Wie jeden Montag klappern die Nadeln beim Strickclub Herzogenaurach in den Räumen des Seniorenbüros. Ingeborg Schwalfenberg strickt mit Leidenschaft. "Etwas" schwieriger darf bei ihr das Modell schon sein. Und auf den Vintagelook steht sie auch.

Da kommt es ihr sehr gelegen, dass ein Stapel alter Modehefte - aus den 40er und 50er Jahren - die Runde macht. Es dauert gar nicht lange, da hat sie sich in einen lila Pullover verguckt. Den will sie nacharbeiten.
Zwei Seiten sieht Schwalfenberg beim Handarbeiten: Sie erhält ein absolutes Unikat und der Preis stimmt, wie Hanne Münk bestätigt.

Enorme Preisdifferenz

Die Jacke, die sie trägt, ist ihr auf 50 bis 60 Euro gekommen. "Das ist der Wollpreis gewesen. In einer Boutique habe ich ein sehr ähnliches Stück gesehen.
Das kostete 800 Euro", nennt sie als Beispiel für die Summe, die man immer noch durch Handarbeiten sparen kann.

Der Kostenfaktor, das wissen die Strickerin genau, war für ihre Mütter ganz entscheidend. Für sie als Kinder war es selbstverständlich, Handgestricktes (oder Gehäkeltes) zu tragen. Und oft war der Kinderpulli eine Zweitverwertung. Ein Strickstück in Erwachsenengröße wurde fein säuberlich in seine Teile getrennt und dann Masche für Masche aufgetrennt. Die verwendete Wolle war danach in Maschenform gekräuselt und musst erst geglättet werden, ehe sie nochmals verstrickt werden konnte. Darum wurde sie in feuchtem Zustand um Flaschen oder Brettchen gewickelt und dann erst zu Knäueln gerollt.

Sendung mit der Maus

"Das kenne ich nicht mehr aus eigener Anschauung", sagt Kerstin Lochner, die jüngste in der Runde."Aber ich habe in der Sendung mit der Maus das mit meinen Kindern gesehen", erinnert sie sich. Dort hatte die Mutter von Armin aus einem alten Wehrmachtspullover ein neues warmes, aber entsetzlich kratzendes Teil für den späteren Mausmacher gestrickt. "So wie die das gezeigt haben, so war das wirklich", bestätigt eine deutlich ältere Kollegin.

Auch bei neuer Wolle konnte man nicht einfach das Knäuel nehmen und loslegen. Die Wolle musste erst von der Docke gewickelt werden. "Sollte ich einen neuen Pullover bekommen, musste ich erst meiner Mutter beim Abwickeln helfen. Das heißt geduldig die Arme mit dem Wollstrang gestreckt halten, bis meine Mutter die Wolle abgewickelt hatte", erinnert sie sich.

"Und aus zwei mach eins, galt auch." Sie weiß noch, dass der bunte Strickrock einfach um ein paar Ringel verlängert wurde, als sie in die Höhe schoss. War sie aus dem Pullover hinausgewachsen, wanderte der nicht etwa in die Kleidersammlung, sondern wurde aufgetrennt. Mit der Wolle eines zweiten oder einem neuen Knäuel in einer anderen Farbe reichte es dann wieder für einen Pullover in der nächsten Kindergröße.

Mit der Mode wollten die Frauen damals in den Kriegs- und Nachkriegsjahren trotzdem gehen. Auch wenn ein neues Kleidungsstück viel seltener angeschafft oder selber hergestellt werden konnte. Das Abändern, das Ersetzen einer Garnitur durch etwas Neues, war die Lösung.

New Look mit weiten Röcken

Daran haben wohl auch die Designer jener Zeit gedacht, kann man den alten Modevorschlägen entnehmen. Aufgestickte Blümchen machten aus einer weißen Strickjacke ein wärmendes Oberteil zu einem Dirndl. Ein Krägelchen, ein Schleifchen, ein Gürtel und das schlichte Kleid wirkte gleich ganz anders. "Wenn man hier so blättert, sieht man es deutlich, es herrschte Mangel an Stoff und Material. Die langen weitschwingenden Röcke zum Beispiel kamen erst Anfang der 50er Jahre", fällt Gabriele Borkenstein auf.

"Wir hatten im Winter auch gestrickte warme Unterwäsche", erinnert sich Münk, als sie in einem der Hefte Vorlagen für Bettjäckchen, Höschen und Hemdchen entdeckt. "Die Bettschuhe durften nicht fehlen. Wir schliefen ja in ungeheizten Räumen." Allenfalls eine Wärmflasche sorgte für Schlafkomfort.

Doch Socken fürs Bett habe sie auch schon gestrickt, fügt Lochner an. Die Liebsten sollen doch nicht unter kalten Füßen leiden. Überhaupt herrsche nach handgestrickten Socken in ihrer Familie große Nachfrage: Den Tragekomfort der Schurwolle und die Socken in der Wunschfarbe und/oder im Traummuster. Das bekommt man nur von Mama oder Frau...