Die Ernstfarm hat in den vergangenen Jahrzehnten gute sowie auch weniger gute Zeiten erlebt. Als jedoch Matthias Kornherr im November 2020 dort seinen Whisky-Laden eröffnete, schien das der Aufbruch in eine endlich mal wieder richtig rosige Zukunft zu sein. Zumal wenige Monate später auch noch Matthias Maier aus Sonneberg das Anwesen vor den Toren Coburgs für sich entdeckte und es seit dem als Event-Location vor allem für Hochzeiten nutzt.

Doch der Aufwind ist dahin. Plötzlich gibt's Gegenwind: Die insgesamt zehn Parteien, die derzeit auf dem Handwerker- und Gewerbehof zuhause sind, haben entweder eine Kündigung erhalten oder einen Aufhebungsvertrag vorgelegt bekommen. Das schmerzt allen voran Kerstin Schmidt: "Mein Herz hängt an der Ernstfarm", sagt sie, die bereits seit 2003 ihre Töpferei dort hat. Matthias Kornherr ist nicht nur wegen seines Whisky-Ladens in Sorge, sondern auch deshalb, weil er für 2022 bereits ein Kulturprogramm auf die Beine gestellt hat - mit Kleinkunst und viel Live-Musik. Matthias Maier wiederum hat sogar schon für 2023 ehrgeizige Pläne: Ihm liegen fast 30 Anfragen für Hochzeiten vor!

Woher kommt Geld für die Sanierung?

Die Situation für die einzelnen Mieter auf der Ernstfarm ist aber nicht nur frustrierend, sondern auch kompliziert: Eigentümer ist das staatliche Forst- und Domänenamt in Coburg. Diesem ist es bislang immer am liebsten gewesen, die Ernstfarm als Ganzes an einen einzigen Mieter zu vergeben. Das war seit Anfang des Jahrtausends der Zimmermann Walter Krahl, der dann wiederum die einzelnen Räumlichkeiten (und auch Wohnungen) untervermieten konnte. Den letzten Vertrag, den Walter Krahl mit dem Forst- und Domänenamt abgeschlossen hat, lief bis Ende 2023. Doch 2019 ist Walter Krahl gestorben. Sein Sohn hatte den Mietvertrag zunächst übernommen. Aber der Sohn führt auch einen Holzbau- und Zimmereibetrieb, auf den er sich jetzt mehr konzentrieren möchte. Deshalb hat er entschieden, die Ernstfarm aufzugeben. Die Untermieter sollen deshalb raus - bereits zum 30. Juni 2022.

Mieter sind ratlos: Wie soll es weitergehen?

Während die Untermieter wie Kerstin Schmidt oder Matthias Kornherr nun ratlos sind, wie es weitergeht, scheint dem Forst- und Domänenamt das alles gar nicht mal so ungelegen zu kommen. Das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass die Ernstfarm an vielen Ecken dringend saniert werden muss. Auf der Suche nach möglichen Zuschüssen kommt da eine komplett neue Nutzung ins Spiel. Nach Tageblatt-Informationen soll es bereits konkrete Überlegungen geben, die Ernstfarm wieder komplett landwirtschaftlich zu nutzen, und zwar mit einem ökologischen Ansatz.

Albert Schrenker, der Leiter des Forst- und Domänenamts Coburg, dementiert das auf Anfrage nicht. Er stellt allerdings auch klar, dass es aktuell bereits "mehrere Interessenten" gebe, die noch dazu unterschiedliche Ideen hätten. So sei es auch nach wie vor denkbar, auf der Ernstfarm innovative Wohnformen zu verwirklichen. Andererseits sagt Schrenker: "Man muss auch die Lage berücksichtigen. Und rund um die Ernstfarm gibt es nun einmal bereits landwirtschaftliche Nutzung."

Also führt die Spur doch wieder zu einem Bio-Musterhof. Ein solches Projekt würde zwar zu den historischen Ursprüngen passen, weil die Ernstfarm ja einst als "Musterfarm" angelegt worden ist.

"Das wäre doch Irrsinn!"

Doch Kerstin Schmidt würde das gleich aus mehreren Gründen für "Irrsinn" halten. "Die heutige Ernstfarm ist dafür überhaupt nicht mehr geeignet", glaubt sie. Außerdem sei es weder ökologisch noch nachhaltig, viele Einbauten, die es in den vergangenen 20 Jahren gab, jetzt wieder rückgängig zu machen. "Es sei denn, man will einen Kuhstall mit Parkettboden und Strakstromanschluss."

