Ans "Wörscht kratzen" erinnert sich Alfred Hartenfels noch genau. Sogar "des Sprüchla" kann der Medbacher noch hersagen: "Ich hab gehört, ihr habt geschlacht und habt so große Wörscht gemacht", fängt es an. Der Sinn war, dass die Burschen etwas abbekamen vom Schlachtfest. Das haben sie dann "beim Gogo", einem der vielen Geyers, die es in Kieferndorf gab, gemeinsam verzehrt.

Viele ähnliche Geschichten machten am Sonntagnachmittag die Runde. Marianne Zimmermann hatte ehemalige Kieferndorfer "zum Gedankenaustausch" zu sich nach Hause eingeladen, um für die Chronik etwas über das Kieferndorf von einst zu erfahren. Denn der kleine Höchstadter Ortsteil will am 10. und 11.
August seine Gründung vor 600 Jahren groß feiern.

In dieser Zeit seien auch die zwei großen Weiher angelegt worden, weiß Marianne Zimmermann, die mit dem Heimatforscher Sebastian Schmidt im Bamberger Staatsarchiv recherchiert hat. Ja, die Weiher spielten schon immer eine große Rolle in Kieferndorf, das in seinen Ursprüngen Kifferndorf hieß. Im Weiher wurden "die Gäul g'schwemmt", erzählt Alfred Hartenfels. Schon als Sechsjähriger saß er mit seinem großen Bruder auf dem Pferd, wenn es zum Waschen in den Weiher ging. Es habe auch gern besuchte Badeecken gegeben, wo sich die Jugend getroffen habe. Wegen der Weiher hätten alle schwimmen können - ganz ohne Unterricht. Im Winter wurde auf den Teichen Schlittschuh gelaufen oder "Eis gehackt", damit Sauerstoff in den Weiher kam.

Schneereiche Winter

Elisabeth Dellermann sind die schneereichen Winter im Gedächtnis. Für ihren zweieinhalb Kilometer langen Schulweg nach Etzelskirchen brauchten die Kinder 45 Minuten. Der "Schlucht" (Hohlweg) sei man lieber ausgewichen und über die Äcker gelaufen. Wegen der dreckigen Schuhe habe es dann Krach vom Lehrer gegeben. Auch die eine oder andere "Prunzrubm" (weiße Rübe) wurde vom Acker mitgenommen, erzählt ein anderer. Dann sei einem der Bauer mit der Mistgabel nachgegangen.

Hausaufgaben, Gäns' hüten und auf dem Hof mitarbeiten, so lief das Leben der Kinder vor 50 Jahren ab. Mitunter sei man beim Gänsehüten eingeschlafen. "Wenn die Gäns' dann n'ein Nachbarn sein Getreide sind, war der Teufel los", erzählt Hans Hartenfeld. Paula Geyer ist eine in der Runde, die nicht in Kieferndorf geboren ist. In das "Dorf zwischen Weiher und Wald" kam sie 1946 als Flüchtlingskind. Sie hat einen Kieferndorfer geheiratet. Nein, sagt sie heute, Probleme habe sie nie gehabt. Auch wenn ihre vierköpfige Familie in einem einzigen Raum lebte.

Viele Geschichten ranken sich um das Jahr 1945 "als die Amis kamen und die Häuser nach versteckten Soldaten durchsucht haben". Einen Kieferndorfer hätten sie beinahe erschossen. "Wir haben uns im Felsenkeller versteckt", sagt Alfred. Sein Bruder sei mit einem weißen Betttuch raus und habe friedliche Absichten signalisiert. Einmal wäre beinahe ein Unglück passiert: Die Buben hätten im Weiher eine Handgranate gefunden und sie immer wieder aufs Eis geworfen. "Es hat eine laute Explosion gegeben und wir war'n dann a bissla schwarz", kann Hans Hartenfels heute scherzen.

An die 30 Kinder und elf Pferde dürfte es kurz nach dem Krieg im Dorf gegeben haben. 1939 zählte der Ort sogar einmal 51 Einwohner, weiß der Alfred und genehmigt sich eine Prise.

Wenn sie schon nicht "übern Mist" geheiratet haben, weit weg sind die ehemaligen Kieferndorfer nicht gezogen: Sie leben in Bösenbechhofen, Saltendorf, Etzelskirchen, Höchstadt, Gremsdorf, Krausenbechhofen, Buch, Lonnerstadt, Zentbechhofen oder Medbach.

In einem Punkt sind sich alle einig: Früher war es schöner als heute. Man sei oft zusammen gekommen - "einen Fernseher hat's ja nicht gegeben". Im Winter sei man reihum von Haus zu Haus gezogen und habe Schafkopf oder 66, Mühle oder Mensch-ärgere-dich-nicht gespielt.

Aufregung um schlafendes Kind

Dass mal jemand im Weiher ertrunken wäre, sei nicht bekannt. Doch dann erzählt Marga Popp, dass einmal der kleine Weiher abgelassen wurde, weil man dachte, ihr kleiner Bruder Rudi sei ins Wasser gefallen. Nach langer Suche habe man ihn dann gefunden - schlafend im Hasenstall. Ihre kleine Schwester Gitta sei einmal mit dem Fahrrad in den Weiher gefahren. Die ältere Marga hat sie dann sofort herausgezogen, ohne dass das Kind Schaden genommen hatte.

In Kieferndorf gab es 1960 das erste Auto, das Georg Hartenfels gehörte. Die Familie Geyer, Hausnummer 8, hatte 1952 den ersten Bulldog im Dorf. Heute zählt der Ort 44 Einwohner.