Sich nicht die geringsten Gedanken um die Zukunft machen, weil sie von ganz allein kommt. Das schreibt Meike Winnemuth im August 2011 in einem Brief an sich selbst: Sie, 51, gerade auf Durchreise in Kopenhagen, hat sich entschieden, der 15-jährigen Meike von damals ein paar wichtige Lebensweisheiten in der Rückschau mitzuteilen. Ihr Mut zu machen aufs Leben. Ihr zu sagen: "Falls Plan A nicht funktioniert: Das Alphabet hat 25 weitere Buchstaben."

Anderthalb Jahre später sitzt die große Blonde mit der silbernen Teekanne aus Buenos Aires im voll besetzten Saal von St. Augustin und liest aus ihrem Buch "Das große Los". Geschichten aus zwölf Städten, die sie in zwölf Monaten bereist, bewohnt, beschnuppert hat.

Mut macht sie immer noch, aufs Leben und jeden Tag aufs Neue.
All den Frauen (und ein paar Männern), die davon träumen, endlich das Leben zu führen, was sie sich wirklich wünschen: unabhängig und frei, nur nach den eigenen Bedürfnissen, ohne die Erwartungen anderer erfüllen zu müssen. Dazu muss man wissen: 1. Meike Winnemuth hat sich diesen Traum verwirklicht. Und 2.Sie hat es nicht dem Zufall überlassen, sondern ist selbst aktiv geworden.

Der erste Schritt war die Anmeldung zu "Wer wird Millionär?" Der zweite war dann die richtige Wahl des Publikumsjokers. Der dritte schließlich bestand darin, die Leinen los zu lassen. Die 500 000 Euro, die sie nämlich tatsächlich in der Sendung gewonnen hat, haben ihr die Entscheidung leicht gemacht, sich zwölf Monate einfach mal frei zu nehmen, um ein Jahr durch die Welt zu gondeln. Budgetiert hatte die freie Journalistin üppige 5000 Euro pro Monat, plus 20 000 Euro Sicherheits- und Spielgeldpolster für unvorhergesehene Ausgaben. Sie wollte komfortabel leben. Aber das Geld auch nicht sinnlos für Fünf-Sterne-Hotels und First-Class-Flüge verpulvern.

Aha-Erlebnis

Was sie nicht einkalkuliert hatte: Sie arbeitete während der Reise jeden Tag, schrieb Reportagen, fütterte ihren Reiseblog (für den sie übrigens 2012 mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet wurde) und berichtete über die Gourmettempel dieser Welt. Aufträge bekam sie vom Magazin der Süddeutschen Zeitung, von "Geo" und "Feinschmecker".

Nach acht Monaten dann die schockierende Erkenntnis: "Ich hätte das Geld von ,Wer wird Millionär?' gar nicht gebraucht. Ich hätte jederzeit losziehen können." Genau dieses Aha-Erlebnis war ihr eine Lehre fürs Leben, was sie bei ihrer Leserreise quer durch Deutschland gern betont: "Es ist immer viel mehr möglich, als man in seiner Betriebsblindheit für denkbar hält."

Die Coburger, die der Einladung der Buchhandlung Riemann und des Hospizvereins Coburg gefolgt sind, wollen sich von der Weltreisenden (ganz in Blau), der Philosophin (neuerdings mit Hund) und überzeugten Teetrinkerin (sogar auf der Bühne) anstecken lassen. Auch sie wollen wissen, wie sich "Weltgeborgenheit" anfühlt und wollen Spickzettel bekommen, auf denen steht "Die Welt meint Dich". Wer wie eine "Flipperkugel durch die Welt geschwippt" wird und am Ende sagen kann: "Ja, so funktioniert das richtige Leben!" macht neugierig, weckt Sehnsüchte und animiert zur Nachahmung.

Bereits in der kurzen Pause - zwischen Kopenhagen und Barcelona - kreisen die Zuhörerinnen in fremden Umlaufbahnen. Manche folgen bereits der Anweisung "Walk on the gras!", wie man sie in Sydney im botanischen Garten findet. Viel mehr dürfen und können als man denkt, dazu fordert Winnemuth regelrecht auf. Die Strafzettel für ein verbotenes Betreten des deutschen Rasens will sie dann auch gleich übernehmen. Nicht lang schnacken, Koffer packen, lautet ihre Devise.

Auf geht's!

Und der gute Ehemann, der seine Frau zu diesem besonderen Leseabend eingeladen und ermuntert hat, nimmt's wörtlich: "Schatz, wie wäre es, wenn wir im nächsten Jahr damit anfangen. Lass uns doch mit dem Fahrrad einfach losradeln. Mitnehmen kannst Du aber nur, was auch in die Satteltaschen passt." Er grinst sie verliebt an. "Kein Problem, das machen wir!"

Und Meike Winnemuth? Was ist aus ihren Satteltaschen geworden? Die sind mittlerweile gut sortiert. Alles überflüssige hat sie aus ihrem Leben verbannt. Ihre 200 Quadratmeter große Wohnung in Hamburg hat sie untervermietet, sie selbst lebt auf 40 Quadratmeter. Im nächsten Jahr bereist sie Deutschland: Zwölf Städte in zwölf Monaten. Eine Station: Bamberg. Ganz allein macht sie das allerdings nicht mehr: Sie hat sich nämlich endlich ihren Kindheitstraum erfüllt und reist jetzt mit Hund, einem kleinen Fox Terrier.