Als Erfinder mag sich Manfred Fuchs nicht bezeichnen. Dann schon lieber als Züchter. Privat haben es dem 56-jährigen Nürnberger holländische Zwerghühner angetan. An seinem Arbeitsplatz züchtet Fuchs etwas anderes: Nadeln. "Die Schwierigkeit besteht darin, die Nadeln nicht zu breit und dafür lang zu züchten", sagt er. Fuchs' Nadeln wachsen nicht auf Bäumen, sie gedeihen zum Beispiel auf einem Glassubstrat und bestehen aus Cäsium-Jodid, einem Salz, weiß in der Farbe, kristallin im Zustand.

Dieses Cäsium-Jodid hat eine Eigenschaft, die es für die Röntgentechnik seit langem interessant macht. Es leuchtet. Beim Röntgen sorgt es später dafür, die Röntgenstrahlen in sichtbares Licht umzuwandeln.
Dieses Licht wird dann von Photodioden in elektrische Signale umgesetzt und kann vom Arzt am Computerbildschirm betrachtet werden.

Mehr als 100 Patente

"Es gibt nur wenige Spezialisten auf der Welt, die das Handwerk des Nadelzüchtens beherrschen", sagt Manfred Fuchs und zeigt eine Aufnahme mit dem Rasterelektronenmikroskop. Feine Striche sind zu sehen, die eng aneinander liegen. "Man muss die Aufwachsbedingungen so schaffen, dass sich Schichten mit wenig Hohlräumen entwickeln und zugleich jede Nadel optisch voneinander getrennt ist." Wie er diese Bedingungen schafft, bleibt sein Geheimnis.

Mehr als 100 Patente hat Fuchs in seinen 32 Jahren bei Siemens schon angemeldet. Alle haben sie mit Röntgentechnik zu tun. Dabei wäre der Tüftler in jungen Jahren fast an einem schlechten Zeugniseintrag gescheitert. Da er zwar "ein schlechter Schüler" war, aber im Fach Chemie zu den Besten zählte, bewarb er sich nach der Realschule als Chemielaborant. "Doch durch den Eintrag in meinem Zeugnis ,Sein unbeschwertes Wesen regte nicht sehr zur Leistungssteigerung an‘ waren sämtliche Bemühungen zum Scheitern verurteilt", erzählt er.
Heute kann er darüber schmunzeln. Nachdem ihn niemand als Chemielaborant haben wollte, machte er auf der Fachoberschule sein Abitur und studierte Chemie. Sein Studium schloss er mit 1,3 ab. "Ein halbes Promille vom Studienwissen", sagt der Chemieingenieur, könne er bei seiner derzeitigen Arbeit noch brauchen. Jetzt sei vielmehr physikalischer Sachverstand gefragt.

Sein Arbeitsplatz ist eine Mischung aus Labor und Werkstatt. Fuchs holt eine weiße Platte hervor. Sie ist 43 mal 43 Zentimeter groß. Es gibt sie aber auch noch kleiner. "Sie kommt in den Detektor des Röntgengeräts und wandelt die Röntgenstrahlen in sichtbares Licht", erklärt er. "Das Weiße sind die Cäsium-Jodid-Nadeln."

Von Nadeln ist nichts zu sehen. Die Oberfläche ist glatt wie ein Kunststoffüberzug. Erst unter dem Mikroskop würde man die Nadeln erkennen, die eine Maschine in Fuchs' Labor aufgedampft hat. Je mehr Licht so eine Platte sichtbar macht, desto besser. 2005 gelang Fuchs die Herstellung einer Leuchtstoffschicht, die etwa 15 Prozent mehr Licht emittierte als die bisherigen. In vielen modernen Röntgengeräten steckt heute so eine Leuchtstoffplatte. Das hat laut Fuchs Vorteile für die Patienten: "Bei gleicher Strahlendosis gibt es ein besseres Röntgenbild oder für ein gleichwertiges Bild sind weniger Strahlen nötig." Früher musste man Filme wechseln, heute wird alles digitalisiert.

Fuchs arbeitet weiter daran, sein Verfahren zu verbessern. Sein unbeschwertes Wesen hat er bis heute nicht abgelegt.