Zusammen mit Matthias Kornherr hat Kerstin Schmidt jetzt eine Interessengemeinschaft (IG) gegründet, die sich den "Erhalt der Ernstfarm-Kultur" zum Ziel gesetzt hat. Problem nur: Die Kontaktaufnahme mit dem Forst- und Domänenamt gestaltet sich bislang schwierig. "Man will nicht mit uns sprechen", hat Matthias Kornherr festgestellt. Dabei hätte er so vieles mitzuteilen: "Wir haben Visionen", sagt er und zählt auf, was für ihn und die IG-Mitstreiter zur "Ernstfarm-Kultur" gehört: "Leben, Wohnen, Arbeiten, Feiern, Genießen!" Oder, konkreter: Im März startet ein Musik- und Kleinkunstprogramm in seinem Laden; sobald das Wetter mitspielt, gibt's auch draußen Live-Musik. Für Pfingsten ist gar schon ein Festival mit vier Bands geplant. Und dann wäre da noch Kerstin Schmidt, die gerne wieder Märkte auf der Ernstfarm veranstalten würde.

Wann fällt die Entscheidung?

Das klingt ja schon fast nach einem Entwurf für ein Konzept, wie es das Forst- und Domänenamt demnächst von allen Interessenten erbitten wird. Denn Albert Schrenker sagt: "Wir wollen die Entscheidung, wie es mit der Ernstfarm weitergeht, nicht auf die lange Bank schieben." Er weiß allerdings auch: "Wir müssen uns erstmal einig werden, was wir dort wollen."

Der Amtsleiter schließt noch nicht einmal aus, dass der eine oder andere aktuelle Mieter auch künftig auf der Ernstfarm zuhause sein kann. Bei der Vergabe an einen neuen "Gesamt-Mieter" wäre es aber gut, wenn auf dem Areal vorerst keine Untermieter sind. Sprich: Die Immobilie soll also erst einmal "mieterfrei" sein.

So eine Aussage lässt die Sorgen bei Kerstin Schmidt noch größer werden: "Ich habe in meiner Töpferei zwei große, schwere Öfen - mit denen kann ich nicht mal eben schnell umziehen." Und schon gar nicht würde es sich lohnen, erst die Ernstfarm zu verlassen, um dann später wieder zurückzukehren.

Wenn sich Matthias Kornherr daran erinnert, wie viel Kraft, Zeit und Geld er in den Umbau seines Whisky-Ladens gesteckt hat, dann kommt er zu dem Fazit: "So eine Anstrengung unternehme ich nicht noch einmal." Wenn er die Ernstfarm verlassen muss, wird er anderswo nicht noch einmal neu anfangen. Dann ist Schluss.

HINTERGRUND: Die Ernstfarm

Die Vergangenheit Prinz Albert von Sachsen-Coburg und Gotha, der seit 1840 mit Queen Victoria verheiratet war, galt auch im Bereich der Landwirtschaft als Vordenker. So ließ er um 1850 in der Nähe von Schloss Windsor vor den Toren Londons eine Farm anlegen, die fortan als agrikulturchemische Versuchsstation zur Forschung auf chemisch-physiologischen Gebieten der Landwirtschaft und zur Kontrolle von Sämereien, Futter- und künstlichen Düngemitteln diente. Seinem Bruder Herzog Ernst II. schlug Albert vor, eine solche Musterfarm doch auch in Coburg zu errichten. So entstand 1878 die Ernstfarm. Seit 1920 gehört das im Kürengrund bei Scheuerfeld gelegene Anwesen dem Coburger Forst- und Domänenamt.

Die Gegenwart Derzeit hat die Ernstfarm den Charakter eines Handwerker- und Gewerbehofs; außer Stallungen sowie einer Töpferei und einer Schreinerei gibt es zum Beispiel einen Whisky-Laden und einen Hundefriseur. Seit dem Tod des damaligen Pächters Walter Krahl vor knapp drei Jahren gibt es auf der Ernstfarm keinerlei Gastronomie mehr. Aber: Seit 2021 nutzt Matthias Maier (Schlossberg Sonneberg) den großen Veranstaltungsraum (und den Innenhof) als Event-Location.

Die Zukunft Unabhängig von der Suche des Forst- und Domänenamts nach einem neuen Pächter soll die Ernstfarm am 15. und 16. Juli 2022 erstmals Schauplatz für das Punkrock-Festival "Outside Rodeo" sein, das bislang am Güterbahnhof stieg. Auch über eine Verlegung der Designtage auf die Ernstfarm wurde bereits spekuliert, falls der Güterbahnhof aufgrund der Umbauarbeiten vorübergehend nicht zur Verfügung steht. Außerdem ist die Ernstfarm oft ein Thema, wenn nach neuen Proberäumen für Bands gesucht wird. Denn die jetzigen Räume auf dem BGS-Gelände fallen weg, wenn dort das neue Klinikum gebaut wird.

Mehr zum Punkrock-Festival, das erstmals auf der Ernstfarm steigen soll, lesen Sie hier