf dem Rücksitz eines Jeeps sei sie damals mit ihrem Mann durch die Wüste gefahren, um das Land zu entdecken. Strandurlaub sei nie ihre Welt gewesen. Wenn sie ihren Laden am 31. Dezember schließt, will sie noch einmal reisen. Vielleicht nicht so weit weg. Aber eine Fahrt mit dem Bus zu den Enkelkindern nach München müsse schon drin sein. Schließlich weiß man nie, wie viel Zeit noch bleibt, sagt Inge Rehäußer.