"Er flehte, dass wir ihn nicht loslassen": Blinder fällt zwischen Zugwaggons - 27-Jährige wird zur Lebensretterin

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Erlangen: Blinder Mann fällt zwischen Zugwaggons - Lebensretterin (27) berichtet von Schockminuten
Der Regionalzug war kurz vor der Abfahrt von Erlangen nach Nürnberg, als Sara Häublein einem Blinden in akuter Not half.
Erlangen: Blinder Mann fällt zwischen Zugwaggons - Lebensretterin (27) berichtet von Schockminuten
Jonas Walzberg/dpa (Symbolbild); privat; Collage: inFranken.de

Sara Häublein erlebte am Erlanger Hauptbahnhof hautnah mit, wie ein blinder junger Mann zwischen die Waggons eines Zuges fiel, der kurz vor der Abfahrt stand. Auch Tage später bewegt sie die adrenalingeladene Rettungsaktion.

  • Brenzlige Minuten am Erlanger Hauptbahnhof: Blinder fällt ins Gleisbett
  • "Taschen zur Seite gepfeffert": Zeugin berichtet von Rettungsaktion
  • Überwältigt von Zusammenhalt: Mehrere Menschen helfen
  • Achtjähriger Sohn sieht zu: Mutter resümiert Aktion nachdenklich

Sara Häublein wartete am Freitagnachmittag (29. September 2023) am Erlanger Hauptbahnhof auf ihren Regionalzug nach Nürnberg. Als der Zug eingefahren war, lehnte ein blinder junger Mann zunächst ihre Hilfe freundlich ab. Wenige Augenblicke später aber litt er Todesängste. Häublein und weitere Menschen taten sich in Windeseile zusammen, um den Mann aus dem Gleisbett zu ziehen, in das er gefallen war. "Es war ein sehr, sehr großer Schock", sagt die Mutter eines achtjährigen Jungen im Gespräch mit inFranken.de.

"Mein Sohn sagte nur noch 'Oh Gott'": Blinder gerät an Erlanger Hauptbahnhof in Gleisbett

Der Regionalzug sollte um 15.01 Uhr von Erlangen abfahren und fuhr mit wenigen Minuten Verspätung im Bahnhof ein, wie die 27-Jährige erklärt. "Er hatte zwei Waggons. Der junge Mann hat ganz normal mit seinem Blindenstock auf den Zug gewartet und ging dann zu den Türen." Als er sich am hinteren Waggon an der Zugführertür festhielt, habe Häublein ihn gefragt, ob er Hilfe beim Einsteigen brauche. Dies habe er daraufhin verneint. "Ich wartete mit meinem Sohn, bis die Leute vor uns eingestiegen waren und stand mit dem Rücken zu dem jungen Mann. Mein Sohn sagte auf einmal nur noch 'Oh Gott!'".

Die Erlangerin sah daraufhin, wie der Mann zwischen den Waggons auf den Gleisen stand. Glücklicherweise sei dieser Ort "kein enger Spalt" gewesen. "Ich sagte meinem Sohn, dass er sich an die Seite stellen soll und pfefferte meine Taschen zur Seite", führt sie fort. "Ich rannte hin und sprang rein." Vier bis fünf weitere Personen hätten ebenfalls eingegriffen. "Ich glaube zwei bis drei Männer zogen ihn hoch und zwei Menschen schoben mit mir von unten. Der Mann hatte solch eine Panik und flehte, dass wir ihn nicht loslassen", schildert sie seine Reaktion.

Ob weitere Zeugen die Türen blockierten oder den Fahrer informierten, wisse sie nicht. Erst im Nachhinein sei ihr das Risiko wirklich bewusst geworden. In dem akuten Moment habe all ihre Aufmerksamkeit auf der Rettung gelegen. Mit vereinter Kraft gelang sei es schließlich, den Mann aus dieser lebensgefährlichen Lage zu bringen. Offensichtliche Verletzungen außer eine Schramme habe er nicht davon getragen, so Häublein. 

"Das sind Herzensmenschen" - Erlangerin erhält Anerkennung

Berührt zeigt sie sich von der gemeinschaftlichen Selbstlosigkeit. "Der Zusammenhalt war überwältigend." Ihr Sohn habe die Aktion beobachtet und den Mann daraufhin gefragt, ob es ihm gut gehe. Häublein wisse, dass es traumatisch für den Achtjährigen hätte werden können, wenn sie zu Schaden gekommen wäre. Anderseits hätte er aber auch den Tod des jungen Mannes miterleben können, sinniert sie im Nachhinein. "Wir hatten bis Samstagvormittag noch an der Situation zu kauen." Fragen nach dem Zustand des Mannes und seiner weiteren Reise hätten sie beschäftigt.

Kontakt zu dem Blinden oder den anderen Helfern habe sie nicht. Sara Häublein teilte die Geschichte in einer lokalen Facebook-Gruppe und sagt hierzu gegenüber inFranken.de: "Ich wünsche mir, dass er irgendwie auf meinen Post aufmerksam wird und ein kurzes Feedback gibt, ob es ihm gut geht. Denn es war eine sehr erschreckende Situation." Zunächst aber drückten viele Unbeteiligten ihren Respekt aus. "Danke, ganz toll, ohne weiteres Nachdenken gehandelt, das sind Herzensmenschen!" und "Sehr gut reagiert, ich ziehe meinen Hut für diese Selbstlosigkeit, sofort zu helfen. Danke an alle, alles Gute für den gestürzten Mann" ist beispielsweise zu lesen. 

Die Erlangerin sagt zum Schluss: "Ich hätte nie damit gerechnet, dass es tatsächlich so bedeutsam wird, wenn man Courage zeigt und sich selbst denkt: 'Sowas ist eigentlich selbstverständlich!'" Weitere Nachrichten aus Erlangen findest du in unserem Lokalressort.