H elga Krug weiß, was manche Leute von ihr halten. Und wie über sie gesprochen wird. Von Humbug ist dann die Rede. Von Spinnerei und Aberglauben. Helga Krug weiß aber auch, dass es andere Menschen gibt. Menschen, denen der Blick in die Karten gut tut. Menschen, die traurig gekommen sind und ihr Haus mit einem Lächeln verlassen.

Helga Krug wohnt im Würzburger Stadtteil Heidingsfeld. Mittendrin, von außen ein Haus unter vielen. Innen schaut es schon anders aus. "Wir gehen hoch in mein Hexenzimmer", sagt sie und lacht. Eine abgehobene Esoterikerin, die bei sphärischer Musik in Glaskugeln schaut und dabei geheimnisvolle Worte vor sich hin murmelt, ist die 63-Jährige jedenfalls nicht. Eher eine resolute Frau, selbstbewusst.
Helga Krug könnte auch Oberschwester in einer anthroposophischen Klinik sein oder die Inhaberin eines Buchladens.

In Frammersbach, im tiefen Spessart, ist die Frau aufgewachsen, die heute Seelen- und Energiebilder malt, die ein Buch mit dem Titel "Eine Reise in die Anderswelt" geschrieben hat. Die sich in schlechten Momenten in ihr Gartengrundstück am Main zurückzieht und sich an einen Baum setzt. "Der zieht meine negativen Energien ab und leitet sie ab in den Boden", sagt sie. "Natürlich danke ich Mutter Erde dafür." Sätze, bei denen die meisten Menschen mit den Augen rollen, abwinken, oder vielleicht sogar in schallendes Lachen ausbrechen. Helga Krug schaut dabei ganz ernst. Sie hat diese Erfahrungen für sich gemacht. Sie gibt sie an Ratsuchende weiter. Natürlich gegen ein Honorar. Helga Krug gehört nach eigenen Worten zu den günstigeren Anbietern in einer Branche, die wächst.

Frauen ab 40 Jahren sind ihre Hauptklientel, ganz allgemein Menschen in einer Phase der Veränderung und Orientierung. Männer kommen eher selten. "Die haben mehr Angst", sagt sie und schmunzelt. Dabei ist Angst gar nicht angebracht. Helga Krug meint es gut mit ihren Kunden. Ihre Intention: "Ich will diesen Menschen wieder ein Ziel geben, eine Richtung in ihrem Leben." Das Kartenlegen dient ihr als Einstieg in ein Gespräch - über das Leben, die Liebe, den Beruf, über Hoffnungen und Enttäuschungen. Vorabinformationen will sie nicht. Die Kunden sollen nicht glauben, dass sie trickst. Helga Krug legt lieber gleich los.

Über alles spricht sie aber nicht. Gesundheit, Krankheit, Tod und Geburt: alles Tabuthemen. "Diese Dinge liegen in göttlicher Hand", sagt sie. Dabei war der Tod ausschlaggebend für ihren eigenen spirituellen Weg. Vor 40 Jahren hat sie ihre große Liebe verloren. Helga Krug wollte wissen, wo er ist, wie es ihm geht. Sie hat spirituelle Bücher gelesen, sich Tarot-Karten legen lassen. "Es hat mir geholfen", sagt sie. Einmal diesen Weg eingeschlagen, kam sie nicht mehr davon los. "Es war wie ein Sog, der mich gepackt hat", sagt sie. Die Heidingsfelderin belegte Kartenlege-Seminare, Kurse in psychologischer Lebensberatung. Ihre wichtigste Erfahrung: ein "Schattenseminar" am Chiemsee. "Ich habe meine eigene Geburt durchlebt", sagt sie.

Wieder so ein Satz, bei dem sich der Zuhörer innerlich zwickt und fragt, ob die 63-Jährige noch ganz bei Trost ist. Helga Krug kennt diese Ressentiments, nimmt sie nicht übel. "Natürlich gibt es Leute, die mich als spinnert bezeichnen", sagt sie. Als Abwertung begreift sie das nicht. Eher als Gegenteil. "Gott sei Dank ist das so", sagt sie. "Das heißt doch, dass ich nicht so bin wie die anderen."

Ganz freundlich schaut sie, als sie von ihrer "Rückführung" berichtet. Da habe sie erfahren, dass sie mit ihrem jetzigen Mann schon einmal verheiratet war, in einem anderen Leben. "Damals war ich allerdings der Mann und er die Frau." Keine Regung, keine Anzeichen von Wahnvorstellungen. Helga Krug könnte in diesem Moment auch ihren Einkaufszettel vorlesen.

Worte sind das Eine, Taten das Andere. Helga Krug hat viel von sich erzählt, jetzt legt sie mir die Karten. Lenormand-Karten zuerst, dann ihr eigenes Deck. "Ich schaue nicht in die Zukunft", betont sie vorher. "Aber ich erkenne Tendenzen." Die Zukunft machen wir uns alle selbst, belehrt sie mich. Jeder für sich - durch seine Entscheidungen.

Meine künftigen Entscheidungen sagen mir durchaus zu: eine Auslandsreise und eine Weiterbildung liegen auf dem Tisch. Einen Grund zum Klagen habe ich laut Karten nicht. Alle Veränderungen deuten zum Positiven hin. Die Karte der Harmonie liegt zentral. Glück in der Liebe, auch finanziell werde ich nicht darben müssen. So weit die Prophezeiungen der Lenormand-Karten. Dann legt Helga Krug ihr eigenes Orakelblatt dazu. Die Karten hat sie selbst gestaltet, Bilder mit Symbolen wie Mond, Sonne oder Bäumen gemalt. Die "Klarheit" erscheint als erstes - will heißen: ich weiß, was ich will. Freundschaften sind mir wichtig, die Kinder. Der Turm steht für eine Befreiung. Ketten müssen gesprengt werden. Ein paar traurige Gedanken sieht Helga Krug in meinen Karten, aber auch eine göttliche Führung. Die zwei letzten Karten, quasi Quintessenz der Sitzung: Mit Bedacht und Geduld werde ich durchs Leben gehen. Mutig, aber auch achtsam bleiben. Und ich werde wissen, dass es auch eine andere Welt als die reale gibt. Nach den zwei Stunden mit Helga Krug bin ich versucht, ihr zuzustimmen.

Info: Helga Krug, www.lebensberatung-krug.de.