Mit dem Kuli in der Hand und der Brille auf der Nase beugt sich Harald Meergrün über die bunten Wahlzettel. Die hat er komplett über seinen Tisch verteilt, die Fernsehzeitung und sein Terminkalender, in dem er alles genau festhält, liegen darunter. Seit eineinviertel Jahren lebt der gebürtige Erlanger schon im Seniorenzentrum St. Anna in Höchstadt. An der Wand unzählige Bilder von seiner verstorbenen Frau, seinen drei Söhnen und seinen Enkelkindern. Meergrün ist 91 Jahre alt - und geistig noch topfit. Er weiß genau, wo er seine Kreuzchen macht: "Ich habe mich informiert, wo die Unterschiede liegen."

Als Vorsitzender des Bewohnerbeirats hat er sich auch mit den anderen Bewohnern, ob im Speisesaal oder bei einem Spaziergang auf dem Marktplatz, über die Kommunalwahlen unterhalten. "Ich wollte wissen, ob noch Unklarheiten für einzelne bestehen.
Die meisten sind aber klar in ihrem politischen Bild", erklärt der einstige Geschäftsführer einer Kapitalgesellschaft.

Das Pflegepersonal des Senioren Zentrums St. Anna hält sich weitestgehend zurück, wenn es um das Ausfüllen der Wahlunterlagen geht. Behilflich werden die Schwestern nur, wenn sie von den Bewohnern darum gebeten werden und es keine Angehörigen gibt, die sich darum kümmern. "Wir wollen keine politischen Lenker sein. Da sind wir ganz bewusst so zurückhaltend", erklärt die Leiterin Johanna Auerbeck.

Gemeinsame Zeitungsrunde

Einen Bewohner bei seiner Wahl zu beeinflussen und als Vormund aufzutreten, käme für sie und ihr Personal nicht in Frage. "Wir sind mehr Moderator. Grundsätzlich ist es Sache der Familie", sagt Auerbeck. Das Interesse an den Wahlen sei ohnehin völlig unterschiedlich. "Es gibt schon welche, die über die Wahl und die Kandidaten diskutieren. Vor allem die gemeinsame Zeitungsrunde am Morgen finden viele spannend."

Doch es gibt genauso Bewohner, für die die Wahl nächste Woche - im Gegensatz zu Harald Meergrün - überhaupt kein Thema mehr ist. Das weiß auch Doris Kratz von der Verwaltung des Alten- und Pflegeheims des Bayerischen Roten Kreuzes in Etzelskirchen: "Manche können das aufgrund ihrer Vorerkrankung gar nicht mehr richtig erfassen oder sich mit der Politik gar nicht mehr auseinandersetzen." Wiederum andere kommen gebürtig nicht aus dem Landkreis, sondern wurden von ihren Kindern, die hier berufstätig sind, ins Altenheim geholt: "Viele kommen aus ganz Deutschland. Das interessiert die nicht, wer hier Bürgermeister werden will."

Manche gehen ins Wahllokal

Dennoch, wahlfaul sind die Heimbewohner keineswegs: Bei der Wahl des Heimbeirats im vergangenen Herbst war die Wahlbeteiligung immerhin bei 40 Prozent. "Das haben wir auch schon schlechter gehabt", erinnert sich Kratz.

Einige Bewohner haben die Briefwahlunterlagen bereits ausgefüllt. Manche selbstständig, manche mithilfe der Angehörigen. "Die, die wählen wollen und es fassen können, die machen es auch", betont Kratz. Und diejenigen, die gut zu Fuß sind, gehen direkt in die Wahlkabine gleich ums Eck im Wahllokal der Grundschule. "Vereinzelte machen das schon", erzählt Pflegedienstleiterin Nicole Stegmeyer.

Im Seniorenzentrum Adelsdorf sind es 69 Bewohner. "Ich denke mal, 25 bis 30 von ihnen werden bestimmt wählen", vermutet Schwester Nicole Badum. Über die Wahlen unterhalten sich die Bewohner allerdings eher weniger. Wenn, dann ebenfalls bei der morgendlichen Zeitungslektüre. Auch Harald Meergrün ist begeisterter Zeitungsleser. Wer die Wahl gewinnen wird, darauf ist er schon gespannt. Seine Kreuze sind gemacht.