Coburg
Begegnung

Zwischen Weimar und Coburg: Der poetische Klang der Erinnerung

Wie der Dichter und Musiker Christian Rosenau seinen neuen Lyrik-Band mit einer musikalischen Lesung in der Stadtbücherei Coburg vorstellt.
Der Dichter und Musiker Christian Rosenau und die Sopranistin Luise Hecht gestalteten eine musikalische Lesung im Innenhof der Stadtbücherei Coburg.Foto: Jochen Berger
Der Dichter und Musiker Christian Rosenau und die Sopranistin Luise Hecht gestalteten eine musikalische Lesung im Innenhof der Stadtbücherei Coburg.Foto: Jochen Berger
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Kann man mit Worten musizieren, ohne dabei zu singen? Man kann. Das hat einst der Dadaist Kurt Schwitters mit seiner Ursonate auf ebenso unverwechselbare wie unwiederholbare Weise bewiesen.


Worte zum Klingen bringen

Das beweist aber auch Christian Rosenau mit einer musikalischen Lesung in der Stadtbücherei. Denn der seit einer Reihe von Jahren in Coburg lebende Künstler ist Musiker und Lyriker, ist Lyriker und Musiker gleich in doppelter Hinsicht. Denn Rosenau, in Weimar geboren und an der Musikhochschule seiner Heimatstadt als klassischer Gitarrist ausgebildet, ist ein Dichter, der Worte auf ganz und gar poetische Weise zum Singen, zum Klingen bringen kann.


Faszinierende Wortbilder

Musiker und Dichter, Dichter und Musiker - wer Christian Rosenau in der Stadtbücherei erlebt, wird sich am Ende gar nicht mehr die Frage stellte, was diesem Künstler wichtiger ist, die Wort- oder die Tonkunst. Denn in seinem neuen Lyrikband "Nadelstich & Schlangensprache" hat Rosenau Wortbilder geschaffen, die beim Lesen im inneren Ohr zu klingen beginnen - oder sich beim Rezitieren in Wortgesang verwandeln. Worte, die mehr bedeuten, als das, was sie scheinbar benennen. Worte, die faszinierende, bisweilen auch rätselhafte Assoziationswelten öffnen.


Biografische Bezüge

Oft aber haben die Assoziationswelten, die Rosenau dichtend lebendig werden lässt, auch ganz konkrete biografische Bezüge bis in die Kindheit. Mit seinen Gedichten, die er im Innenhof der Stadtbücherei einfühlsam vorträgt, geht Rosenau auf eine Reise zurück in die Kindheit - eine Reise, die freilich nicht der verklärenden Erinnerung dient. "Mir geht es nicht darum, Erinnerungen aufzuschreiben", sagt Rosenau. Ihn interessiert vielmehr der Prozess des Erinnerns an sich. In einem kleinen Dorf bei Weimar aufgewachsen, hat Rosenau, 1980 geboren, die Zeit der Wende und der damit einher gehenden Veränderungen mitten in seiner Schulzeit erlebt.


Hitze hing an langen Fäden

Die Natur spielt in seinen Gedichten ebenso eine wichtige Rolle wie der Lärm der Rotorblätter, den eine Staffel russischer Kampfhubschrauber in unmittelbarer Nähe des Dorfes produziert hat und der für Rosenau zu einem ganz selbstverständlichen Alltagsgeräusch wurde.

Von Hitze ("Die Hitze hing an langen Fäden") ist in Rosenaus Gedichten ebenso die Rede wie von Heimat. Rosenau schreibt an gegen "die ideologische Misshandlung des Begriffs Heimat" und vergewissert sich in dem Zyklus "unsere Heimat" der eigenen Erinnerungen an die eigene Schulzeit und Kindheit mit Konsummarken und Traktoristen, mit Girlanden und Hubschraubern, die er fliegende Panzer nennt.


Begeisterter Beifall

Der musikalische Teil bietet, so Rosenau, "Songs die uns sehr am Herzen liegen" - von Stevie Wonder ("Overjoyed") bis Kate Bush ("It doesn"t hurt me"), von Bill Withers ("Ain"t no sunshine") bis Eurythmics ("Here comes the rain again"). Christian Rosenau und der Sopranistin Luise Hecht gelingen dabei ganz eigene, freie und lebendige Interpretationen. Begeisterter Beifall.




Aus dem Leben eines Dichters und Musikers

Christian Rosenau geboren 1980 in Weimar, studierte an der Hochschule für Musik "Franz Liszt" das Fach Gitarre in Weimar und arbeitet derzeit als freischaffender Autor, Musiker und Musikpädagoge in Coburg.

Auszeichnungen Neben Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien, wie Sinn und Form, Akzente und dem Jahrbuch der Lyrik, sind bisher die Bücher "die Initialen der Vögel" (Literarische Gesellschaft Thüringen 2006), "Café" (Verlag Ulrich Keicher Warmbronn 2007), "Winterfurchen" (Verlag Ulrich Keicher 2009), "Im Zweifel nach Haus" (Wartburg Verlag Weimar 2012) und zuletzt der Band "Nadelstich und Schlangensprache" (Quartus-Verlag Jena 2018) erschienen. Er ist mehrmaliger Preisträger des Jungen Literaturforums Hessen/Thüringen (2005 und 2006), erhielt ein Autorenstipendium des Freistaats Thüringen (2007), sowie weitere Stipendien und Preise.

Buchtipp Christian Rosenau "Nadelstich & Schlangensprache", Gedichte mit sechs Zeichnungen von Ulrike Theusner,
104 Seiten, 50 Vorzugsexemplaren liegt je eine signierte
Radierung "Sandmann" bei (69,90 Euro), Normalausgabe 15,90 Euro, erschienen in der Edition Ornament im Quartus-Verlag, Bucha bei Jena 2018